"Wir ziehen in die letzte Schlacht"

Die Mörder kamen in der Abenddämmerung. Die Mutter sah gerade im Fernsehen die Sieben-Uhr-Nachrichten, als die Wachhunde zu bellen anfingen und dann verstummten. Plötzlich standen die Männer vor ihr im Kaminzimmer, sechs Kerle mit Pistolen und Messern. Wo ist der Schlüssel für den Safe?, brüllte der Anführer. Im Bücherregal, sagte sie. Die Männer fanden den Schlüssel nicht, fesselten die Mutter und warteten auf ihren Ehemann. Eine halbe Stunde später rumpelte der Pritschenwagen in die Einfahrt des Hofes in der Nähe des südafrikanischen Landstädtchens Ficksburg. Der Vater betrat das Haus durch die Hintertür, wie immer. Seine Frau hörte einen Schrei und mehrere Schüsse. Einer traf Pieter Vermooten mitten ins Herz. Der 58 Jahre alte Farmer war sofort tot. Die Mörder stahlen seine Handfeuerwaffe und umgerechnet rund 3.000 Euro Bargeld.

Hennie Vermooten, der 39-jährige Sohn, schildert den Mord mit unbewegter Miene, kühl und detailgenau, wie ein Ermittlungsbeamter. Er läuft durchs Haus, zeigt den Tatort zwischen Schlüsselbrett und Badezimmertür. Dann lässt er sich wieder in den Sessel vor dem Kamin fallen, auf dem damals seine Mutter saß. Hennie Vermooten hat die Gestalt eines Rugby-Spielers, 1,85 Meter groß, hellblaue Augen, Dreitagebart, abgeschnittene Jeans – ein Bauer, den so schnell nichts umhaut. Aber als er von den dunklen Ahnungen seines Vaters erzählt, vom letzten Telefonat, bei dem der Vater ihm noch Schuldner nannte und unerledigte Zahlungsverpflichtungen, bricht ihm die Stimme. Er sagt, er sehe die Leiche des Vaters in einer Blutlache liegen, die Hände auf den Rücken gefesselt, das Gesicht mit einem Handtuch bedeckt. Der Schrecken des Mordabends am 26. Juni 2007 ist zurückgekehrt, der große, stämmige Mann weint.

Pieter Vermooten ist eines von mehr als 3.000 Opfern, die seit 1991 auf den Bauernhöfen Südafrikas ermordet wurden, seit dem Beginn der demokratischen Reformen, die das Ende der Apartheid besiegelten. Unter den Toten sind schwarze Farmarbeiter, Hausangestellte und Familienangehörige, vor allem aber weiße Farmer, insgesamt sollen es nahezu 1.900 sein. Die Statistik ist allerdings umstritten, sie stammt von Agri SA , dem Interessenverband der kommerziellen Landwirte. Das Polizeiministerium setzt die Zahlen niedriger an, verweigert aber trotz mehrfacher Anfragen genaue Auskünfte. Fest steht, dass es in den vergangenen zwanzig Jahren zu weit über 12.000 Überfällen auf Gehöfte kam. Und dass kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo im Hinterland ein Bauer umgebracht wird.

"Farmer in Südafrika – das ist einer der gefährlichsten Berufe der Welt", sagt Hennie Vermooten. Er schaut das Foto seines Vaters an, das am Kühlschrank hängt: ein fröhlicher Mann, der sein ältestes Enkelkind in den Armen hält.

Webseiten dokumentieren jeden Mord und jede Attacke. Von Völkermord ist die Rede , von der gezielten Ausrottung der Farmer mit europäischen Vorfahren, insbesondere der Buren , die von holländischen, deutschen oder französisch-hugenottischen Einwanderern abstammen. Als Beleg für diese ungeheuerliche Behauptung wird oft das Verbrechen auf dem Hof Stolberg angeführt, einer Viehzucht gleich hinter dem Anwesen der Vermootens. Es war im Mai 2008, die Killer drangen ins Haus ein und erschossen den 64-jährigen Jacques Moll. Dann knöpften sie sich seinen Sohn Xavier vor, der gerade unter der Dusche stand. Sie zielten auf seinen Kopf und sangen dabei "Dubula dubula aw dubul’ibhunu" – "Schieß! Schieß! Erschieß den Buren!". Ein altes Kampflied der schwarzen Befreiungsbewegung, dessen Absingen höchstrichterlich verboten wurde, weil es den Rassenhass schürt und zum Mord auffordert.

