An einem frostkalten Dienstagnachmittag sitzt Bülent Çiftlik in seinem Bürgerbüro und wartet auf den Bürger. Um acht hat er sein Ladenlokal in der Einkaufsmeile von Hamburg-Altona aufgeschlossen, hat wie jeden Morgen sein Rennrad ins Büro geschoben, die Heizung aufgedreht, den Computer hochgefahren. Danach hat er mit dem Warten begonnen. Bürgerbüro hat er den Laden genannt, damit Bürger, die etwas auf dem Herzen haben, zu ihm kommen.

Ab und zu ist jemand vor dem Schaufenster stehen geblieben, hat ihn angeglotzt wie einen Goldfisch hinter Glas und ist weitergegangen. Çiftlik hat sich Tee gekocht, die Biografien von Dick Cheney, Condoleezza Rice und George W. Bush zu einem Haufen geschichtet und sich überlegt, was er darüber schreiben würde, falls ihn jemand um eine Rezension bitten sollte. Er hat an seinem eigenen Buch über türkische Jungen gearbeitet, das den Titel »Omega-Jungs« tragen soll, und sich gefragt, ob es noch einer drucken wird. Einmal öffnete sich die Tür des Ladens, und eine Bürgerin steckte den Kopf herein, eine Bulgarin. Ob er, der doch mal Politiker gewesen sei, ihr bei einer Vollmacht helfen könne? Endlich durchbrach eine menschliche Stimme die Stille, und er war nicht mehr auf sein Radio angewiesen. Nachdem er für die Bulgarin herumtelefoniert hatte, musste er wieder etwas gegen seine Bedeutungslosigkeit unternehmen. Er schob seine knallroten Sessel zu einem Halbkreis, sodass es aussah, als werde hier gleich eine Talkshow beginnen. »Bülent«, hatte ihm der Musikprofessor von gegenüber gesagt, einer seiner letzten Unterstützer: »Bülent, du musst sichtbar bleiben.« Ein öffentlicher Mensch, der seine Öffentlichkeit verliert, ist so gut wie tot.

Bülent Çiftlik. Auf dem Schaufenster steht noch sein Name, aber von der SPD sind nur die Ränder der aufgeklebten Buchstaben geblieben. Die SPD hat er mit einem Spachtel abgekratzt, nachdem ihn die Partei ausgeschlossen hatte. Ihn, den Shootingstar, den die Bild-Zeitung als den »Obama von Altona« feierte, den Mann, der in der Hamburger SPD als größte Nachwuchshoffnung galt.

Çiftlik ist so, wie die SPD immer sein wollte: nicht zu jung und nicht zu alt, 39 Jahre. Er kommt von ganz unten und war auf dem Weg nach ganz oben. Seine Eltern stammen aus der Türkei , Çiftlik hat in Hamburg studiert, sein Deutsch ist geschliffen. Er spricht von »deviantem Verhalten«, wenn er Menschen meint, die aus der Rolle fallen. Besuchern hilft er aus dem Mantel. Er trägt schmal geschnittene Anzüge, die gut sitzen. Er sagt nicht »Tach«, wie andere Sozialdemokraten, er sagt: »Schön, Sie zu sehen.« Olaf Scholz , der Bürgermeister von Hamburg, holte ihn in die Politik. Seine SPD sollte die Partei der Einwanderer werden, und Çiftlik war das Gesicht dieser Strategie.

Dann kam der Abend des 15. März vergangenen Jahres, als drei Polizisten das Bürgerbüro betraten und Çiftlik aufforderten, sie zu begleiten. Seine Frau wartete damals im Kino auf ihn. Sie wollten sich den Film Almanya. Willkommen in Deutschland ansehen, die Werbung lief schon, als Çiftlik sie auf dem Handy anrief und sagte: »Ich bin auf der Polizeiwache.« Untersuchungshaft. Im Juli kam er frei, im Februar wird er vor Gericht stehen, schon zum zweiten Mal. Ihm wird vorgeworfen, eine Scheinehe zwischen einer Deutschen und einem Türken eingefädelt und als Belohnung ein Darlehen für seinen Wahlkampf bekommen zu haben. Deswegen wurde Çiftlik zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro verurteilt, er ging aber in Berufung, die Staatsanwaltschaft auch. Jetzt, im neuen Prozess, geht es außerdem um Briefwahlanträge der Hamburger Wahl 2008, die Çiftlik gefälscht haben soll . Spionagesoftware soll er eingesetzt haben, um fremde E-Mail-Fächer zu knacken. Einen unliebsamen Zeugen soll er geschlagen haben. Die meisten Zeugen, die in der Anklageschrift auftauchen, sind Türken oder Sozialdemokraten. Oder beides. Sind sie alle auf einen Hochstapler hereingefallen?

Verdacht auf Fälschung, Verdunklung, Körperverletzung, das ist die juristische Seite. Die politische Erzählung handelt von der Verführbarkeit einer Partei, von der Verblendung einer türkischen Großstadtgemeinde. Um einen chancenlosen Jungen geht es, der sich etwas Unmögliches in den Kopf setzte: es als jüngster Sohn eines türkischen Hilfsarbeiters im Land der Akademiker nach ganz oben zu schaffen. Er war so beseelt von seinem Erfolg, dass er keine Grenzen mehr kannte.

Wie brav er dasitzt. Er weiß, dass seine Augen die wichtigste Arbeit erledigen müssen: einen Menschen fangen. Die Augen schauen einen ständig an, sie können von einer Sekunde auf die andere traurig werden oder fröhlich. Çiftlik trägt eine Anzughose, Lederschuhe, einen Pullunder. Seine Koteletten sind akkurat rasiert. Er klemmt sich das Mikrofon des Aufnahmegeräts selbst an den Hemdkragen, beugt sich nach vorn, faltet die Hände, so als werde gleich Günther Jauch hereinkommen und ihm ein paar interessante Fragen stellen. Die Interviews mit der ZEIT nennt er »unsere Gesprächsreihe«. Er hat noch immer nicht verstanden, dass sein Spiel aus ist. Noch immer ist er nicht in die Wirklichkeit zurückgekehrt.

