DIE ZEIT: Herr Kardinal, stimmt das: Sie fahren gern mit der U-Bahn zur Arbeit?

Kardinal Reinhard Marx: Nun, die tägliche Büroarbeit findet ja hier bei mir statt. Aber U-Bahn-Fahren liebe ich seit meiner Studentenzeit in Paris . Also, gelegentlich fahre ich gerne U-Bahn.

ZEIT: Wie weltlich darf ein Kardinal leben?

Marx: Meine Richtschnur ist: Nicht von der Welt, aber in der Welt und für die Welt. Das gilt nicht nur für den Kardinal, das gilt für jeden Christen.

ZEIT: Sie sagten mal: "Als junger Priester hatte ich mir vorgenommen, jetzt kannst du nicht mehr tanzen." Später haben Sie wieder damit angefangen, etwa bei Festen der Schützenbruderschaft in Ihrem westfälischen Heimatdorf Geseke. Darf ein Kardinal tanzen?

Marx:(lacht) Na, das ist die absolute Ausnahme, dass ich zu Hause im Kreis der Schützenbruderschaft tanze, wenn wir miteinander feiern. Das wird immer seltener. Aber ich liebe unsere alten Geseker Traditionstänze sehr.

ZEIT: Und da gibt’s keine scheelen Blicke?

Marx: Ganz ehrlich: Darauf achte ich nicht so. Aber restlos kann man die Spannung zwischen Himmel und Erde, die ein Priester leben muss, nie auflösen. Das Leben eines Priesters soll eben auch ein Zeichen sein. Wenn mir jemand anerkennend auf die Schulter klopft und sagt: "Sie passen in die Welt!", dann antworte ich: "Na, das möchte ich jetzt auch nicht so ganz."

ZEIT: Ist heute nicht eher das Gegenteil zu beobachten: eine Priesterkaste, die sich immer stärker zurückzieht?

Marx: Bei aller Zeichenhaftigkeit des Priesteramts: Die Kirche darf nicht zu einer Sonderwelt jenseits der Menschen werden. Das hat Jesus nicht gewollt.

ZEIT: Jesus hat eine Meinung zu tanzenden Kardinälen?

Marx: Er hat jedenfalls die Feste der Menschen besucht und erlebte dieselbe Spannung wie wir in der Kirche. Im Evangelium artikuliert sich die Kritik an Jesus ganz deutlich: Wie kann das denn sein, der Fresser und Säufer sitzt bei den Sündern und isst mit denen! Er fasst die Kranken an und macht sich unrein. Ja, Jesu Hinwendung zu den Menschen war aus der damaligen Sicht eigentlich inakzeptabel. Auch das macht seine Faszination aus.

ZEIT: Muss der Kardinal alleine tanzen?

Marx:(lacht) Also, ich mache auch mal mit der Schützenkönigin einen Traditionstanz. So was kommt vor.

ZEIT: Wie weit sich die Kirche mit der Welt einlassen darf, ist seit dem Deutschlandbesuch des Papstes heiß umstritten. Benedikt XVI. hat in seiner Abschiedsrede den deutschen Katholiken eine kontroverse Mahnung mitgegeben: Die Kirche solle sich "ent-weltlichen". Ist "Entweltlichung" ein Kampfbegriff im Streit um die künftige Richtung der Kirche?

Marx: Ja, es gibt bei einigen in der Kirche die Tendenz, aus dem sehr klugen Wort des Papstes eine Rolle rückwärts abzuleiten. Doch theologisch ist das unhaltbar: dass die Kirche sich aus der Welt zurückziehen könnte.

ZEIT: Der Papst scheint einer solchen Rückbesinnung nicht abgeneigt zu sein.

Marx: Nein, dem Papst ging es um den Impuls: Wie stellt sich Kirche in einer pluralen Gesellschaft auf? Wir wollen mitten in der Welt stehen und doch nicht von dieser Welt sein. Die Welt soll verwandelt werden. Das ist das Ziel.

ZEIT: Klingt schön, aber was heißt das?

Marx: Wir müssen eine Spannung bejahen, die theologisch und politisch nicht immer leicht auszuhalten ist: Die Kirche soll sich nicht der Welt anpassen, nicht verlängerter Arm des Staates sein und keine Werteagentur. Gleichzeitig aber gibt es die Kirche nur, weil die Welt von Gott erlöst werden soll. Die Kirche gibt es also nur um der Welt und nicht um ihrer selbst willen.