Die Bauern sprechen von einer nationalen Krise

"Ich glaubte, dass mein Ende gekommen war", hat Xavier Moll später einem Reporter erzählt. "Ich betete laut zu Jesus. Ein göttliches Gefühl überkam mich." Aus irgendeinem Grund versagten die Schusswaffen, die Täter flohen, und in den Landgemeinden rund um Ficksburg sprach man von einem Wunder. Ruft man heute bei ihm an, bettelt Xavier Moll: "Bitte verschonen Sie mich mit Ihren Fragen." Er will auf keinen Fall an jenen Tag erinnert werden.

Hennie Vermooten steigt auf seinen nagelneuen Traktor. Er muss jetzt hinaus aufs Feld, es ist Saatzeit, endlich hat es geregnet. Er wird bis spät in die Nacht arbeiten. Seine Äcker, auf denen er Mais und Sojabohnen anbaut, liegen in einer atemberaubend schönen Landschaft. Aus der Ebene erheben sich bizarre Felsmonolithen und gewaltige Tafelberge, die einer Westernkulisse in Arizona ähneln. Hennie Vermooten hat keinen Blick für die Pracht der Natur. Für ihn ist das Land jenseits seiner Farm ein Kriegsgebiet.

Viele Landwirte halten die ständige Bedrohung nicht mehr aus und geben auf. Vor zwanzig Jahren gab es in Südafrika noch 62.000 Farmen, heute sind es nur noch knapp 40.000. Die Funktionäre der Bauern sprechen von einer nationalen Krise. Durch die rapide Schrumpfung des Agrarsektors sei die Versorgung der 50 Millionen Einwohner gefährdet. Zwischenzeitlich musste Südafrika, das reichste und produktivste Agrarland des Kontinents, laut der einheimischen Wochenzeitung Sunday Times 2009 sogar erstmals in seiner Geschichte Nahrungsmittel importieren.

Klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern. © ZEIT-Grafik

Hinter dem Städtchen Mokopane, 800 Kilometer von Ficksburg entfernt, wurde den ermordeten Farmern und ihren Angehörigen ein Denkmal gesetzt. Man kann es nicht verfehlen, es liegt weithin sichtbar neben der Nationalstraße N1: zwei Bergkuppen, übersät mit weißen Eisenkreuzen. In der Senke dazwischen prangt in riesigen Stahllettern das Wort plaasmoorde, Farmmorde. Das Mahnmal sieht aus wie ein Kriegsgräberfeld. Manche Buren sagen: "Das ist unser 11.September." Auf den einsamen Farmen Südafrikas seien mittlerweile genauso viele Menschen gestorben wie bei den Terroranschlägen 2001 in New York. Jedes Kreuz ruft eine Bluttat ins Gedächtnis, die Namen der Toten bleiben anonym, nur wenige Kreuze in der vordesten Reihe sind beschriftet. Attie Potgieter, 40 Jahre, Wilma Potgieter, 36 Jahre, Willemien Potgieter, 2 Jahre. Eine Burenfamilie, umgebracht am 1. Dezember 2010.

"Die Tochter eines ermordeten Farmerehepaares hat die Kreuze aufgestellt", erklärt Harrie Harmse. Ihm gehört der Grund, auf dem das Mahnmal steht. Harmse ist ein Bure von 63 Jahren, der mit seiner Frau Charlotte 488 Hektar Weideland bewirtschaftet. Sie haben die Farm vor sieben Jahren gekauft und auf ihren Namen ins Grundbuch eintragen lassen. Aber sicher kann man sich in Zeiten der chaotischen Bodenreform nie sein. Bis 2014 sollen dreißig Prozent der Nutzflächen auf die landlose schwarze Bevölkerung umverteilt werden, um das Unrecht der Vergangenheit, die koloniale Landnahme, wiedergutzumachen. Ein Recht auf Rückgabe haben alle Afrikaner, die nach 1910 enteignet und zwangsumgesiedelt wurden, sowie ihre Erben. Zehntausende haben Ansprüche angemeldet. Allein auf seinem Anwesen lasten 2.000 Forderungen, erzählt Harmse. "Ein ehemaliger Arbeiter hat zum Beispiel ein Baby hier beerdigt. Wo das Grab genau liegt, weiß er nicht mehr. Aber er glaubt, dass mein Land ihm gehört."

