Die Berlinerin

Henriette Ernst, 44, hat als Stoffentwicklerin eng mit Dries van Noten, Raf Simons und Phoebe Philo zusammengearbeitet. Sie studierte Modedesign an der Royal Academy of Arts in Antwerpen und beginnt demnächst als Design Director eines großen amerikanischen Labels in New York.

ZEITmagazin: Haben Sie deutsche Tugenden?

Henriette Ernst: Pünktlichkeit, Bodenständigkeit, Pflichtbewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstkritik. Als Deutsche ecke ich im Ausland gelegentlich mit meiner Korrektheit an; ich spreche Dinge sehr direkt an und erwarte, dass Absprachen eingehalten werden.

ZEITmagazin: Inwiefern hat Sie Ihre Zeit im Ausland verändert?

Ernst: Ich bin frei geworden und konnte mich als Persönlichkeit weiterentwickeln. Wäre ich in Deutschland geblieben, hätte das Strukturierte dominiert, und ich hätte mich zu sehr an Lehrbüchern orientiert. In Deutschland bin ich mir zu deutsch!

ZEITmagazin: Was hat Ihre Arbeit am meisten beeinflusst?

Ernst: Meine Herkunft. Das rebellische und anarchische Berlin der siebziger und achtziger Jahre hat mich geprägt. Auch die zeitlose Schlichtheit und der handwerkliche Perfektionismus der Bauhaus-Schule, die in meiner Familie eine große Rolle spielte.

ZEITmagazin: Was gefällt Ihnen am deutschen Stil? Was stört Sie?

Ernst: Das Traditionelle an Lederhosen und Dirndln gefällt mir. Schlimm ist, dass es Deutschen oft so egal ist, wie sie aussehen.

ZEITmagazin: Ist Ihre Herkunft manchmal noch ein Thema?

Ernst: Die Modebranche ist extrem schnelllebig und fordernd geworden, da sind deutsche Tugenden momentan sehr gefragt.