Der Unbequeme – Seite 1

Europa braucht weder durch ein Gesetz noch durch eine Regierung, noch durch einen Glauben, noch durch irgendeinen äußerlichen Zwang gefesselt zu werden, um sich einig und stark zu fühlen. Denn es ist über seine Geschichte und Kultur [...] verbunden und mächtig genug." So klingt nur ein glühender Europäer. Und tatsächlich war der rheinische Frühsozialist Moses Hess , der diese Zeilen schrieb, ein Verfechter des geeinten Europas avant la lettre.

Auch zur aktuellen Krise fand er bereits 1845 die passenden Worte: "Abgelaufen ist die Uhr der Geldmaschine, und vergebens versuchen unsere Staatskünstler des Fort- und Rückschritts, sie noch im Gange zu halten."

Doch auch in anderer Hinsicht zeigte er sich als politischer Avantgardist. Seine Forderung nach Selbsterforschung der Gesellschaft wies bereits auf die moderne Soziologie; er kritisierte die Judenfeindschaft auch seiner Gesinnungsgenossen und propagierte einen eigenen Judenstaat. Dennoch ist der kämpferische Bonner Jude, der frankophile Radikale und europäische Dauerexilant, dessen Geburtstag sich am 21. Januar zum 200. Mal jährt, heute fast vergessen.

Das Stadtarchiv Bonn bewahrt den Eintrag im Geburtenregister auf, ein Dokument in französischer Sprache, ohne Hinweis auf den jüdischen Glauben der Eltern: Hess wurde im Département de Rhin-et-Moselle geboren, und im französisch regierten Rheinland zeitigte die Säkularisation Folgen.

Hier zählte die Konfession des Vaters nicht mehr. Das Verhältnis des Sohnes zu ihm, einem frommen Kaufmann, wurde indes konfliktträchtig. Wäre es nach ihm gegangen, hätte sich das Leben von Moses Hess in der überschaubaren Welt der Gemeinde und des Handels bewegt. Doch Napoleons Code Civil hatte die Ghettopforten geöffnet, ein Prozess, den auch die Restauration der Folgejahre nicht mehr umkehren konnte.

Hess verweigerte sich den väterlichen Wünschen. Seine Jugend beschrieb er rückblickend wenig rosig: "Welche Bildung habe ich genossen? In der Judengasse geboren und erzogen; bis in mein fünfzehntes Lebensjahr über dem Talmud schwarz und blau geschlagen [...], so trat ich mein Jünglingsalter an." Hess rebellierte und bildete sich jenseits der religiösen Schriften. Er entdeckte Hegels Philosophie und Spinoza. Sein Erstling, Die Heilige Geschichte der Menschheit , erschien 1837 mit dem Autorenvermerk "von einem Jünger Spinozas". Und wie der rheinische Landsmann Heinrich Heine sah er sich als "Kind der großen Revolution, die von Frankreich ausging und den Weltteil verjüngte!".

Der Autodidakt stieß zum Kreis der Junghegelianer. 1841/42 war er im jetzt preußischen Köln an der Gründung der Rheinischen Zeitung beteiligt. Zur Redaktion gesellte sich auch der jüngere Karl Marx , dessen Potenzial Hess sogleich erkannte. Kurz darauf geriet der 22-jährige Friedrich Engels aus Barmen in Hess’ Bann – und schied von ihm als Kommunist.

Hess publizierte unermüdlich, längst waren die Behörden aufmerksam geworden. 1843 wurde die Rheinische Zeitung verboten. Er reiste immer mehr: Frankreich, Belgien und die Schweiz, an seiner Seite Sybille Pesch, eine einfache Näherin. Erst 1863 kehrte er wieder offiziell nach Deutschland zurück, um kurzzeitig der Kölner Sektion des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorzustehen.

Von den üblichen Auseinandersetzungen um die wahre Lehre blieb auch er nicht verschont. Das zeigte sich im wechselhaften Verhältnis zu Marx und Engels. Er wirkte an der Deutschen Ideologie mit, wurde aber im Kommunistischen Manifest 1848 scharf angegangen. Seine sozialrevolutionäre Agitation im Roten Katechismus für das deutsche Volk (1852) erinnerte eher an Georg Büchner , als eine Kritik der politischen Ökonomie zu entfalten. Für den "wissenschaftlichen Sozialismus" war er zu unsystematisch. Hess predigte eine Philosophie der Tat, er wollte losschlagen, Marx weiter die ökonomischen Zyklen studieren.

"Vater der deutschen Sozialdemokratie"

Doch widmete sich auch Hess intensiv der Theorie. Schon früh erkannte er, wie der Kapitalismus die sozialen Konflikte forciert. Dem Liberalismus hielt er die sozialen Realitäten entgegen, vehement schrieb er gegen die bürgerlichen Grundprinzipien an: die Ehe, das Erbe, die Kirche. Der neuen "Geldaristokratie" wollte er mittels Vergesellschaftung zu Leibe rücken. Seine Schrift Über das Geldwesen (1845) unterschied sich in ihrer Diktion wenig zumindest vom jungen Marx: "Geld ist der geronnene Blutschweiß der Elenden, die ihr unveräußerliches Eigentum, ihr eigenstes Vermögen, ihre Lebenstätigkeit selbst zu Markte tragen, um dafür das caput mortuum derselben, ein sogenanntes Kapital einzutauschen, um kannibalisch von ihrem eignen Fette zu zehren. Und diese Elenden sind wir alle!" Einige seiner Gedanken flossen zudem später in das Fetisch-Kapitel des Kapitals ein, auch übertrug er Marx ins Französische. Doch anders als dieser ließ er sich aus Hass auf Preußen zur Verehrung für Frankreichs Kaiser Napoleon III. hinreißen.