Die Harmses wohnen in einem schlichten Ziegelbau. Er ist rundum vergittert, der Eingangsbereich gleicht einem Käfig, bissige Hunde knurren jeden fremden Besucher an – ein Haus, in dem das Misstrauen und die Furcht leben. Die Hausfrau serviert Tee und selbst gebackene Ingwerkekse. Die Wohnstube ist vollgestellt mit Gelsenkirchener Barock, in der Ecke ein Grammofon, an den Wänden Alpenpanoramen und afrikanische Dorfidyllen – Illusionen von einer friedlichen Welt. Das Ehepaar lebt allein auf dem Hof, die Kinder sind nach Pretoria und Kapstadt gezogen und schauen nur selten vorbei. Die Bankfiliale im Dorf wurde geschlossen, es gibt keinen Arzt mehr, weder für die Menschen noch für die Tiere. Die Nachbarn sehen die Harmses nur bei den Patrouillen der Farm Watch, einer weißen Bürgerwehr, die nachts in ihren Pick-ups mit grün blinkenden Warnlichtern auf dem Dach durch die Gegend prescht.

Endlich schaut mal jemand vorbei, dem Harrie und Charlotte Harmse ihre Geschichte erzählen können. Es ist eine endlose Litanei von Diebstählen, merkwürdigen Zwischenfällen, unsichtbaren Bedrohungen. Das Handy funktioniert oft nicht, die Festnetzleitung ist tot. Sie wird nicht mehr repariert, weil immer wieder die Kupferkabel verschwinden. Alles wird geklaut, Wasserpumpen, Salzlecksteine, die Batterie des Traktors, und jede Woche klaffen neue Löcher im Weidezaun. Die Farmer haben Glück, dass sie bisher nur zwei Kälber verloren. Nach Schätzungen des Bauernverbandes Agri SA werden pro Jahr 100.000 Rinder und Schafe gestohlen.

Harrie und Charlotte Harmse sind nette, gastfreundliche Leute, sichtlich verbittert zwar, aber durchaus angenehme Gesprächspartner – bis zu jenem Moment, als sie am Fenster stehen, durch die vergilbten Gardinen nach draußen schauen und Harrie Harmse sagt: "Sie beobachten uns ständig." Sie, die Afrikaner, die Schwarzen. Harrie Harmse sagt: "Es sind Wilde, aber das werdet ihr Europäer nie verstehen. Sie haben kein Hirn, überall auf der Welt sind die Neger nur Versager." Versöhnung? Mit den Schwarzen? Charlotte Harmse lacht schrill. "Ich bin kein Rassist", sagt ihr Mann, "aber in einem bestimmten Alter fängst du an, sie zu hassen. Nur Nelson Mandela war ein guter Mann, aber der hat nichts mehr zu sagen. Du kannst keinem Afrikaner trauen, alle lügen, betrügen und stehlen." Die Harmses, sagen sie, schlafen unruhig, jedes verdächtige Geräusch schreckt sie auf, neben dem Bett liegt ihr entsichertes Sturmgewehr. Tagsüber wird die Waffe in einem gepanzerten Schrank weggesperrt. Harrie Harmse prahlt, er brauche nur 40 Sekunden, um sie schussbereit zu machen. Ein Leben im Belagerungszustand. Manchmal geht er hinaus in die Nacht, ins Feindesland, um Eindringlingen aufzulauern. "Ich werde jeden erschießen. Wir ziehen in die letzte Schlacht, und niemand hilft uns." Er hält einen Augenblick inne, als wäre es ihm nicht geheuer, was er da ausgesprochen hat, und fährt fort: "Wir werden bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, aber eigentlich haben wir die Schlacht schon verloren."

