Das magische Jahr ist 2020. Bis dahin soll in Deutschland mindestens jede dritte Kilowattstunde Strom aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse kommen, so lautet die kühne Prognose der schwarz-gelben Bundesregierung. Und keiner lacht. Was vor zehn Jahren noch als wirre Vision grüner Spinner galt, ist heute Staatsziel. Nach der Fukushima-Katastrophe und dem panischen Atomausstieg ist die Energiewende gesellschaftlicher Konsens. Der größte Stromlieferant soll die Windkraft werden – eine Technik, die lange Zeit heftig umstritten war.

Allerdings nicht immer. In alter Zeit war sie selbstverständlich. Noch 1882 drehten sich bei uns, laut Statistik des Deutschen Reichs, 18.901 Windmühlen und strahlten, tausendfach auf romantischen Ölgemälden verewigt, die Autorität des ruhigen Landlebens aus. Die imposante Zahl markiert das historische Maximum. Bau und Betrieb der Mühlen hatten lange unter der reglementierenden Aufsicht der Landes- und Kirchenherren gestanden, im 19. Jahrhundert jedoch verlangte der Bedarf an Mehl für die schnell wachsende Bevölkerung eine Lockerung der Vorschriften. So kletterte die Zahl der Windmühlen auf Rekordniveau – bis ihnen die Dampfmaschine die Flügel stutzte. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Mehlfabriken, das große Mühlensterben begann.

Natürlich reicht die Geschichte der Windenergiegewinnung noch viel weiter zurück. Der Anfang liegt in Babylon, im Jahre 1750 vor Christus. Dort soll es ein großes Musikinstrument gegeben haben, eine Art Orgel, die von einem Mini-Windrad angetrieben wurde. Windsegel und -schaufeln drehen sich auch im alten China und in Persien. Im vorindustriellen Europa ist die Windmühle die wichtigste Kraftmaschine und bereits im 13. Jahrhundert eine gewohnte Erscheinung. Die Flügel sind mit Baumwollsegeln bespannt, das Mühlenhaus steht auf einem Bock, der in die entsprechende Windrichtung gedreht wird. 1736 dann ein Sprung nach vorn: Der holländische Ingenieur Jan Adrian Leegwater erfindet die Kappenmühle. Jetzt muss nicht mehr das ganze Mühlenhaus, sondern nur noch der obere Teil, die Kappe, gedreht werden.

Bereits 1979 nimmt die Nasa eine riesige Windturbine in Betrieb

Neben den Mühlenwindrädern entwickelt sich auch das "reine" Windrad weiter. Der amerikanische Mechaniker Daniel Halladay entwirft 1853 sein erstes Modell und wird zum Pionier. Bis zu acht paddelförmige Flügel bilden ein Rad, das sich, auf eine vertikale Achse montiert, mithilfe eines horizontal ausgerichteten Zusatzflügels von selbst in die ideale Position bringt. Halladays U.S. Wind Engine & Pump Company in Illinois floriert, und 1876 sorgt die Weltausstellung in Philadelphia für den internationalen Durchbruch. Der Technologietransfer nach Europa beginnt. In den USA und Australien sind die kleinen Flügelräder Anfang des 20. Jahrhunderts bereits millionenfach verbreitet. Mit ihrer Energie wird vor allem Wasser gepumpt, aber auch Elektrizität erzeugt.

In Deutschland schwärmt der Maschinenbauer Adolph Piper aus dem niederrheinischen Moers vom "ungeheuren Kraftvorrath der Luftströmungen". Er entwickelt Ende des 19. Jahrhunderts Windräder mit bis zu 18 Metern Durchmesser und preist sie als "billige Arbeitskräfte". Wind auch zur Erzeugung kostbarer Elektrizität zu nutzen wird immer populärer. Der britische Physiker William Thomson, später als Lord Kelvin bekannt, hält 1881 seinen berühmten Vortrag über natürliche Energiequellen. Er warnt vor der Endlichkeit der Kohle und prophezeit den Triumph der Windkraft. Mit der Erfindung der Bleiakkumulatoren lässt sich die erzeugte Energie nun auch speichern.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Stromerzeugung durch Windkraft eine vertraute Technik, nur in Fragen der Aerodynamik verharrt die Menschheit weiterhin "in grandioser Unwissenheit", wie der aus Nürnberg stammende Strömungstechniker Hermann Föttinger 1917 lästert. Dabei hat der dänische Pionier Poul La Cour schon 1901 die Prinzipien der idealen Mühle beschrieben und nachgewiesen, dass weniger Flügel mehr sind.

Ob vier- oder vielflügelig: Die neuen Windräder verbreiten sich auch in Deutschland. 1925, in der Weimarer Republik, nutzen sie an die 7.000 Bauernhöfe zum Wasserpumpen, zum Antrieb landwirtschaftlicher Maschinen und zur Erzeugung von Elektrizität. Es ist der Höhe- und zugleich der Endpunkt dieser Entwicklung: Der Ausbau der zentralen Stromversorgung mittels Kohlekraftwerken lässt gegen Ende der zwanziger Jahre nach den Windmühlen auch alle anderen Windräder verschwinden.