Neue Sünden, um die alten zu tilgen: Das gleiche Muster bestimmt die Geldpolitik . Die Krise konnte nur so groß werden, weil die Zentralbanken, allen voran die amerikanische, zu viel Geld in die Weltwirtschaft gepumpt hatten. Nun öffnen sie noch mehr Schleusen, und die ungeheuren Mengen frischen Geldes könnten in Zukunft eine gigantische Inflationswelle auslösen. Auch die Zentralbanker müssen also, noch während sie die Märkte fluten, glaubwürdig zeigen, wie sie diese Flut künftig wieder eindämmen – und dann einen gleichmäßigen Wasserstand garantieren wollen.

All das sind nur die einfachen Aufgaben, weil Nationen und Regionen sie allein angehen können. Schwerer wird es, den Kapitalismus global ins Gleichgewicht zu bringen. China türmt riesige Kapitalmengen auf, weil es dank seiner billigen Währung viel mehr exportiert als importiert. Amerika dagegen verschuldet sich im Ausland in kaum vorstellbarer Weise, weil es umgekehrt handelt. Viel wird über dieses Missverhältnis gesprochen, und wenig wird dagegen getan.

Am schwersten wird es sein, das ökologische Ungleichgewicht auszugleichen. Es ist noch schwerer geworden, weil die krisengeschüttelten Länder mehr denn je wachsen wollen, um ihre Schulden in den Griff zu bekommen. Wer so denkt, denkt kaum an die Umwelt. Deutschland bildete mit seiner Energiewende die Ausnahme unter den Industrieländern, und selbst bei uns stockt der Umbau. Doch ohne ein neues globales Klimaabkommen, in dem der Norden dem Süden bei der Abkehr von der CO₂-Wirtschaft hilft und die Energiewende vorantreibt, wird der Kapitalismus keine Ruhe finden. Der Druck zum Umbau des Systems sinkt, wenn Maßnahmen gegen die Krise zu wirken scheinen. Die Frage, ob die gegenwärtige Krise groß genug ist, damit wir trotzdem zu einem anderen Kapitalismus kommen, stellt sich in diesen Tagen deutlicher denn je. Wahrhaft epochal wäre es, zu zeigen: Wir brauchen keine Katastrophe, um das Gebotene zu tun.

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