Zur Sache mit der Mindestliebe kam es in etwa so. Saßen der Maurice, der Gunther und der Ramin mal wieder beisammen, ohne spezielles Thema, was aber nichts macht, die Themen liegen ja sozusagen in der Luft. Und weil der Gunther mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ankam, hielt der Maurice einfach mal dagegen, was zu Diskussionen führte, wo wir heute in Sachen Sozialstaat eigentlich stehen, was daran Romantik ist und was eben nicht. Der Ball wurde quasi mehrmals über Bande gespielt, und irgendwann stand sie dann da, die Zeile: »Ich will keinen Mindestlohn, ich will Mindestliebe«.

»Kaffeekränzchensituation« nennt Maurice Summen das Setting, aus dem heraus er und seine beiden Bandkollegen ihre Texte generieren, herauspurzeln lassen sollte man vielleicht eher sagen, denn oft sind die drei selber überrascht, was da alles zusammenkommt. Wenn der Nachmittag lang ist, sagt der Maurice, gibt ein Wort das andere, dann geht es von privatesten Befindlichkeitssondierungen bis hin zu paradoxalen, das Wesen der Arbeit hier und heute betreffenden Maximalforderungen, immer der Frage nach, »wo ich Utopie noch denken kann und wo ich mich im Prinzip gesehen auf dem Holzweg befinde«. Obwohl: Holzweg, schon Heidegger sagt ja, dass... Aber an dieser Stelle müssen wir kurz unterbrechen.

Aus der Berliner Ideenfabrik: Die Türen liefern Sinn zum Selberbasteln

Wer Maurice Summen nicht hin und wieder unterbricht, muss damit rechnen, aus einer Kaffeekränzchensituation übergangslos in eine Informations-Overflow-Situation zu geraten. Jeder weiß das in Berlin und um Berlins Clubszene herum, nicht umsonst eilt dem Sänger der Band Die Türen der Ruf voraus, ein Kommunikator und Ideengeber allerersten Ranges zu sein, quasi der Andy Warhol vom Prenzlauer Berg. Ins Monologisieren sollte man einen wie ihn lieber gar nicht erst kommen lassen. Gibt man ihm allerdings, getreu der auf Francis Picabia zurückgehenden Devise, der Kopf sei rund, damit das Denken seine Richtung wechseln könne, in regelmäßigen Abständen Paroli, entsteht nicht nur ein hochanregender Dialog, man begreift auch, warum Die Türen die Band der Stunde sind.

Es ist die Ideenfabrik Berlin selbst, die hier den Takt vorgibt. Überall in der Stadt wird ja heftig gedacht, vor Laptops, an Schreibtischen, in Ladenwohnungen und an Theken, im Innern sperrmüllmöblierter Lokale wie dem, in dem wir an einem trüben Winternachmittag beim fröhlichen Ideen-Pingpong sitzen. Dass sie immer ein wenig wirken wie Tagesstätten für verwaiste Künstlerexistenzen, hat seinen Grund: Früher war Berlin eine Wolke, jetzt ist es ein Thinktank. Was den Gedankenumsatz anbelangt, wurde in den letzten Jahren eine derart hohe spezifische Dichte gemessen, dass auch die Wirtschaft Potenziale sieht. Weil man sich in den Windungen dieses Labyrinths aber auch leicht verirren kann, braucht es jemanden, der hin und wieder Wegmarken setzt, und das übernehmen stellvertretend Die Türen. Sie sind eine Art personalisierte Suchmaschine zur Auffindung verschollener Orientierungen.

Glückskekse einer postfordistisch verwalteten Welt

Sollte das zu abstrakt klingen, machen Sie den Selbstversuch. Einfach Türen-CD in den Player und den mentalen Eintippmechanismus aktiviert, schon kommen die Sätze einem zugeflogen. Sie zweifeln an Ihrer Leistungskraft? »Ich bin nicht krank«, sagen Die Türen, »ich hab nur etwas Fieber«. Sie sind mal wieder voll verpeilt in den Tag gestartet? Die Türen sagen: »Wer morgens länger schläft, hält’s abends länger aus«. Sie sind traurig, weil die Popsänger im Radio Ihnen seit Tagen nur Lügen ins Ohr blasen? »Hey, hey, hey«, halten Die Türen dagegen, »HipHop wird niemals sterben, so wie Rock’n’Roll und der Geist von Ton Steine Scherben!« Natürlich darf man nicht den Fehler machen, diese oft nah am Kalauer gebauten Sentenzen für letzte Wahrheiten zu halten. Das Angebot gilt immer nur für den Moment. Formulieren wir es so: Die Türen sind der Glückskeks einer postfordistisch verwalteten Welt. Was sie liefern, ist Sinn zum Selberbasteln.