"Wir sterben aus", sagt eine Bäuerin

In Südafrika werde es genauso kommen wie in Rhodesien, glaubt der Viehzüchter. Er gebraucht den früheren Kolonialnamen für das Nachbarland Simbabwe , wo der Diktator Robert Mugabe die weißen Landbesitzer enteignen und vertreiben ließ. Simbabwe war einmal der "Brotkorb" Afrikas, jetzt hungern viele Menschen. Von 4.500 Farmern sind nicht einmal 400 übrig geblieben, und es werden immer weniger.

Harrie Harmse nennt ihn einen "schwarzen Teufel", diesen Julius Malema , der die Mörder anstachele. Wenn der radikale Jungpolitiker das verbotene Dubula- Lied auf Versammlungen anstimmt, grölen Tausende seiner aufgepeitschten Anhänger begeistert mit. Ein weiterer Song aus der Zeit des bewaffneten Widerstands wird auf Afrikaans gesungen, in der Sprache der Buren: "Maak dood die wit man!" – "Mach den weißen Mann tot!" Beliebt ist auch die Parole "Ein Siedler, eine Kugel". Die Botschaft ist unmissverständlich: Alle europäischen Kolonialisten sollen getötet oder ins Meer getrieben werden. Malema , der berüchtigte Demagoge, verdammt die weißen Farmer als gewissenlose Landräuber; er will sie enteignen, ohne Entschädigung. Weil dieser Brandredner zu den mächtigsten Nachwuchskräften der Regierungspartei African National Congress (ANC) zählt, glauben viele Buren an eine von höchsten Kreisen organisierte Vertreibung – eine abstruse Verschwörungstheorie, denn die Haltung der Regierung ist weit entfernt von der des jungen Populisten. Julius Malema selbst allerdings kann man einen derartigen Masterplan zutrauen. Er weckt die Urangst der Weißen in Afrika, die Angst vor der Rache der Schwarzen.

Der Ventilator an der Decke steht plötzlich still. Stromausfall, wieder mal. "Wir sterben aus", sagt Charlotte Harmse. "Wir warten auf den Tod."

Um dieses Untergangsgeraune nachvollziehen zu können, muss man im Buch der Geschichte ein paar Seiten zurückblättern. Rund 4,5 Millionen Weiße leben in Südafrika, drei Millionen nennen sich Afrikaaner oder Buren; sie nahmen nach der Landung des holländischen Seefahrers Jan van Riebeeck im Jahre 1652 die Südspitze Afrikas in Besitz. Im 19. Jahrhundert, nach der Annexion des Kaplandes durch das britische Empire, zogen die Buren auf ihren Ochsenwagen ins Landesinnere. Der Große Treck führte sie in die dünn besiedelten Regionen jenseits der Flüsse Oranje und Vaal – eine europäische Eroberungsgeschichte wie in Amerika. Die Voortrekker wählten eine Quelle oder Wasserstelle und ritten je eine halbe Stunde in alle vier Himmelsrichtungen, um den neuen Lebensraum abzustecken. Es war in ihren Augen herrenloses Land. Die "Kaffern", die sich darauf herumtrieben, verjagten sie. Manche Stämme leisteten heftigen Widerstand, vor allem die kriegerischen Zulu. Sie wurden 1838 geschlagen. Die Sieger nannten das Schlachtfeld Blutfluss, weil sich das Wasser angeblich rot verfärbt hatte. Die calvinistischen Buren sahen sich als gottgesandtes Christenvolk, das das heidnische Afrika zivilisierte. Bis heute feiern sie den "Groot Trek" und die militärischen Triumphe als Gründungsmythen ihrer Nation, und die Eiferer unter ihnen predigen eine regelrechte Blut-und-Boden-Ideologie.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden Millionen von "Eingeborenen" zwangsumgesiedelt und endgültig zu Fremden im eigenen Land degradiert. Sie lebten in unfruchtbaren Reservaten und durften nur noch als Lohnsklaven auf den Farmen und in den Bergwerken der Weißen arbeiten. Die 1948 zur Staatsdoktrin erhobene Rassentrennungspolitik, die Apartheid , nahm ihnen die letzten Bürgerrechte. Seither tobt in Südafrika der Kampf um das Land, er wird von beiden Seiten mit geradezu mythischen Bedeutungen aufgeladen: Hier die afrikanische Erde, die allen gehört, den Toten, den Lebenden und den Ungeborenen, dort das gelobte Land der europäischen Gründerväter. "Mayibuye iAfrika!" hieß das Motto der schwarzen Befreiungsbewegung, "Komm zurück, Afrika!". Den Leitspruch der weißen Eroberer kann man auf den abgeblätterten Großplakaten lesen, die sie wie Feldzeichen am Rande ihrer Höfe aufgestellt haben: " Eie Land, vrye Volk" – "Eigenes Land, freies Volk". Verliert ein Bure seine Farm, kommt das der Vertreibung aus dem Paradies gleich.