Als Çiftliks Vater, ein anatolischer Bauer, im Jahr 1963 nach Elmshorn bei Hamburg kam, heuerte er in einem Torfwerk an, kaufte sich von dem ersten Geld einen VW Käfer, fuhr zurück ins türkische Dorf Çiftlikören, heiratete ein 15-jähriges Mädchen, das ihm versprochen war. Die junge Türkin zog zu ihm nach Hamburg, in ein Arbeiterwohnheim der Werft Blohm & Voss, wo ihr Mann einen Job fand. Der Mann versuchte, lesen zu lernen, aber es gelang ihm nur mühsam. Seine Frau ist Analphabetin geblieben, und später, sehr viel später, im Hamburger Wahlkampf, wird der Sohn Bülent seine Glaubwürdigkeit daraus ableiten. »Musst du immer sagen, dass ich nicht lesen und schreiben kann?«, wird seine Mutter ihn fragen, und der Sohn wird ihr antworten: »Mama, ist doch gut! Dahinter steckt doch eine Geschichte.«

Damals, in der vierten Schulklasse, war Bülent klein und schmächtig, viel ängstlicher als sein Bruder, die Noten waren mäßig, nicht einmal die Fahrradprüfung bestand er. Eine Empfehlung fürs Gymnasium gaben ihm die Lehrer nicht, dennoch schickten ihn die Eltern dorthin. Der Junge sollte etwas aus sich machen, sich durchsetzen, das war der Wille des Vaters. Bülent Çiftlik lernte nur deutsche Schüler kennen, deren Mütter die Stundenpläne der Kinder auswendig kannten. Einige dieser Frauen kamen im Pelzmantel zum Elternsprechtag. »Für mich waren das Menschen von einem anderen Stern«, sagt Çiftlik in seinem Bürgerbüro. Die Mutter ging damals bei seinem Kinderarzt putzen, und wenn sie krank wurde, übernahm der Junge ihren Job. Wollte er an einer Klassenreise teilnehmen, mussten die Eltern den Schulverein um Geld bitten. Bülent Çiftlik warf seinen Eltern später vor, die Kargheit ihres Lebens bloß auszuhalten, statt etwas dagegen zu tun. Begeistert schaute er im Fernsehen die Serie über Timm Thaler, den Jungen, der sein Lachen verkaufte.

Für eine Detektei spionierte Çiftlik untreuen Ehemännern nach

Mit 19 hatte er seine erste feste Freundin, die Tochter eines Physikprofessors. Für einen Jungen, der sich emporkämpft, gibt es kaum etwas Reizvolleres als ein Mädchen von oben. Er kann es als Lohn seiner Anstrengung empfinden, als Prämie. Bülent Çiftlik studierte Politik, nebenher spionierte er für eine Detektei untreuen Ehemännern hinterher. Er fotografierte einen Unternehmer, der seiner jungen Geliebten vor einer Fahrt im Heißluftballon die Waden massierte, präsentierte die Bilder der weinenden Ehefrau. Er zog sich für den Job einen Anzug an. Abends tippte er auf der Schreibmaschine sogenannte »Ermittlungsberichte«, die er zur Zentrale faxte. Er hatte die aufwendig inszenierte Lüge kennengelernt, die Gebäude der Ausreden und Ausflüchte dokumentiert. Das war der erste Karriereschritt.

Der zweite folgte 1998, als er nach Manhattan zog, Kansas , USA , wo er Kriminologie und Politik studierte. Er begann, sich in Wahlkämpfe einzumischen, die Welt der Versprechen. Wie konnte es gelingen, die Stimmung gegen George W. Bush zu drehen? Çiftlik fuhr in einem alten Mazda 323 durch das stockkonservative Kansas und kündigte Farmern, die ihm die Haustür öffneten, im Namen des demokratischen Kandidaten Al Gore höhere Subventionen an. Çiftlik begriff Politik als eine verderbliche Ware, die man schnell verkaufen muss.

Als sich Çiftlik im Jahr 2000 bei der SPD in Hamburg bewarb, brauchte Olaf Scholz, der SPD-Landeschef, gerade einen persönlichen Referenten. Und er brauchte jemanden, der den 60.000 türkischstämmigen Hamburgern die SPD verkaufen konnte. Çiftlik war ein politisch unverbrauchtes Wesen, derart ideal zusammengesetzt, dass es ihn eigentlich gar nicht geben kann: so unterschichtig wie Schröder , so türkisch wie Özdemir, so höflich wie Ole von Beust. Scholz stellte ihn ein. Die beiden freundeten sich an.

Ein Türke in der SPD

Bis dahin hatte kein Türke in der SPD etwas werden können. Auch Bülent Çiftlik und die Türken kannten einander noch nicht, nicht einmal in Altona, dem Bezirk, in dem der Regisseur Fatih Akin seine ersten Filme gedreht hatte, dem Wahlkreis von Olaf Scholz. Çiftlik lotete aus, welche Türken sich dazu eigneten, ihn bei den Landsleuten bekannt zu machen. Er dachte sich ein Schneeballsystem aus, mithilfe von Journalisten, Studenten, Restaurantbesitzern, SPD-Mitgliedern. In Hamburg-Altona sprach sich herum, dass da jetzt einer für sie Partei ergriff. Einer, der türkische Jugendliche beschützte, wenn sie Ärger mit der Polizei hatten. Einer, dessen Türkisch hölzern war, doch den man lieben konnte, weil aus ihm die Zuversicht sprach, dass man aus eigener Kraft abheben kann. Çiftlik erklärte jungen Türken, wie wichtig es sei, perfektes Deutsch zu sprechen. Das klang, als habe Çiftlik eine Formel für den Aufstieg entdeckt. Es war aber nie klar, welchen Aufstieg er meinte, den der anderen oder seinen eigenen.

