Mehr Geld also fürs Militär? Das wird in Zeiten der Sparetats schwer durchzusetzen sein. Notwendig ist vielmehr, dass die Europäer mit der seit Langem diskutierten Arbeitsteilung ernst machen. Pooling and sharing heißt das im Nato-Jargon. Übersetzt: Nicht jeder muss alles selbst machen.

Aber sind die Europäer dazu bereit? Die Deutsch-Französische Brigade sehe man doch "nur bei Paraden", spottet Christoph Bertram, ehemals Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, und das viel gerühmte Eurokorps habe "eher Symbolwert". Er sei, was die europäische Zusammenarbeit angehe, "wahnsinnig pessimistisch"; die "Engstirnigkeit" von Politik und Militärbürokratie behindere jede ernst zu nehmende europäische Zusammenarbeit.

Und doch, wie bei der Staatsschuldenkrise kann die Antwort der Europäer nur lauten: Wir rücken enger zusammen. Wolfgang Ischinger , der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, nennt drei Felder der Zusammenarbeit. Erstens, gemeinsame Rüstungsproduktion: "nicht sieben verschiedene Flugzeuge, sondern eins oder zwei". Zweitens, gemeinsame Ausbildung: "nicht 27 Generalstabsakademien, sondern zwei oder drei". Drittens, Spezialisierung: "Die Dänen konzentrieren sich auf die Marine, die Österreicher auf die Gebirgsjäger."

Europa denkt im Augenblick jedoch über alles Mögliche nach, nur nicht über eine bessere militärische Zusammenarbeit. Eine Gelegenheit, die Diskussion zu beginnen, bietet sich Anfang Februar in München auf der Sicherheitskonferenz. Wolfgang Ischinger hat die asiatisch-pazifische Herausforderung ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. "Wie stellen wir uns eigentlich angesichts der Prioritätenänderung der Amerikaner die künftige europäische Politik gegenüber den großen asiatischen Mächten vor?" Darüber sollen die Teilnehmer nach seinem Wunsch diskutieren.

"Wir sind strategisch nicht wirklich gesprächsfähig", beklagt Ischinger. Zu Recht, meint er, forderten sowohl China als auch die Vereinigten Staaten eine aktivere Asienpolitik der Europäer. "Wir werden nie als militärische Schutzmacht von irgendwem in Asien auftreten", sagt Ischinger, "aber wir haben strategische Interessen, die sich nicht im Auto-Export erschöpfen."

In der US-Regierung aber scheint die Sorge groß, die Europäer könnten die Dimension der globalen Machtverschiebung noch immer nicht begriffen haben. Deshalb dürften die Amerikaner, ist aus Washington zu hören, in München sowohl mit Außenministerin Hillary Clinton als auch mit Verteidigungsminister Leon Panetta vertreten sein. Einen solchen Auftritt hat es auf der Sicherheitskonferenz noch nie gegeben.

Vielleicht beginnt in München die überfällige Debatte über die Zukunft der Nordatlantischen Allianz. Zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges ist deren Rolle völlig ungeklärt. Entwickelt sie sich klammheimlich von einem Verteidigungs- zu einem Interventionsbündnis? Wo endet ihre Zuständigkeit: In Libyen? In Afghanistan? Wie sollen sich EU und Nato die Arbeit teilen?

Eine Friedensdividende wird es nach dem "Jahrzehnt des Kriegs" nicht geben

Spätestens im Mai, beim Nato-Gipfel in Chicago , wird die Diskussion über smart defense, die sogenannte intelligente Verteidigung, und über burden-sharing, die Verteilung der Lasten, verknüpft werden müssen mit der übergeordneten Frage nach der Sicherheitspolitik des Westens. Die Amerikaner haben mit der neuen Militärstrategie die Richtung vorgegeben. Jetzt warten sie auf die Antwort der Europäer.

Die kann nicht darin bestehen, mit den Amerikanern um Einfluss in Asien zu wetteifern. Die Vereinigten Staaten sind seit über hundert Jahren eine pazifische Macht. Nicht einmal China bestreitet ihre strategischen Interessen dort.

Die Europäer haben in Asien vitale wirtschaftliche Interessen. Sie müssen politisch selbstbewusster auftreten und sollten sich nicht von Chinas wachsender Stärke einschüchtern lassen. Aber militärisch haben sie in Asien nichts zu suchen.

Ihre Antwort auf die neuen amerikanischen Prioritäten muss lauten: Wir stimmen die Fähigkeiten unserer Streitkräfte aufeinander ab; wir vergemeinschaften unsere Rüstungsproduktion; und dort, wo wir sparen müssen, arbeiten wir enger zusammen. Billiger wird das alles nicht. Die Kosten dürften sogar, siehe die Lehren aus Libyen, wieder steigen. Auch diese kühle Wahrheit hält die neue Strategie Barack Obamas bereit. Eine Friedensdividende nach dem "Jahrzehnt des Kriegs" wird es nicht geben.