Noch sind rund 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen in weißer Hand, aber die Buren erkennen ihr Südafrika nicht mehr wieder. Seit der Abschaffung der Apartheid im Jahr 1994 fürchten sie um ihr Eigentum, die Schwarzen treten nicht mehr unterwürfig vom Gehsteig, wenn sie Weißen begegnen. Die alten Voortrekker-Straßen, die durch jede Ortschaft führen, tragen jetzt die Namen schwarzer Freiheitskämpfer. Überall werden Farmen zum Verkauf angeboten, aus Angst vor der ungewissen Zukunft, verlassene Dörfer verwandeln sich in Geisterorte. Früher fuhr man auf dem Weg in den Norden durch Nylstroom, Potgietersrus und Pietersburg. Heute heißen die Siedlungen Modimolle, Mokopane und Polokwane. Alteingesessene Buren weigern sich, diese Namen zu gebrauchen.

Tzaneen soll in Mark Shope umgetauft werden, noch können das die weißen Kommunalpolitiker und Geschäftsleute verhindern. Die lebhafte Kleinstadt liegt eingebettet zwischen den felsigen Bergketten, ringsum Hügelland, Pinien- und Eukalyptuswälder, üppige Plantagen, auf denen exotische Früchte gedeihen: Zitronen, Orangen, Mandarinen, Bananen, Ananas, Mangos, Litschis, Kiwis, Papayas, Avocados und Macademianüsse. Südtirol in den Subtropen. Das Umland von Tzaneen ist eine der lieblichsten und ertragreichsten Regionen Südafrikas – und die begehrteste. 98,8 Prozent der Betriebe, die bislang Weißen gehören, sollen nach Angaben des Farmerverbandes irgendwann den Besitzer wechseln. Hunderttausende Hektar Farmland wurden vom Staat gekauft und umverteilt nach dem bisher praktizierten Prinzip "willing buyer, willing seller" , Käufer und Verkäufer müssen sich einig sein.

Sobald es regnet, bleibt man zu Hause

Einer der neuen Eigentümer ist Solly Letsoalo, ein korpulenter Mann von 37 Jahren. "Such dir eine Farm aus!", habe ihn ein Beamter des Ministeriums für Landfragen aufgefordert und ihm ein paar Adressen in die Hand gedrückt, erzählt Letsoalo. Sein Traum schien wahr zu werden. Seit fünf Jahren gehören ihm nun 21 Hektar, guter Mutterboden, sonnige Hanglage, auch für regelmäßigen Niederschlag ist gesorgt, der Flecken liegt im Tal der legendären Regenkönigin Modjadji. Letsoalo baut im dritten Jahr Gurken und Paprika an – das Ergebnis ist jedes Mal niederschmetternd.