Die Stunden im Bürgerbüro verrinnen, und Çiftlik springt von Thema zu Thema. Er sagt: »Mein Vater ging mit der Bild-Zeitung ins türkische Café und ließ sich übersetzen, was da über mich stand.« Er fragt: »Was bedeutet es eigentlich, wenn sich Leute auf der Straße nach dir umdrehen?« Gerade läuft vieles schief in seinem Leben, und er muss dieses Ladenlokal morgens aufschließen, damit sein Tag noch eine Ordnung hat. Das Bürgerbüro dient jetzt nur noch dem Bürger Bülent Çiftlik. Seine Frau wollte schon ihre Lebensversicherung auflösen, damit Çiftlik die 930 Euro Warmmiete bezahlen kann. Die Assistentinnen, die früher an den Schreibtischen saßen, kann er sich nicht mehr leisten. Rechtsanwälte muss er jetzt bezahlen. Wahrscheinlich würde er sogar seinen schicken Audi A3 zu Geld machen, wenn es ihn noch gäbe. Unbekannte haben den Wagen in die Luft gejagt. Fraglich bleibt, ob es jemand auf ihn persönlich abgesehen hatte. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Die Auskünfte des Bülent Çiftlik folgen einem seltsamen Muster. Immer ist jemand anders an einem seiner Probleme schuld, immer bleibt etwas ungeklärt. Man wird aus ihm nicht schlau. »Was ich diesem Menschen nie verzeihen werde...« – »Ich kann Ihnen sagen, wer mich hasst.« – »Ich sollte vernichtet werden.« Genau genommen gibt er auf Fragen keine Antworten, sondern baut ein Labyrinth, in das er den Fragesteller leitet, damit der dort den Überblick verliert. Stundenlang kann man mit ihm reden, tagelang, und am Ende hat man doch bloß erfahren, dass er wieder einmal zum Opfer geworden ist. Er hat etwas zu verbergen, das merkt man schnell, und er versucht sich an dem kompliziertesten aller Versteckspiele, einer Führung durch einen Irrgarten.

Olaf Scholz , sein ehemaliger Chef, wohnt nur ein paar Häuserblocks entfernt von Çiftliks Büro. Bis zu vier Mal trafen sie sich in der Woche, auf Parteisitzungen, zu zweit. Feierte Scholz seinen Geburtstag, tauchte Çiftlik auf, umgekehrt war es genauso. Im Jahr 2004 wurde Çiftlik Pressesprecher der Hamburger SPD. Çiftliks Aufgabe bestand darin, im richtigen Moment den Mund zu halten und ihn im richtigen Moment zu öffnen. Er besaß einen Generalschlüssel für die Parteizentrale, wurde zu einer Vertrauensperson in einer Zeit, die der Partei zusetzte.

Seit 2001 regierte die CDU in der Stadt, Sozialdemokraten wurden aus wichtigen Ämtern verdrängt, Festungen einer alten Herrschaft zerfielen. Es gab damals, bis zum Jahr 2007, einen Hamburger Parteichef, den einige seiner Genossen den »Kennedy der Elbvororte« nannten und der sich dennoch Hoffnungen machte, Bürgermeister zu werden: Mathias Petersen, Arzt, Golfspieler, Spross einer Hamburger Dynastie, ein Meister des Sedierens. Einer, der auf seinem Schreibtisch in der Praxis Steine von einem Strand in Irland zu einem Kreis legt – für die Momente, in denen er allem Irdischen in Gedanken entflieht. Der »Kennedy der Elbvororte« war gut darin, die SPD in den vornehmen Wohnvierteln mit dem verbindlichen Händedruck des Hausarztes zu empfehlen, aber ihm fehlte das Gespür für Macht. Reiste der Chef der Bundes-SPD zu Terminen nach Hamburg, trottete »Kennedy« hinter ihm her wie ein Dackel.

Als dann auch noch im Februar 2007 fast tausend Stimmzettel bei der Urwahl eines Kandidaten gestohlen wurden, aus einer Urne in der Parteizentrale, ging die Zeit des »Kennedy« zu Ende. Ein Neuanfang musste her. Später wird man Çiftlik verdächtigen, in den Stimmenklau verwickelt gewesen zu sein, aber man wird es ihm nicht beweisen können.

Çiftlik wollte nicht mehr nur Parteisprecher sein, das Organ anderer. Er wollte ein eigenes Mandat, politische Macht. Der Punkt war erreicht, an dem er es mit Olaf Scholz persönlich aufnehmen musste, der inzwischen parlamentarischer Geschäftsführer der SPD im Bundestag war. Çiftlik wollte in die Bürgerschaft, das Hamburger Parlament, aber Scholz war gegen die Kandidatur. Noch weniger gefiel sie dessen Frau. »Bülent, deine Kandidatur ist nicht vereinbar mit deiner Position als Pressesprecher«, sagte Britta Ernst damals. Auch sie ist Mitglied der SPD, auch sie kandidierte für die Bürgerschaft. Unangefochten stand sie in Altona auf Platz 1. Konnte Çiftlik ihr gefährlich werden?

