DIE ZEIT: Kriegt die Obama-Regierung allmählich die Lage am Arbeitsmarkt in den Griff?

Andrew Stern: Von wegen. Wir haben zurzeit eine Partei, die die Rolle der Regierung als Arbeitsbeschaffer verdammt, und eine andere, die die Märkte beschimpft. In den erfolgreichen Ländern wie Singapur , Brasilien , China oder Deutschland ist man darüber längst hinweg. Da ist der Staat sehr beim Bau von Infrastruktur involviert, da gibt es bessere Public-Private Partnerships und so weiter.

ZEIT: Und die USA verlieren den Wettbewerb?

Stern: Nun, wir haben eigentlich alles Notwendige, um das Land zu reparieren. Die größte Innovationskraft, die größten natürlichen Ressourcen, die besten Fabriken, die besten Universitäten. Aber in anderen Ländern arbeiten Unternehmen, Regierung und Gewerkschaften besser zusammen. Wir hingegen reiben uns in Ideologiestreits auf.

ZEIT: Die USA sollen von China lernen?

Stern: Ich war kürzlich dort, und eins muss man sagen: Die haben eine eigene Art von Kapitalismus auf die Beine gestellt, die zu ihrem Land passt und die dort funktioniert.

ZEIT: Als Gewerkschafter können Ihnen doch die chinesischen Arbeitsbedingungen nicht gefallen?

Stern: Ich schlage ja auch nicht vor, das chinesische System hier einzuführen. Aber man sollte von anderen Modellen lernen. Die Kommunistische Partei , die Arbeitsbedingungen , die Ausbeutung, der Diebstahl geistigen Eigentums: Das wollen wir alles nicht. Aber Investitionen in Infrastruktur, gute Planung, das Management des Währungskurses, Schutz der Industrie: Darüber kann man nachdenken.

ZEIT: Früher galten die USA einmal als das Modell für den Rest der Welt.

Stern: Ja, und jetzt müssen wir unsere amerikanische Version vom Kapitalismus erst mal neu erfinden. Die Schaffung von Jobs muss im Mittelpunkt stehen. Die Sache mit den freien Märkten hat in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren gut funktioniert, aber nicht mehr, seit so viel Arbeit nach Mexiko und nach Asien abgewandert ist.