Picasso und Münster, das ist wie die Beatles und Halle. Beide haben eher wenig miteinander zu tun, und doch hat man den populären Briten in Thüringen und dem populären Spanier in Westfalen jeweils ein großzügiges Museum eingerichtet. Während es allerdings rätselhaft bleibt, was die Devotionalien der britischen Band an die Saale verschlug, hatte Münster neben den Argumenten eines rührigen Stadtmarketings durchaus Gründe, dem spanischen Wahlfranzosen eine künstlerische Heimstatt zu errichten. In Münster nämlich leben der Grafiker und Kunstsammler Gert Huizinga und seine Frau, die seit den fünfziger Jahren eine der größten Kollektionen von Picasso-Lithografien weltweit zusammenkauften.

Die Lithografie war die ideale künstlerische Technik für Picasso, von dem der Ausspruch überliefert ist, dass keineswegs der erste, sondern der letzte Strich der schwerste sei; die Lithografie enthob ihn dieser gefürchteten Endgültigkeit ein wenig, denn mit dieser Technik lassen sich viele verschiedene Phasen eines Werks festhalten. Sehr schön sieht man das an dem Mädchenkopf aus dem Jahr 1949. Im "1. Zustand", so heißt der Druck der ersten Bildversion auf Lithografendeutsch, sieht man auf weißem Grund die Konturen von Schultern und Haar in ornamenthaften, dicken Pinselstrichen. In diesen starren und geometrischen Rahmen hat Picasso in sparsamen Zügen ein Gesicht gesetzt, in dem unter zwei weit aufgerissenen Augen die Nase waghalsig nach rechts, Mund und Kinn dagegen wie von einer Schnur nach links gezogen ist.

Der "2. Zustand", drei Tage später ebenfalls bei Picassos Haus- und Hofdrucker Mourlot in Paris hergestellt, zeigt eine fast völlig verwandelte Frau. Der Hintergrund ist nun komplett schwarz, das Gesicht feiner moduliert, von dunklen Schatten durchzogen, und um den Mund herum hat sich ein leicht spöttischer Zug eingeschlichen. Ein paar Tage zuvor entwarf er am selben Tag erst einen Hummer, sodann eine Taube, die berühmte Picassosche Friedenstaube, über deren ikonischen Welterfolg er sich später ähnlich staunend amüsiert haben mag wie die unbekannte junge Dame im Bild.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Bis zur dritten Version vergingen fast zwei Monate. Der Mädchenkopf blickt nun sehr ernst aus dem Bild, die Schatten sind bleicher Haut gewichen. Es ist das stärkste Bild der Reihe, und doch entschied sich Picasso sieben Tage später, Tabula rasa zu machen; es bleiben der schwarze Hintergrund und die Schulterpartie, die jetzt an ein ionisches Kapitell erinnert. Doch aus dem gotischen Dreiecksgesicht wurde ein Rokoko-Püppchen mit Schmollmund. Die feinen Schattenschraffuren der Vorgängerzeichnungen schimmern nur noch schwach hervor.

Die Lithografie erlaubte Picasso nicht nur, viele verschiedene Versionen eines Entwurfs herzustellen, sondern überhaupt sehr viele Drucke auf den Markt zu werfen. So viele immerhin, um sie neben den großen Kunstmuseen der Welt und einer Unzahl privater Sammler auch noch auf die vielen monografischen Picasso-Museen zu verteilen, die in Malaga, Barcelona, Paris und Antibes die Mengen locken. Wobei Münster neben den Lithografien der Sammlung Huizinga auch Picassos Grafik-Folge Suite Vollard sowie eine Chagall- und eine Braque-Kollektion besitzt.

Dass sich nun in Westfalen, wie in der Eigenwerbung behauptet, Deutschlands einziges Picasso-Museum befinde, stimmt allerdings nur halb; zwar bilden die über 800 Grafiken in dem Haus in Münsters Zentrum, das mit seinen Wechselausstellungen zwölf große Säle füllen kann, einen beeindruckenden Fundus. Wäre jedoch die Sammlung Berggruen in Berlin-Charlottenburg statt nach ihrem Sammler nach dem Gesammelten – vor allem Werke Picassos – benannt, müsste sich Münster in die zweite Reihe ducken.

Andererseits kann man im Unterschied zu Gemälden, Plastiken oder Keramiken bei Lithografie-Reihen wie jener der jungen Frau dem Kunstwerk beim Werden zusehen – zumindest vermeintlich. Tatsächlich ist ja jeder Zustand ein Kunstwerk für sich allein, auch wenn sich nicht immer so klar eine Entwicklung wie im Fall des Stiers nachvollziehen lässt: In elf Stufen, von einem minutiös in allen Details wiedergegebenen Tier über allerlei kubistische und abstrakte Metamorphosen, wird er zu der berühmten Strichzeichnung, zum Wesen des Stiers gewissermaßen, dessen notwendige, aber auch hinreichende Eigenschaften kaum mehr als eine einzige Linie beschreibt. Von Picassos Werken gibt es viele. Das Werden der Werke lässt sich dagegen kaum irgendwo sonst so anschaulich betrachten wie in Münster.