Auf einem Parteitreffen, das viele nicht vergessen haben, kündigte Bülent Çiftlik damals an, er werde einen Häuserwahlkampf führen, wie in den USA. Davon verstanden die anderen nichts. Çiftlik jedoch war wochenlang in amerikanische Wahlkämpfe eingetaucht. Als John Kerry gegen George W. Bush antrat, mailte Çiftlik Berichte aus Amerika an die Genossen in Hamburg, auch an Scholz. Er schaute sich an, wie man Telefonkampagnen organisiert, beobachtete in den amerikanischen Vorwahlen des Jahres 2007, wie Obama aus dem Nichts heraus gegen Hillary Clinton punktete, die Konkurrentin aus der eigenen Partei.

Tausende Bürger, verkündete Çiftlik auf dem Parteitreffen in Hamburg, wolle er im Wahlkampf persönlich besuchen. »Walter«, sagte damals einer zu Walter Zuckerer, »wenn Bülent das wirklich durchzieht, bist du weg vom Fenster.« Der alte Parteiveteran Walter Zuckerer hatte einen guten Listenplatz, und sein Wahlkampf war der eines Mannes, der weiß, dass er gewinnen wird. Sein Herausforderer Çiftlik aber überzeugte die jungen Genossen und brachte neue Leute mit. Auf der Parteiversammlung meldeten sich plötzlich Männer zu Wort, die vorher kaum aufgefallen waren, Männer mit Bärten und dunklem Teint. Die Skeptiker fragten: Was wird das hier? Eine türkische Machtergreifung?

Die Türken, die Çiftlik unterstützten, stellten sich ihre eigenen Fragen: Wo steht er eigentlich? Rechts? Links? Sind seine Eltern ehrbare Leute? Çiftlik war nicht einzuschätzen, er ging taktisch vor. Er fing an, sich regelmäßig beim Freitagsgebet in Moscheen blicken zu lassen, in Teehäusern, in türkischen Kulturvereinen. Er wusste, dass er Referenzen brauchte, er suchte nach Türken, auf deren Urteil die anderen sich verlassen würden.

Auf mindestens 40 türkischen Hochzeiten trat Çiftlik auf

Da war zum Beispiel der Friseur, den jeder Türke in Hamburg-Altona kennt. Der Friseur ist seit 25 Jahren Mitglied der SPD, bei jeder Wahl hat er Plakate geklebt. In seinem Salon hängen viele Fotos: der Friseur mit Gerhard Schröder, mit Frank-Walter Steinmeier, mit Olaf Scholz. Über einer Tür hängt ein gemaltes Bild: Helmut und Loki Schmidt, rauchend, im Hintergrund die Deutschlandfarben.

»Ich bin der Sohn von Mehmet«, habe Çiftlik während eines Parteitreffens zu ihm gesagt, ob der Friseur ihn unterstützen werde? Der Friseur betrachtete ihn und sagte sich still: »Wenn ich doch auch noch mal so jung sein könnte.« Vielleicht sah er in Çiftlik ein bisschen sich selbst. Er sagte: »Bülent, in dir steckt ein Senator.« Das Wort »Senator« strahlte Würde aus.

Geschickt verpackte Halbwahrheiten

Da war auch ein Kurde, bei dem Çiftlik um Unterstützung warb. Ein zierlicher Mann aus der türkischen Provinz Dêrsim. Über die Leute aus Dêrsim sagt man, sie seien hart im Nehmen. Die Karriere des Kurden begann mit zwölf Jahren, da warf er Steine auf Polizeiautos. In Hamburg-Altona wurde der Kurde gemocht, so wie man ein Maskottchen mag. Als Betriebsrat bei der Bahn hatte er einen großen Streik organisiert. Danach überwarf er sich mit der Bahn. Und ging putzen.

Als der Kurde schließlich Bülent Çiftlik kennenlernte, hörte er tröstliche Sätze: »Du bist ein politischer Mensch, du darfst nicht nur putzen.« Der Kurde könne ihn im Wahlkampf unterstützen, für acht Euro die Stunde, und danach werde er ihm helfen, einen richtigen Job zu finden. Da war die türkische Architektin, die für ihre Doktorarbeit über Stadtentwicklung recherchierte und Hilfe brauchte. Da waren die türkischen Eltern, die hofften, der junge Politiker werde ihren missratenen Kindern helfen. Bülent Çiftlik war der Politiker, der ihnen zuhörte.

Aber als die sogenannte Findungskommission der SPD die Listenplätze vergab und damit über die Wahrscheinlichkeit entschied, es ins Parlament zu schaffen, ging der erste Platz in Hamburg-Altona an Britta Ernst, die Frau von Scholz. Platz 2 an Walter Zuckerer, den Veteranen. Platz 4 an Çiftlik, eine aussichtslose Position. Von ihm wurde jetzt ein Wunder verlangt.

Es war Michael Sachs, der sich offen gegen Çiftlik aussprach, ein Stratege, Vorstand des städtischen Wohnungskonzerns Saga, den einige seiner Genossen »das Schlachtross« nennen. Er hatte von Funktionären gehört, dass Çiftlik nicht zuverlässig sei. Zuerst waren es nur unscheinbare Dinge, die das Schlachtross zurückzucken ließen – Plakate, die nicht rechtzeitig gedruckt wurden, Kleinkram. Es war rätselhaft. Immer wieder berichteten Genossen, dass Çiftlik kleine Aufträge übernahm, Flugblätter drucken, Briefe oder E-Mails verschicken, und sie nicht erledigte. Und immer hatte Çiftlik eine Erklärung, fügte noch eine an und noch eine, und am Ende durchschaute niemand mehr, wie viele Halbwahrheiten geschickt verpackt worden waren.