Nichts bringt dies trefflicher zum Ausdruck als die Tatsache, dass das neue Türen-Album den Titel ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ trägt: das Alphabet als Inbegriff all der Möglichkeiten, Sätze zu bilden, sagt Summen, eine konzeptkünstlerische Idee, auf die bisher seltsamerweise niemand gekommen ist, weil alle da draußen einem immerzu mit Gewalt ihre Slogans ins Hirn hämmern wollen. Die Türen fordern: Relax! Tretet einfach mal einen Schritt zurück, Leute, und erkennt die nackte Schönheit der Grundlagen! Um dies zu unterstreichen, kommt ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ in einer neutralen Hülle auf den Markt, wie das Weiße Album von den Beatles, allerdings mit einem Bastelbogen, der jedem die Chance gibt, sich sein eigenes Türen-Cover zu erstellen. Ja, dies ist kein Konsumistenmist, sondern eine Mitmachplatte! Nun rührt mal schön in der Buchstabensuppe, sagen Die Türen, am Computer muss sich ja auch ständig jeder sein eigenes Menü erstellen.

Natürlich hat so viel Informiertheit seine Voraussetzungen. Als derzeitige Speerspitze des Berliner Konzeptpop können Die Türen sich nur deshalb behaupten, weil das Kerntrio selbst zutiefst in die gesellschaftliche Zeichenproduktion verstrickt ist: Ramin Bijan als Studiobesitzer, Gunther Osburg als Werbetexter, Maurice Summen als kommunikativer Durchlauferhitzer, Patchworkfamilienvater und Betreiber des Labels Staatsakt , den seine diversen Aktivitäten so nachhaltig auf Trab halten, dass er seine geschäftlichen Transaktionen nicht selten per Smartphone vom Spielplatz aus abwickelt. Ruft man ihn dort an, sagt eine helle Kinderstimme: »Papa, da will dich schon wieder einer sprechen.« Doch gerade weil der universelle Vernetzungswahnsinn rings um einen herum tobt, braucht es einen Ort der Gegenkonspiration, und das ist in diesem Fall die Band. »Ich kann mir nach all den Jahren noch immer keine schönere Form des Abflugs vorstellen als eine Jamsession«, sagt Summen. Jammen, das ist wie Kaffeekränzchen auf Droge. Auch für das Publikum.

Es ist ein mahlstromartiger Gegenwarts-Remix, dem Die Türen einen in ihrer Musik aussetzen: Alles was ohnehin schon nicht mehr an seinem Platz ist, wird kurzerhand noch einmal durch die Mangel gedreht, die Beschäftigungslage, das Nachtleben, die Überreste aus sechs Semestern Philosophie, das Wetter. Manchmal klingen versunkene Politparolen darin herauf, dann fühlt man sich aufgerüttelt und zum Mitmachen animiert, um im nächsten Moment zu erkennen, dass da bloß Nonsensbotschaften skandiert wurden. Manchmal geht es auch einfach nur darum, den Prozess der Dadaisierung aller Lebensverhältnisse unter Einsatz von Sprechchören, Krautrockgitarren und Klaus-Doldinger-haften Quietschsaxofonen zu befördern. Bei allem aber gilt das Motto: Bitte komplettieren Sie selbst! In ihrer Musik treiben Die Türen das Dialogische ihres Kaffeegesprächs auf eine Körper wie Geist herausfordernde Spitze. »Diskursrock« nannte man so etwas früher. Doch das ist lange her.

