Man kann über dieses Museum nicht sprechen, ohne über seinen Gründer zu reden. Heiner Friedrich bekommt gerne das Prädikat "legendär" verpasst, zusammen mit einem Heiligenschein aus kunstreligiösen Anekdoten. Das liegt wohl daran, dass Friedrich einen Umgang mit der Kunst betreibt, wie man ihn so unbedingt und kompromisslos nur selten sieht. Geld, so scheint es, war für ihn immer nur wichtig als Mittel zum Zweck – in diesem Fall für die Kunst.

Heiner Friedrich stellte in München Künstler wie Cy Twombly, Joseph Beuys, Gerhard Richter oder Andy Warhol aus, als nur wenige sie kannten, geschweige denn schätzten. Er ließ Walter de Maria seine Galerieräume mit Erde zuschütten (Münchner Erdraum, 1968) und ermöglichte ihm durchaus als größenwahnsinnig zu bezeichnende Projekte wie die Lightning Fields in New Mexico. Dazu braucht es natürlich, das darf man nicht vergessen, nicht nur Idealismus und Kunstbegeisterung, sondern auch so etwas Schnödes wie Geld.

In Friedrichs Fall kam ein Gutteil davon von seiner zweiten Ehefrau Philippa de Menil, ihrerseits Erbin texanischer Ölmilliardäre. Sie gründete gemeinsam mit Friedrich 1974 auch die Dia Art Foundation, welche die dauerhafte Erhaltung des New Yorker Earth Room ermöglichte.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

In seiner Heimatstadt Traunreut, nicht fern vom Chiemsee gelegen, hat er in den ehemaligen Fabrikhallen seines Vaters, des Metallwarenfabrikanten Harald Friedrich, 2011 ein Haus eröffnet, das sich Das Maximum nennt und zuhauf anspruchsvolle Museumsbesucher und Feuilletonautoren in eine Gegend jagt, die bis dato zwar für ihre ausnehmend hübsche Landschaft, nicht aber für ihr kulturelles Angebot bekannt war. Dazu brauchte es wenig mehr als den Namen des Gründers, aggressive Kampagnen waren nicht vonnöten. Nichts ist hier zu sehen oder zu spüren von der aufgeregten Betriebsamkeit, mit der andernorts Jagd auf Besucher und Umsatz gemacht wird. Stattdessen heißt es, wenn nur ein Besucher am Tag käme, der die Kunst wirklich genieße, hätte sich die Öffnung des Museums schon gelohnt. Andere Museen mögen sich wie Fernsehanstalten gerieren und paralysiert auf die Quote starren – im Maximum misst man den Erfolg nicht an der Höhe der Besucherzahlen, sondern an der Intensität jedes einzelnen Besuches. So hat man sich das von Heiner Friedrich erwartet: Auf den 3.000 Quadratmetern des zum Museum umfunktionierten Werksgeländes geht es um die Kunst – und um nichts anderes. Die Fabrikhallen wurden von der Künstlerin Maria Zerres (deren Atelier sich ebenfalls auf dem Gelände befindet) mittels bunter Farbe und blau glasierter Ziegel in eine Villa Kunterbunt verwandelt. Autos sind auf dem Gelände nicht erlaubt, und abgesehen von gelegentlichem Vogelzwitschern aus dem nahen Wald ist hier: Ruhe. Die herrscht auch in den von Tageslicht durchfluteten Ausstellungsräumen, und das, obwohl das Museum gut besucht ist. Friedrichs etwas diktatorisch anmutender Plan, zur Vermeidung von zu viel Rummel nie mehr als 20 Besucher einzulassen, wurde mit gutem Grund ad acta gelegt; solch restriktive Maßnahmen sind hier gar nicht nötig. Mit den Informationen zu den jeweiligen Künstlern und Werken aber wird nach wie vor sehr zurückhaltend umgegangen. Zwar kann sich jeder, der will, ein Papier mit den jeweiligen Eckdaten mit auf den Rundgang nehmen. Doch für Heiner Friedrich soll der Kunstgenuss möglichst pur und unvermittelt sein – keine Texte, kein kunstgeschichtliches Fachwissen sollen den Besuchern Augen und Ohren verkleben.

Warum Imi Knoebels Ich nicht so heißt, wie es heißt, erfährt man dann eben nicht. Darum, heißt die implizite Botschaft an den Besucher, geht es ja auch erst mal nicht. (Wer es trotzdem wissen will: Es ist die Antwort auf Barnett Newmans Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue?) Friedrich glaubt daran, dass die Werke für sich sprechen können, und das tun sie auch tatsächlich. Hier bekommen sie reichlich Platz und eigene Räume, in denen sie unter sich bleiben können – oder mit der umliegenden Landschaft in Beziehung treten. Andy Warhols großformatige Camouflage versteht sich prächtig mit dem Waldesgrün draußen vor dem Fenster. Die drei Paare aus Walter de Marias Equal Area Series bilden ein kongeniales Team mit dem Himmel über Traunreut: Ganz allein liegen die Kreise und Rechtecke aus Edelstahl am Boden eines großen Raumes mit Oberlicht und freigelegtem Holzdachstuhl, der Himmel gerinnt in ihrem Spiegel zu flüssigem Silber. Es herrscht ehrfürchtige, fast sakrale Stille.

Draußen in einem ehemaligen Schulhaus auf dem Gelände finden Dan Flavins European Couples, neun Eckinstallationen aus fluoreszierendem Licht, erstmals alle zusammen. Von der einen Längsseite dringt (so vorhanden) Sonnenlicht, von der anderen die Kühle des Waldes herein, und man fragt sich, wie die bunten Farbröhren überhaupt jemals ohne diese Beigaben funktionieren konnten.

Doch gibt es neben den bekannten Namen im Maximum auch weniger bekannte Künstler zu entdecken. Herausragend sind die zwölf Werke von Uwe Lausen, Künstler-Enfant-terrible der sechziger Jahre, das sich 1970, noch keine 30 Jahre alt, im LSD-Rausch die Pulsadern aufschnitt. Friedrich hat Lausen, einen alten und doch sehr neuen, immer noch zu entdeckenden Künstler, in seine Dauerausstellung aufgenommen. Programm ist, was dem Sammler gefällt. Ein Luxus, den sich ein solches Privatmuseum leisten kann – und der für eine spannende und überraschende Sammlung sorgt.