Es sollen prägende Jahre für den Sohn werden, so will es Maria, die katholisch fromme Mutter. Möglichst weit weg vom schädlichen Einfluss des protestantisch angekränkelten Wien soll der Jüngling seine Rolle als künftiger Herrscher lernen. Rudolf, 1552 in Wien geboren, ist Marias ältester Sohn; er wird, so hofft sie, einst die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation tragen. Womöglich erbt er überdies den spanischen Thron, der ebenfalls in den Händen des Hauses Habsburg ist.

In Spanien herrscht Marias Bruder, der strenge König Philipp II.; außer dem wahnsinnigen Don Carlos hat er keinen männlichen Nachfahren. Mit ihrem Gemahl, Kaiser Maximilian II., den Maria des klandestinen Protestantismus verdächtigt, verbindet sie nicht viel. Für sie ist es darum ein Sieg im täglichen Glaubenskrieg mit ihrem Mann, dass es ihr gelingt, den elfjährigen Rudolf und seinen zehnjährigen Bruder Ernst in die Obhut Philipps nach Spanien zu geben.

Doch ihre Rechnung geht nicht auf. Gewiss ist Philipp ein fanatischer Katholik, und er zwingt seine beiden Wiener Neffen, zuzusehen, wie verstockte Ketzer samt ihren häretischen Büchern verbrannt werden. Den jungen Rudolf aber schockieren diese hysterischen Spektakel. Zeit seines Lebens wird er misstrauisch bleiben gegenüber der Heiligen Kirche und ihren Dogmen. Nicht frommer Wahn, sondern allein religiöse Toleranz und Ausgleich, so erkennt er früh, müssen die Grundlage legitimer Herrschaft sein.

Prag blüht auf – es verwandelt sich in die Goldene Stadt

Im Übrigen zeigen die sieben spanischen Lehrjahre durchaus die erwünschte Wirkung: Philipp macht aus seinen Neffen wahre Edelleute. Sie lernen Sprachen, sind humanistisch gebildet, versiert in der Kunst des Jagens und Tanzens, perfekt in der Etikette des damals für ganz Europa vorbildlichen spanischen Hofzeremoniells – und überdies angesteckt von der fürstlichen Leidenschaft des Sammelns schöner und wunderlicher Dinge.

Vor allem Rudolf ist vom Luxus des Hofes gebannt. Philipps riesige Bibliothek, seine monströse Reliquiensammlung und seine unermesslichen Kunstschätze übertreffen alles, was der junge Erzherzog aus Wien kennt. Rudolf ist begeistert. Und mehr noch: Er erkennt den Wert des Sammelns als Mittel der Selbstdarstellung und der Symbolisierung politischer Macht. Die fürstliche Kunstkammer ist ein Theatrum Mundi, das die Beherrschbarkeit der Welt durch seinen Eigner suggeriert. Dies und nicht katholischer Eifer ist es, was von den spanischen Jahren bleibt.

1571 kommen Rudolf und Ernst nach Wien zurück. Maximilian hat die Rückkehr gegen Maria durchgesetzt. Er glaubt nicht mehr daran, dass der Schwager seinem Ältesten den spanischen Thron überlassen will. Kurz vor seiner Abreise wird Rudolf allerdings noch mit Philipps Tochter Isabella verlobt. Die Infantin ist gerade fünf Jahre alt. Jahrzehnte wird Rudolf die Entscheidung über die Heirat mit der Cousine vor sich herschieben. Als es den Spaniern schließlich zu bunt wird, muss Isabella seinen jüngeren Bruder Albrecht ehelichen. Rudolf hingegen bleibt ledig. Man mutmaßt, dass er – die Ehe seiner Eltern vor Augen – Angst vor der politischen und religiösen Abhängigkeit von Spanien hat. Den Frauen abgeneigt ist er jedenfalls nicht: Im Laufe der Jahre zeugt er mit diversen Geliebten mindestens sechs Kinder. Sie alle bleiben jedoch illegitim.

1572 wird Rudolf König von Ungarn und übernimmt die Krone des heiligen Stephan. 1575 folgt die böhmische Wenzelskrone. Kurz darauf wird er Römischer König und Ende 1576 – im Oktober ist sein Vater Maximilian gestorben – Kaiser. Rudolf ist jetzt der ranghöchste europäische Monarch.

Anfangs residiert er noch in Wien. 1583 jedoch verlegt er den Regierungssitz nach Prag. Viele Gerüchte ranken sich um diese Entscheidung. Ist es die günstigere Lage der Stadt, näher zur Mitte des Reichs und weit weg von der allfälligen Bedrohung durch die Osmanen? Ist es die einst von Kaiser Karl IV. und später von dem böhmisch-ungarischen König Ladislaus Jagiello ausgebaute, riesige Palastanlage auf dem Burgberg, dem Hradschin, die den Kaiser fasziniert? Ein schon äußerlich erhabener Wohnsitz fernab der verwinkelten Wiener Hofburg und der kleinlichen Querelen mit der Familie. Oder ist der Umzug nur der Versuch, drückenden melancholischen Anwandlungen zu entkommen?