Eines Tages behauptete eine Genossin, Silke Frank, Çiftlik habe sie zu betrügen versucht. Sie zeigte Unterlagen aus einem alten Gerichtsprozess um ein Darlehen, in dem Çiftlik als Zeuge aufgetreten war und in dem die Frage, ob er die Wahrheit gesagt hatte, offen blieb. Das Schlachtross informierte politische Vertraute. »Da gibt es Vorgänge, die gehen euch alle an.« Aber niemand kümmerte sich ernsthaft darum. Es waren ja bloß Gerüchte. Çiftlik beteuert bis heute, dass ihm die Frau etwas anhängen wollte.

Damals wäre es heikel gewesen, Çiftlik zu beschädigen. Hinter ihm stand ja Scholz. Mit jeder Affäre, von der die Hamburger SPD erschüttert wurde, und mit jedem Kandidaten, der in der Partei unterging, festigte sich die Macht von Scholz. Politisch agierte er zwar in Berlin, zunächst als Abgeordneter, später als Minister für Arbeit, doch mit jedem erledigten Genossen verlangte die Hamburger SPD stärker nach einer ordnenden Kraft – Scholz. Was ihm schwerfiel, das fiel Çiftlik leicht: menschliche Nähe, jugendliche Gesten, dahingeworfene »Hey, cool«-Sätze.

Çiftlik füllte eine Leerstelle. In jeder etablierten Partei fehlen die jungen Talente, die schnellen Denker, die brillanten Redner, Menschen, die nach vorne schauen. Es gibt viel Vergangenheit, aber wenig Zukunft. »Meist gehe ich lieber eine rauchen, wenn eine SPD-Sitzung beginnt«, sagt ein Sozialdemokrat, »aber bei Çiftlik bin ich sitzen geblieben.«

Parteisitzungen, das sind mühselige Abende in Vorstadtkneipen, die Lindenkrug heißen, mit Tagesordnungen, die auf »Verschiedenes« enden, mit Rednern, die nicht reden können. Es sind Zusammenkünfte ohne überraschende Momente, ohne Esprit, ohne Glanz. Es war nicht wichtig, worüber Çiftlik sprach. Wichtig war, dass er sprach. Für die Integration von Migranten war Çiftlik Fachmann, natürlich, aber war das mehr als eine Phrase?

Als Michael Naumann, der ehemalige Herausgeber der ZEIT, im Jahr 2007 Spitzenkandidat der Hamburger SPD wurde, dauerte es wenige Wochen, bis er sich von Çiftlik distanziert hatte. Später sagt Naumann , dass es sein »Bauch« gewesen sei, der ihn gewarnt habe. Naumann ersetzte Çiftlik durch einen eigenen Pressesprecher, doch formal blieb auch Çiftlik noch jahrelang im Amt. Er nahm sich viel Zeit für seinen eigenen Wahlkampf.

Auf einem Video von damals sieht man, wie Çiftlik, der Friseur und der Kurde eine Teestube besuchten. Es muss ein heißer Tag gewesen sein, die Hosen der Männer waren kurz. Nur Çiftlik trug ein langärmliges, weißes Hemd. Die Wahlkämpfer gingen von Tisch zu Tisch, und der Friseur pries Çiftlik auf Türkisch an: »Meine Herren, unser Freund hier kandidiert für die Bürgerschaft. Bitte unterstützt ihn. Wenn ihr Probleme habt oder Hilfe braucht, könnt ihr euch jederzeit an ihn wenden.« Çiftlik schien noch unsicher zu sein, die ganze Zeit hielt er Abstand. Wohin mit den Händen – sie in den Hosentaschen verstecken, in die Hüften stemmen? Er war nie der Typ, der in verrauchten Teestuben abhängt.

Gemeinsam tingelten sie als Wahlkämpfer durch die Stadt, der Friseur, der Kurde und Çiftlik. Auf türkischen Hochzeiten und Beschneidungsfesten traten sie auf. Meist griff der Friseur als Erster nach dem Mikrofon. Auf 40 Hochzeiten tanzten sie, vielleicht auf 50, der Kurde kann sich daran nicht mehr genau erinnern. Sie machten in Moscheen halt, besuchten die Fußballfans von Fenerbahçe und Galatasaray. Sie klapperten Kurden ab, Nationalisten, Aleviten, Sunniten, Fromme, Ungläubige. Manchmal kam Çiftliks Vater mit. Auch ihn hatte Bülent in die Partei geholt, genau wie die Mutter, den Bruder, die Schwestern. Mit jedem Wahlkampfauftritt wurde sein Türkisch besser.

Im Winter vor der Wahl sammelte Çiftlik ein Team von treuen Helfern um sich, fünf, sechs, sieben Leute, darunter auch Deutsche, und die Wohnung des Kurden wurde zur Wahlkampfzentrale. Die Helfer markierten in einem Stadtplan des Wahlbezirks die Straßen grün, rosa und orange. Mit den grünen Straßen begannen sie, denen mit den vielen türkischen Namen an den Klingelschildern. Später stand Çiftlik dort vor der Tür, mit einem Wahlflugblatt, einem Kugelschreiber. An Ramadan und zu Weihnachten kamen dort Grußkarten an.

Wahlkampf in Altona

Das Team traf sich morgens in der Wohnung des Kurden. Der machte Tee, stellte Oliven und Käse auf den Tisch. Çiftlik habe ihn ermahnt, sagt der Kurde später, dass immer genug zu essen und zu trinken da sein müsse, um die Helfer bei Laune zu halten. Es war ein harter Winter, einer nach dem anderen im Team erkältete sich. Çiftlik heuerte Studenten und Jusos an, sie sammelten Adressen, rund 3000. Einen Euro Honorar gab es pro Adresse.