Auf jedem Album eine neue Diskurswelt

Summen, selbst bereits tief in seinen Dreißigern, erinnert sich noch gut, wie damals eine junge Riege semiotisch inspirierter Musiker von Hamburg her auszog, den deutschsprachigen Pop neu zu erfinden. Die Erfolge sollte man nicht kleinreden, Rocken und Denken sind heute nicht mehr zwangsläufig ein Widerspruch. Und doch wirkt der Hamburger Aufbruch mit all seiner hochfahrenden Subversionsrhetorik im Nachhinein wie das Produkt einer heimeligen, sozialdemokratisch auswattierten Republik. Das Land, in dem das Protestieren noch geholfen hat, gibt es nicht mehr, Berlin, wo halb Hamburg inzwischen angelandet ist, gilt nicht umsonst als Hauptstadt des Prekariats, und das Prekariat plagt vor seinen Laptops Rückenschmerzen. Wenn Yoga und Systemkritik bloß zwei Seiten derselben Medaille sind, verbietet sich der hohe Pamphletton von selbst.

Sage keiner, Die Türen hätten es nicht kommen sehen! Als der harte Kern nach einer verhaltensunauffälligen Jugend im Westfälischen vor zehn Jahren in Berlin aufschlug, war die Lage bereits einigermaßen unübersichtlich geworden. Statt sich zu treffen, begann man, sich virtuell zu begegnen, und statt der Idee eines wohlverstandenen Sozialismus zu dienen, googelte bald jeder nur noch sich selbst. Seither haben Die Türen, diese Idealisten in eigener Mission, mit jeder Platte neue Diskurswelten durchforstet, doch ihr Marsch durch den Wissensdschungel, findet schon deshalb kein Ende, weil auch der Fortschritt nie Pause macht. Der Sauhund bewegt sich mit einer derartigen Geschwindigkeit voran, dass weder Politik noch Subkultur das Tempo mitgehen können. Die einzige Klarheit, die einem bleibt, ist die Suche.

Die Musik der Türen spielt in der Welt der Netz- und Selbsttechnologien

Ähnlich wie das Diskurs-Schreitheater eines René Pollesch spielt die Musik der Türen in jener fluiden, aber stilbildenden Welt der Netz- und Selbsttechnologien, die der Alltagsverstand im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg verortet und mit Begriffen wie »Digitale Boheme« oder »Bionade-Biedermeier« verbindet, wobei das bloß Etiketten sind, denn in Wahrheit ist alles viel komplizierter. Seit Bill Gates und Steve Jobs ist der kreative Kleinunternehmer immer zugleich der Kapitalist von morgen, während rings um einen herum Traditionsunternehmen in Schutt und Asche versinken. Und noch ist ja nicht gesagt, dass das kleine Türen-Imperium rund um das Staatsakt-Label nicht nächste Woche schon durch die Decke geht. »Und hier unsere neue Nummer eins, das Album ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ«, lacht Summen.


Es ist das nackte Chaos, dem diese Band ihre Verse abgewinnt. Da brummt die Stadt, aber nichts hat eine Richtung, und während man an den Theken über Facebook diskutiert, steht schon die nächste Innovation ins Haus: Cloud Computing, man mietet sich Speicherplatz im digitalen Nirvana. Im Grunde hältst du das alles im Kopf nicht aus, sagt Summen, aber mit etwas Humor betrachtet, hat die Situation auch ihre lustigen Seiten: Wir leben in einer gigantischen Blase, hyperconnected, doch von der eigenen Freiheit überfordert, umflutet von Bits und Bytes, aber unfähig, das Wesentliche darin zu entdecken, wir sind die Sponge Bobs des spätesten Kapitalismus, den nichts in der Welt aufhalten kann in seinem Lauf. So kam man irgendwann auf die Sache mit dem schwarzgelben Unterseeboot.

Ursprünglich war das nur mal wieder so eine Idee vom Gunther gewesen, die er eines Nachmittags anschleppte, doch nachdem der Rest daran herumgeschraubt hatte, passte es am Ende ganz gut: »Wir sitzen alle in demselben schwarzgelben Unterseebot, Untergehnot, Unterseeboot«. Und tatsächlich, wenn man auch diesen Gedanken ein bisschen weiterspinnt, ergibt sich ein perfekt verschwommenes Bild der Lage gegen Ende der christlich-liberalen Ära. Man weiß nicht, wo das Schiff hinsteuert, man weiß nicht einmal genau, ob noch jemand am Steuer sitzt. Man weiß bloß: Irgendwann muss es wieder auftauchen.

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