Kurz vor der 44. Sendeminute bei Hart aber fair am 31. Oktober 2011: Der Moderator Frank Plasberg fragt, der Journalist Günter Wallraff antwortet zu seiner Arbeit in einer Brotfabrik. Zehn Wochen später, am Freitag, dem 6. Januar 2012, steht er deshalb vor der Pressekammer des Landgerichtes Köln , Aktenzeichen 28 O 999/11.

Was hatte Wallraff gesagt? »Ja, Moment, das waren aber Arbeitsplätze, wo die Kollegen, mit denen ich dort arbeitete, wir hatten alle Verbrennungen, die Anlage war so marode, da wurde keine Reparatur aus Kostengründen...« – wie man im Fernsehen so redet. Dann sagte er noch, der Inhaber der Brotfabrik entziehe sich der Gerichtsbarkeit. Dessen Namen erwähnte er nicht, auch nicht den der Firma. Frage, Antwort, Frage, Antwort: 96 Sekunden.

Der kritische Journalist, einst durch seine verdeckten Recherchen bei Bild und Thyssen bekannt geworden, hatte vom 13. Februar bis zum 12. März 2008 im rheinland-pfälzischen Stromberg unter falschem Namen in einer Großbäckerei gearbeitet. Sie stellte Brötchen für den Discounter Lidl her. Über die Zustände in der Bäckerei schrieb Wallraff eine Reportage für das ZEITmagazin . Die Veröffentlichung blieb juristisch so unangefochten wie sein Film Wo Arbeit weh tut und ein Buch zum selben Thema.

Im Jahr 2010 begann ein Strafverfahren gegen den Geschäftsführer der Bäckerei, Bernd W., wegen fahrlässiger Körperverletzung von Mitarbeitern. Der Prozess vor dem Amtsgericht Bad Kreuznach wurde bis heute mehrmals unterbrochen. Die Verfahren in Bad Kreuznach und in Köln haben von der Klage her nichts miteinander zu tun, doch etliche Zeugen treten hier wie da auf. Auch Wallraff soll im Strafverfahren gegen Bernd W. aussagen. Er nennt das Zivilverfahren gegen sich einen »Nebenkriegsschauplatz«: Es gehe der anderen Seite um die Einschüchterung von Zeugen des Strafverfahrens. Bernd W. Anwälte bestreiten das.

Im Auftrag des Großbäckers gehen sie vor dem Landgericht Köln jedoch auch gegen einen früheren Mitarbeiter der Backfabrik vor, der im Fernsehen über schlechte Arbeitsbedingungen sprach. Außerdem haben sie den Südwestrundfunk (SWR) verklagt, der über das Strafverfahren berichtete.

Die Vorsitzende Richterin der Pressekammer fragt zu Beginn: »Warum wendet man sich jetzt gegen Herrn Wallraff?« Mit der Aussage im Fernsehen habe Wallraff eine Grenze überschritten, sagt der Rechtsanwalt des Fabrikanten, Ralf Höcker. So habe Wallraff in der Talkshow gesagt, dass »alle« Kollegen Verbrennungen erlitten hätten, im ZEITmagazin habe er aber »fast alle« geschrieben. Das stelle eine Verschärfung dar. Ein Streit um vier Buchstaben.

Wallraff erwidert, das sei eine spontane Äußerung in einer Talkshow gewesen. Ein Dutzend ehemaliger Kollegen Wallraffs aus der mittlerweile geschlossenen Brötchenfabrik sind angereist, um ihn zu unterstützen. Der Großbäcker erscheint nicht. Etliche Journalisten beobachten das Verfahren. Nicht alle Berichte geben die Details später korrekt wieder.