Später wird Çiftlik sagen, dass er 7000 Hausbesuche absolviert habe, ein anderes Mal wird er von 8500 sprechen. Der Kurde wird sagen, dass er den versprochenen Lohn nicht bekommen habe. Dass er angefangen habe, sich Geld zu leihen. Dass er für eine Stromnachzahlung aufgekommen sei. Dass Çiftlik ihm keine Arbeit besorgt habe. Und dass Çiftlik der Einzige gewesen sei, der nie etwas zum Frühstück mitgebracht habe. Çiftlik wird erklären, dass er das alles ganz anders sehe.

Die Architektin, die damals im Wahlkampfteam war, wird sagen, dass Çiftlik zunehmend aggressiv reagiert habe. »Irgendetwas passierte mit ihm in dieser Zeit. Es war ein anormaler Druck. Es hieß immer nur: ›Ich muss gewinnen. Ich muss, muss, muss!‹« Sie wird sagen, dass sie den Ehrgeiz des Kandidaten körperlich gespürt habe. Ihr Vertrauen in ihn sei geblieben. »Warum auch nicht? Er war jemand, der mit Olaf Scholz und Gerhard Schröder an einem Tisch gesessen hatte.«

Çiftliks ehemalige Deutschlehrerin, die Genossin Bettina Wehner, traf Çiftlik damals beim Plakatekleben. Später sagt sie: »Ich dachte, er macht sich für die Partei tot.« Abgehetzt kam er ihr vor, wie ein ruheloser Knecht der Politik. »Er erweckte mein Mitleid.« Andere Frauen in der SPD himmelten ihn an. Eine Genossin wechselte ihren SPD-Distrikt, damit sie Çiftlik näherkam. »Wir haben in ihm immer das Opfer gesehen.« So drückt es eine SPD-Abgeordnete aus.

In der Parteizentrale tauchte plötzlich eine Journalistin auf, weil sie Çiftliks Bettgeschichten recherchieren wollte. Zwei SPD-Frauen setzten sich nur deshalb zusammen, damit sie herausfinden konnten, ob die jeweils andere was mit Çiftlik hatte. Çiftlik und die Frauen, darüber unterhielten sich die Genossen oft. War er süchtig nach Bewunderung? Seltsam war: Nie zeigte er sich mit einer Frau an seiner Seite. Nie sprach er über eine Freundin. Seltsam war auch, dass er vor einem Wahlkampfauftritt aus dem Fond eines Wagens stieg, der von einem Türken gefahren wurde. Leistete sich Çiftlik plötzlich einen Chauffeur? Viel erzählte er den Genossen nicht über sich, sein Privatleben verschwand hinter einer Wand aus Aktionismus.

Als im Februar 2008 die Wählerstimmen ausgezählt wurden, gab es viele Verlierer in der Hamburger SPD und einen überragenden Gewinner: Bülent Çiftlik. Er hatte sogar mehr Stimmen geholt als Britta Ernst, die Frau von Scholz. Den Parteiveteranen Zuckerer, den die Genossen über ihm auf der Kandidatenliste platziert hatten, schickte Çiftlik in Rente. »Er hat einen Obama-Wahlkampf geführt«, werden seine Genossen verbreiten, und eine Autorin der Zeitschrift Brigitte wird schreiben: »Es schickt sich zwar nicht in einer Demokratie, aber Herr Çiftlik ist einfach zum Niederknien. « Der Zauber des Unwahrscheinlichen haftete an ihm. Er hatte die Gesetze der Partei ausgehebelt.

Eine Türkin beschwerte sich, dass Çiftlik nie bei ihr geklingelt habe

Die türkischen Zeitungen berichteten jetzt täglich über ihn. Der Vorsitzende der Demokratischen Linkspartei in Ankara schrieb Çiftlik: »Es erfüllt mich mit Stolz, dass Sie in die Hamburger Bürgerschaft gewählt worden sind. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.« Eine Hamburger Türkin beschwerte sich darüber, dass er nie bei ihr geklingelt habe.

Çiftlik reiste zum Parteitag der amerikanischen Demokraten nach Denver, traf dort zufällig Joschka Fischer und sah sich aus der Nähe an, wie sie Obama zum Kandidaten kürten. Die Fotos, die er aufnahm, zeigen Barbecue-Würstchen und Männer mit Cowboyhüten. Lauter lachende Gesichter.

Dann platzte die Bombe: Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Çiftlik. Eine Scheinehe soll er vermittelt haben, zwischen einer seiner deutschen Wahlkampfhelferinnen und einem Türken, dem die Abschiebung drohte. Ein Beamter der Ausländerbehörde war hellhörig geworden, weil der Türke schon einmal im Verdacht stand, eine Scheinehe geschlossen zu haben. Çiftliks Parteifreunde wollten es erst nicht glauben, aber die Ermittler trugen haufenweise Beweismittel zusammen: Die 35-jährige Angestellte Nicole D., die einmal Çiftliks Freundin war und sich weiterhin nach einem Leben mit ihm sehnte, soll von Çiftlik dazu überredet worden sein, einen Fremden zu heiraten und dafür 7000 Euro zu kassieren. Was für eine schwindelerregende Konstruktion: Aus Zuneigung zu Çiftlik soll Nicole D. zum Schein einen anderen geheiratet haben. 3000 Euro soll sie als Darlehen an Çiftlik weitergereicht haben. Auf einem Notizblock der Partei notierte sie die Beträge ihres Kredites an Çiftlik, alles in allem 16.875 Euro, darunter der Vordruck: »Ganz klar: Am 24.02. Michael Naumann wählen!« Ein Kreditvertrag wurde geschlossen, der Zweck des Darlehens an Çiftlik: »die Gestaltung seines Wahlkampfes«.

