Es ist eine alterprobte Kriegserklärung, aber sie fällt in eine neue Zeit. Der Iran will am 21. Januar erneut seine Kriegsschiffe in der Tankerstraße von Hormus auffahren, um zu üben, wie man diese sperrt. Es ist das zweite Mal binnen weniger Wochen. Im Dezember hatte der iranische Vizepräsident Mohammed Resa Rahimi ganz offen gedroht : "Nicht ein Tropfen Öl" werde durch diese Meerenge gelangen, falls die USA und ihre Verbündeten weitere Sanktionen gegen sein Land verhängten.

Westliche Sicherheitsexperten halten die Drohung zwar für einen Bluff, aber an den Rohstoff - und Finanzmärkten löst sie dennoch Angst und Schrecken aus. Schließlich passieren ein Fünftel der weltweiten Ölexporte die Straße von Hormus, deren Fahrrinne an ihrer engsten Stelle nur zehn Kilometer breit ist. Wenn der Iran seine Drohung wahr machte , dann könnte der Ölpreis sich schnell auf mehr als 200 Dollar pro Barrel verdoppeln. "Der reinste Horror", findet Eugen Weinberg, der oberste Rohstoffanalyst der Commerzbank . Zumal das Beispiel Schule machen könnte. "Muslimische Länder können die Weltwirtschaft durch strategische Flaschenhälse dominieren", erklärte vor einiger Zeit der iranische Generalmajor Jahja Safawi – also neben der Straße von Hormus auch noch am Sueskanal, an der Seehandelsroute von Malakka oder an der Meerenge von Bab al-Mandeb am Roten Meer.

Die iranischen Drohungen riefen schlagartig eine verdrängte Schwachstelle der westlichen Welt ins Bewusstsein zurück. Wohlstand und Wachstum entstehen heute in einem hochgradig verflochtenen System internationaler Wirtschaftsbeziehungen – der Globalisierung . Typische Produktionsketten umspannen Kontinente und Ozeane. Bis ein Auto oder Pullover oder Rasierer im Laden ankommt, sind seine Einzelteile gleich mehrfach mit unzähligen Zwischenstopps um die Erde gereist. Das Welt-Handelsvolumen hat sich seit 1990 fast verdreifacht; am weltgrößten Internetknotenpunkt, dem riesen Zentralrechner De-Cix in Frankfurt, verdoppelt sich das Datenvolumen Jahr für Jahr.

Was, wenn ein Unglück geschieht? Wenn irgendwo auf diesem langen Weg Krieger eine Meerenge sperren, Saboteure einen Telekommunikationsknoten, Hacker eine Weltbörse manipulieren? Was, wenn ein Land den Entschluss fasst, unverzichtbare Materialien ab sofort nicht mehr auszuliefern und die globalen Produktionsketten damit zu kappen?

Vor lauter Finanzkrise mochte man über solche Szenarien zuletzt kaum noch nachdenken. Trotzdem melden sich aus Denkfabriken, Militärkreisen und bei internationalen Unternehmensberatern neuerdings zunehmend mahnende Stimmen: Man dürfe nicht vergessen, dass rachsüchtige Diktatoren, Terroristen oder geostrategisch agierende Staaten dem Westen Schläge versetzen könnten. Zwar schaden solche Aktionen meist auch ihren Urhebern selbst, aber in der Hitze eines fast verlorenen Krieges oder im Fall einer fanatischen Terrorgruppe spielt diese Art von Rationalität kaum eine Rolle.

"Wir können die Systeme, die unseren Wohlstand und unsere Sicherheit garantieren, immer schlechter schützen", warnt das World Economic Forum (WEF) in einer Studie, die in dieser Woche erscheint. Und das ist nicht irgendein Bericht. Der Globale Risiken 2012- Report ist als geistige Einstimmung auf den Weltwirtschaftsgipfel in Davos gedacht, wo Manager, Akademiker und Politiker Ende Januar über die Geschicke der Welt debattieren.

Katastrophenforscher wie der Yale-Emeritus Charles Perrow warnen schon lange davor, dass mit dem Wohlstand zuletzt auch das Risiko katastrophaler Ausfälle gewachsen sei. Die Unternehmen knüpften neue Fäden an das Produktionsnetz, verwendeten aber zu wenig Gedanken und Geld darauf, seine Reißfestigkeit zu prüfen. Jeder Globalisierer denke zunächst an seinen eigenen Vorteil; in die Stabilität des gesamten Systems werde zu wenig investiert. Logistikexperten mahnen, es fehle an Puffern in Warenlagern, Ausweichgelegenheiten für die Produktion, es mangele an Investitionen in die allgemeine Infrastruktur. Schließlich sei die Globalisierung ja vom Profitdenken und von Kostenersparnissen getrieben.

In der Theorie klingt es also tatsächlich so, als müsse die Weltwirtschaft bei der nächstbesten Störung zusammenbrechen. Tröstlich nur: Bisher ist der Kollaps ausgeblieben. In der jüngeren Geschichte wurden gleich mehrmals zentrale Knotenpunkte der Globalisierung durchschlagen, doch jedes Mal wurden sie schnell repariert.