Ein Judenstaat? Diesen Gedanken lehnte die jüdische Intelligenz in Deutschland ab

Hess sah Geschichte als Befreiungsgeschichte, seine Werke haben einen messianischen Zug. Von Europa erwartete er die Vollendung der Emanzipation. Er hoffte, dass die verfehlte Ordnung von 1815 die revolutionäre Einigung beschleunigen werde: "Ein allgemeiner europäischer Krieg würde unzweifelhaft einen allgemeinen europäischen Bund hervorrufen." Reformation und Revolution hätten Europa auf den richtigen Weg gebracht. Wie bei Marx und Engels ruhte sein Augenmerk auf England . Wenn die Philosophie Deutschlands, der revolutionäre Geist Frankreichs und die Tatkraft Englands zusammenfänden, so schrieb er, müsse der Befreiungsschlag gelingen.

Immer wieder aber wurde Hess an seine jüdische Herkunft erinnert. Der Verbürgerlichungsprozess der Juden und die zeitgleiche Aufwertung des Finanzwesens hatten auch auf der Linken dazu geführt, in ihnen den personifizierten Klassenfeind zu sehen. Besonders in den Schriften der französischen Frühsozialisten, mit denen Hess gut vertraut war, artikulierte sich ein drastischer Antisemitismus. 1862 klagte er in seiner Schrift Rom und Jerusalem , selbst seine eigenen Gefährten hätten noch "in jedem persönlichen Streite von dieser Heppwaffe Gebrauch" gemacht.

Diese Erfahrung führte ihn zu seinem zweiten Lebensthema: der Gründung eines jüdischen Staates. Sein vorzeitiger Zionismus war dabei eine weitere Frucht der historisch-kritischen Bibellektüren Spinozas . Aus dessen Überlegungen im Tractatus theologico-politicus von 1670 zum "Staat der Hebräer" nahm er den Gedanken einer besonders demokratischen und egalitären Verfasstheit der Juden. In den traditionellen Chassidim Osteuropas sah er das unverfälschte Reservoir eines jüdischen "Volksstaates".

Wie der deutschbritische Historiker Hans Liebeschütz schrieb, versuchte Hess, "seine Haltung als Radikaler und das positive Interesse am Nationalstaat" zu vereinigen. "Das Volk der Außenseiter, wie er es in den osteuropäischen jüdischen Massen verkörpert sah, würde keinen bürgerlichen Staat gründen." Nach der griechischen und italienischen Nationalbewegung sollte mit den Juden auch das dritte große Volk der Antike als Nation wiedergeboren werden. Die partikulare Emanzipation der Juden im eigenen Staat, dies der Gedanke, wäre der erste Schritt zu einer allgemeinen Befreiung.

Mit Rom und Jerusalem zog sich Hess manchen Unmut zu. Die jüdische Intelligenz in Deutschland stritt für innere Reform und äußere Akkulturation, da wirkte die Forderung nach einem Judenstaat anachronistisch. Dass seine Verfolgungserfahrung auch dahin führte, dass er einen Kampf der "Rassen" noch vor dem der Klassen sah, wurde von interessierter Seite oft als Rassismus ausgelegt. Die emanzipatorischen Gedanken, von denen sein Befreiungsnationalismus getragen war, wusste man zu verschweigen: "Moses Hess – der erste National-Sozialist", ätzte 1967 der einstige Kronjurist des "Dritten Reiches", Carl Schmitt – glücklich, einen Juden gefunden zu haben, dem er sein eigenes Versagen anhängen konnte. Doch blieben die zionistischen Visionen zunächst folgenlos, wie auch Hess’ Hinwendung zu den Naturwissenschaften gegen Ende seines Lebens. Sein Alterswerk, die Dynamische Stofflehre, fand 1873 kein Echo mehr.

Zwei Jahre später starb Hess in Paris ; er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Deutz beigesetzt. 1903 ließen Kölner Genossen den Titel "Vater der deutschen Sozialdemokratie" auf seinen Grabstein meißeln, die Inschrift ist noch zu lesen. Sein Andenken verblasste schneller. Der Westen wollte nicht an die radikalen Wurzeln der Sozialdemokratie erinnert werden, vielen DDR-Historikern galt er, treu nach Marx, als "inkonsequent" und "wankelmütig". Dafür erinnerte sich die zionistische Bewegung an ihren Pionier, 1961 überführte man seine Gebeine nach Israel (nur der Grabstein blieb in Köln). Dortige Historiker wie Theodor Zlocisti, Edmund Silberner und Shlomo Na’aman wurden seine Biografen.

Doch die derzeitige israelische Regierung dürfte mit dem radikalen Sozialisten unter den Gründervätern wenig anzufangen wissen. Von dem universellen Auftrag, den Hess mit der Schaffung des jüdischen Staates verbunden hat, ist momentan nicht mehr viel zu spüren. Auch in Deutschland wird er den Parteien, die aus der Arbeiterbewegung hervorgingen, fremd geworden sein. Dabei haben sich viele der von Moses Hess angeprangerten Missstände als zu hartnäckig erwiesen, um diesen radikalen Antikapitalisten und Europäer zu vergessen.