In diesen Tagen herrscht an Deutschlands Schulen wieder verschärfte Konkurrenz. Eltern buhlen um die besten Gymnasiumsplätze für ihre Kinder. Rob Alef treibt den Konflikt in seinem satirischen Kriminalroman »Kleine Biester« auf die Spitze: Vier Grundschüler werden von der Warteliste für das exquisite Berliner Rosenhof-Gymnasium entfernt – durch Mord.

DIE ZEIT: Der erste Satz in Kleine Biester lautet: »Kinder haben ist wie Krieg«. Welches Körnchen erlebter Wahrheit steckt darin?

Rob Alef: Mit kleinen Kindern ist keine Zeitplanung mehr möglich. Ständig ist man übernächtigt. Und vor allem beim ersten Kind steckt man in einer Situation, für die es keine adäquate Vorbereitung gibt. Kinder zu haben ist außerdem eine Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit.

ZEIT: Die Katastrophe lauert überall?

Alef: Das ist eine Grundidee des Romans. Jederzeit kann das Unerwartete passieren. Erinnern Sie sich an den Verkehrsunfall vor einigen Jahren, als in Griechenland mehr als zwanzig Kinder bei einem Schulausflug getötet wurden. Beim Aufbruch sind alle guter Laune, und das endet im Nichts. Plötzlich hat man eine Massenbeerdigung. In der Eingangsszene meines Buches regiert zunächst das Idyll: Frühlingsanfang auf dem Spielplatz. Ein behüteter Raum, die Kinder kennen sich aus und strotzen vor Selbstbewusstsein. Alles ist gut. Und plötzlich tritt das Unvorstellbare ein, und den Leuten wird der Boden unter den Füßen weggezogen.

ZEIT: Ein neunjähriges Mädchen wird vom Sand des Buddelkastens verschluckt. In Ihrem Buch klagt eine Mutter: »Es ist eine einzige pausenlose Angst.« Wie gehen Sie mit der elterlichen Angst um?

Alef: Man weiß natürlich, dass immer was passieren kann. Mal wird einer krank über Nacht, mal hat einer einen Unfall. Es ist wie eine Wette gegen das böse Schicksal, dass das ganz Schlimme nicht eintrifft. Man kann Kinder nicht rundum schützen. Es reicht ja schon, dass sie zum Sportunterricht gehen. Wenn es blöd läuft, brechen sie sich da das Genick. Das ist der Widerspruch zwischen Loslassen wollen und dem fernen Bewusstsein, dass schreckliche Dinge passieren können. Man hofft, dass die Kinder lernen, selbstständig Gefahren einzuschätzen, ohne dass es gleich lebensgefährlich wird.

ZEIT: In Ihrem Buch sind Unfälle nicht das größte Risiko. Vier Kinder, die auf der Warteliste für das Gymnasium stehen, werden nacheinander umgebracht. Man könnte denken, aus abgrundtiefer Bosheit.

Alef: Nein, da ist kein perverser Irrer am Werk, nicht der Serienkiller von der Stange. Diese Kinder werden umgebracht, weil sie jemandem im Weg sind.

ZEIT: Da will jemand Karriere machen durch Mord ...

Alef: ... oder besser: durch Elimination. Die Morde haben eine sozialdarwinistische Komponente. Zur Besserung der Allgemeinheit müssen eben die unpassenden Leute verschwinden, in dem Fall die Grundschüler, die nicht auf das Rosenhof-Gymnasium passen.

ZEIT: So betrachtet, klingt das schon sehr böse.

Alef: Aber das Paradoxe im Buch ist, dass alle, auch die Eltern, auch der Mörder, alles richtig machen wollen. Alle sind getrieben von einem hehren Grundgedanken: Für die Kinder, für mein Kind, für die Schule nur das Beste. Ich wollte keine Eltern in ihren jeweiligen Lebensentwürfen gegeneinander ausspielen. Jeder versucht, sein Kind über die Runden zu bekommen und mit der Ambivalenz fertig zu werden, dass aus Klassenkameraden potenzielle Konkurrenten werden.