Als Ingo Egloff, der Chef der Hamburger SPD, im Mai 2009 ein paar Urlaubstage auf Sylt verbrachte, rief ihn ein Journalist an und fragte: »Was sagen Sie dazu, dass bei Ihrem Pressesprecher Çiftlik gerade eine Hausdurchsuchung stattgefunden hat?« Der SPD-Chef konnte nichts sagen, Çiftlik hatte ihm den Polizeieinsatz verschwiegen. Am Morgen des 29. Mai 2009, um 7.10 Uhr, so notierten es Polizeibeamte, war Çiftliks Dreizimmerwohnung durchsucht worden. »Aus dem Schlafzimmer erschien in Nachtbekleidung« eine junge Frau, die der SPD angehört und schnell verschwand, nachdem ihre Personalien aufgenommen worden waren. »Die Wohnung machte insgesamt einen chaotischen Eindruck[...]. Viele der an den Beschuldigten Çiftlik adressierten Briefe – offensichtlich u.a. Rechnungen, Mahnschreiben – waren ungeöffnet.« Von der Fensterbank im Arbeitszimmer nahmen die Polizisten Briefwahlanträge der Bürgerschaftswahl mit.

Später werfen die Staatsanwälte Çiftlik vor, er habe in 56 Fällen Briefwahlanträge von Deutschtürken gefälscht, indem seine Helfer im Namen dieser Wähler, doch ohne deren Wissen die Briefwahl beantragt hätten, mit falschen Unterschriften. Beim Ausfüllen der Unterlagen hätten sie geholfen. Das alles sei nur herausgekommen, weil einer der vermeintlichen Antragsteller schon lange tot war.

Hat er auch Polizei gespielt? Der Verdacht kam auf, als Çiftlik einen Vermerk des Hamburger Landeskriminalamtes in der SPD-Zentrale präsentierte, in dem es hieß, zwei Zeugen hätten dem LKA den Hinweis gegeben, Çiftlik vermittele Scheinehen. Die beiden Zeugen seien der frühere Landeschef der SPD, der »Kennedy der Elbvororte«, und der SPD-Abgeordnete Thomas Böwer, dem der Ruf vorauseilt, er wittere den kleinsten Skandal. Einige in der Partei nennen ihn deshalb den »Bluthund«. Er war außer sich. Er und »Kennedy« sollen einen Genossen bei der Polizei angeschwärzt haben? Stundenlang telefonierte der »Bluthund« herum, bis er herausfand, dass einer der Beamten, von dem angeblich der Vermerk stammte, schon lange in Pension war. Der vermeintliche Polizeivermerk war eine Fälschung. Çiftliks Werk? Wollte er die Partei in Brand stecken? Çiftlik bestreitet auch das. Er sagt, auch er sei auf das gefälschte Papier hereingefallen.

Das Ende einer politischen Karriere

Nilay Çiftlik glaubt ihrem Mann, der seine Unschuld beteuert. In Hamburg studiert sie Turkologie und Biologie. Sie ist 35 und will Lehrerin werden. Ihre Eltern stammen aus der Türkei, sie waren Gastarbeiter, wie die Eltern ihres Mannes. Der Vater Fabrikarbeiter, die Mutter Putzfrau. Sie ist kein Mädchen von oben, sie verdient Geld als Verkäuferin, in der Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses. Nilay verliebte sich in Bülent im Herbst 2009, da war er schon ein Mann, für den sich Staatsanwälte interessierten. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit wurde er verhaftet. Sieht man Nilay und Bülent Çiftlik heute nebeneinander im Restaurant sitzen, dann fallen einem ihre ungleichen Blicke auf. Während sich seine Augen angestrengt durch den Raum arbeiten, haftet ihr Blick allein an ihm. »Obama hat Charisma. Und ich finde, Bülent hat auch Charisma«, sagt sie lächelnd.

Im Besucherzimmer des Gefängnisses saßen sie einander gegenüber, getrennt durch eine halbhohe Glasscheibe. In der übrigen Zeit, sagt Bülent Çiftlik, habe er einem Zellennachbarn, einem somalischen Piraten, mit einem Wörterbuch Deutsch beigebracht. Am Anfang, sagt Nilay Çiftlik, habe sie nicht recht gewusst, was Bülent von ihr wollte. Tagsüber führte er sie durch die Parteizentrale, nachts schickte er ihr Kurznachrichten. »Nilay, schläfst Du schon?« Sie fragte sich: Meinte er sie überhaupt? Oder wollte er sie bloß herumkriegen, wie einen Wechselwähler?

Als der erste Gerichtsprozess wegen Vermittlung einer Scheinehe gegen ihn begann, saßen noch Sozialdemokraten im Publikum und munterten ihn auf. Aber die Beweislast war erdrückend, der Angeklagte bestritt die Tat bis zum Schluss, und die Zuschauerbänke leerten sich. Im Juni 2010 verkündete Olaf Scholz : »Das Urteil des Amtsgerichtes beendet auch die politische Laufbahn von Çiftlik.« Scholz erstattete Strafanzeige gegen ihn. Çiftlik musste sein Mandat als Abgeordneter niederlegen, die Partei warf ihn raus. Die Genossen fühlten sich getäuscht, weil sie plötzlich merkten, wie lange Çiftlik ihnen etwas vorgespielt hatte. Warum das Ganze? Auf diese Frage hatte niemand eine schlüssige Antwort.

Er hat die SPD beschämt, ihre Gewöhnlichkeit entlarvt, die Sehnsucht, sich mitreißen zu lassen. Aber entscheidender ist, dass er sich selbst ins Reich der verknoteten Wahrheiten entführte. Dass mit ihm etwas nicht stimmte, konnte niemand sehen, der nur den eigenen Blick auf Çiftlik kannte. Man hätte schon alle Geschichten über ihn zusammentragen müssen, um darauf zu kommen, wie viele doppelte Böden er montiert hatte. Man hätte Detektiv spielen müssen, um den faden Schein zu erkennen.

Den Türken hatte Çiftlik vor Augen geführt, wie hilflos sie sind. Endlich war da jemand, der erreicht hatte, was vielen von ihnen aus eigener Kraft nicht gelang: Jobs beschaffen, sich in Behörden durchsetzen. Jedes Gespräch mit ihm war eine Aufwertung ihrer selbst. Auch als sie ahnten, dass mit ihrem Helden etwas nicht stimmte, folgten sie ihm noch. Sie wollten betrogen werden, weil sie sich selbst nichts zutrauten.

Es gibt eine Geschichte, die Çiftlik nie erzählt, die Geschichte von der Karriere, die ihren Sinn verlor. Bülent Çiftlik hat während seines Weges auf den Berg vergessen, warum er ihn besteigen wollte. Er hat an vielen Fronten gekämpft, in der SPD, bei den Türken, den Jungen, den Frauen, überall. Aber was war sein Ziel? Çiftlik hat Politik als Hohlkörper verstanden, den man wahllos füllen kann. Und als er spürte, dass er selbst sein einziger Inhalt war, verstrickte er sich in hilflosen Aktionen, um die Leere durch Erfolge zu füllen, Scheinerfolge. So hat er sich selbst durch einen Kunstgriff um sein politisches Leben gebracht.

Einer der Genossen hat ihm das Du entzogen, ehemalige Parteifreunde schauen betreten zur Seite, wenn sie ihn heute auf der Straße treffen. Niemand will jetzt noch einer dieser Trottel sein, die in Çiftlik eine Hoffnung erblickten. Den »Kennedy der Elbvororte« und den »Bluthund«, die sich nichts mehr zu sagen hatten, hat der Kampf gegen Çiftlik plötzlich vereint. Gemeinsam wollten sie als Nebenkläger in der Verhandlung auftreten. Dafür haben die beiden sogar Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingereicht, sind damit aber gescheitert. Der »Bluthund« sagt über Çiftlik: »Er ist der Felix Krull der Sozialdemokratie.« Dem früheren Spitzenkandidaten Michael Naumann tut es inzwischen leid um diesen Jungen, der zu viel wollte. »Eigentlich ist er eine Romanfigur.«

Es ist Sonntagnachmittag, als Bülent Çiftlik heißes Wasser in einen Plastikeimer laufen lässt. Sonntags putzt er immer das Büro. Als Schüler ging er schon putzen, auch als Student. Er sagt: »Bei der SPD galt ich als penibel sauber.« Und er meint seine Computertastatur. Er spricht so respektvoll über die Tasten, als kämen sie noch als Entlastungszeugen in Betracht. Endlos lange E-Mails hat er an die ZEIT geschrieben, seine Fotoalben, Akten und sogar seinen Facebook-Zugang geöffnet, sein Leben ausgepackt, nein: seine Version seines Lebens. Er will kein neues Leben, er will sein altes zurück, und er weigert sich, die Unmöglichkeit dieses Vorhabens zu begreifen. Er sieht sich als Opfer einer Intrige. Er hat einen Anwalt damit beauftragt, gegen die SPD vorzugehen, damit der Rauswurf von einem Gericht für ungültig erklärt wird. Er hat sich in einen Rechtsstreit mit seinem Vermieter gestürzt, der ihm die Wohnung kündigte. »Eines der ungerechtesten Dinge der Welt ist die Geschichtsschreibung«, sagt er.

Im Keller des Büros, in dem er früher mit den Jusos Weihnachten feierte, sitzt er manchmal mit einem der verbliebenen Freunde aus der SPD zusammen, die sich noch zu ihm trauen. Oben im Ladenlokal will man mit ihm nicht gesehen werden, der Keller ist wertvoll geworden. Der Karrierist Bülent Çiftlik ist jetzt eine Gefahr für die Karriere der anderen.

Für dieses Dossier wurden Gespräche mit 18 Funktionären und mit zehn türkischstämmigen Mitgliedern der SPD geführt, doch die meisten wollen nicht mit ihren Zitaten in der Zeitung stehen. Es gibt eine Genossin in Pinneberg, die Çiftlik früher nahestand und jetzt ausrichten lässt, sie wolle sich nicht in ein schwebendes Verfahren einmischen. Es gibt einen Genossen in Hamburg, der am Telefon losbrüllt, als er nur den Namen Çiftlik hört: »Ist mir doch egal, wen dieser Türke in der SPD alles gefickt hat. Ich rede über alles, aber nicht über den!« Es gibt Bettina Wehner, die ehemalige Lehrerin, die immer an sein Jackett denken muss, sobald sie an Çiftlik denkt: dieses zauberhafte, seidig schimmernde Jackett. Es gibt den Friseur, den ehemaligen Wahlkampfhelfer, der sagt: »Es ist ein Jammer. Er hätte Senator werden können.« Es gibt den Kurden, den ehemaligen Wahlkampfhelfer, der heute sagt: »Ich war eigentlich nie von ihm überzeugt.«

Aber es gibt auch Çiftliks Frau Nilay, die sagt: »Eine Freundin hat ihn neulich sogar den Obama von Norddeutschland genannt.«

Und es gibt Razone, einen türkischen Rapper aus Hamburg-Altona, der die Heuchelei seiner Landsleute »zum Kotzen« findet und einen Song komponierte:

Wir haben Träume in dich gesteckt
Wir haben Hoffnung in dich gesteckt
Du warst da für die Leute, hast dich niemals
versteckt
Du hattest Ruhm, du hattest Macht, da waren
viele an deiner Seite
Hast du Sorgen, großen Kummer, suchen alle
das Weite
Bülent Çiftlik, einer für alle
Alle für Bülent Çiftlik.