Zerknirscht steht Letsoalo zwischen den vom Unkraut überwucherten Stauden, unzählige gelbe Schnecken fräsen sich durch die Schalen der Gurken, die unverkäuflich sind und verfaulen. Solly Letsoalo hat zwar ein paar Schnellkurse für Landbau absolviert, aber das reicht nicht. Ihm fehlen die Fachkenntnisse, Neufarmer wie er fühlen sich alleingelassenen von der Regierung, die so viel versprochen und so wenig gehalten hat. Vielleicht hat der Misserfolg auch etwas mit seinen zarten Händen zu tun, sie haben keine Schwielen wie die Pranken der Buren. Die Landreform sei bislang kolossal gescheitert, sagt er: "Planlosigkeit, Inkompetenz, Korruption, Selbstbereicherung." Manche Nutznießer spekulierten nur und verkauften ihre Ländereien mit hohem Profit weiter, die Paläste der Kleptokraten und Reformgewinnler nicht weit von Tzaneen zeugen davon. Viele Farmen verwandelten sich nach der Übereignung an schwarze Gemeinden in Slums. Grünflächen werden durch die viel zu hohe Rinderdichte überweidet, fruchtbare Äcker fallen brach. Die Menschen hatten erwartet, dass Milch und Honig flössen, sobald sie über eigenes Land verfügten. Doch so einfach ist es nicht, und viele Bauern können auch nicht allein über ihr Land bestimmen, sie teilen sich Gemeinschaftsfarmen, auf denen Landmaschinen verrotten, keiner von den mageren Gewinnen etwas für neue Investitionen abzweigen mag und keiner sich für die Felder verantwortlich fühlt; wenn es regnet, bleibt man einfach in der Hütte.

Ein besonders lehrreiches Exempel für das Versagen ist im Magoebaskloof Valley zu besichtigen, einem malerischen Tal in der Nähe von Tzaneen. Dort erwarb der Staat im Jahr 2006 eine Teeplantage für umgerechnet rund zehn Millionen Euro und überschrieb sie dem weitverzweigten Familienclan der Makgoba. Die neuen Eigentümer gründeten einen Trust, einen Zusammenschluss mehrerer Eigentümer, doch schon bald zerstritten sie sich darüber, und die Plantage lag ungenutzt da, wurde allmählich von der Wildnis zurückerobert, Maschinen, Bewässerungsanlagen und Gerätschaften im Wert von zwölf Millionen Euro verschwanden. Die südafrikanische Kommission für Landrückgaben untersucht den Fall, der aus der Sicht weißer Landlords beweist, dass "die Schwarzen" einfach nicht fähig seien, kommerzielle Agrarbetriebe produktiv und nachhaltig zu führen. "Africa wins again", sagen sie mit ätzendem Spott beim Whisky. Afrika hat wieder gewonnen.

"Ungefähr hundert schwarze Farmer gibt es in der Region Tzaneen. Ich kenne keinen einzigen, der Erfolg hat", räumt Letsoalo freimütig ein. In seinem heruntergekommenen Haus will er uns noch etwas zeigen. Er kramt eine rote Fahne mit einem hakenkreuzähnlichen Zeichen hervor, der weiße Vorbesitzer hat sie vergessen. Letsoalo lächelt, als wäre die Fahne ein Kuriosum, über das man sich amüsieren kann. Es ist das Symbol der Afrikaaner Weerstandsbeweging, der rechtsextremen Burenpartei, ihr Führer lebt nicht mehr, "wir weinen ihm keine Träne nach." Eugène Terre’Blanche hieß der Führer, "weiße Erde", ein Farmer im Nebenberuf. Nach einem Lohndisput im April 2010 schlachteten ihn zwei Arbeiter regelrecht ab; sein Gesicht war durch Machetenhiebe so furchtbar zugerichtet, dass ihn die Polizei kaum identifizieren konnte. Im Township Tshing, fünf Kilometer vom Tatort entfernt, tanzten die Schwarzen vor Freude.

Terre’Blanche wollte den Machtwechsel des Jahres 1994 mit allen Mitteln verhindern und wiegelte seine Anhänger zum Rassenkrieg auf: "Erwache, weißer Mann, der germanische Geist brennt in dir!" Schwarze behandelte er wie Abschaum. Er quälte und beleidigte sie, einen Tankwart schlug er zum Krüppel. Dieser Rassist war vermutlich der meistgehasste Bure im Land, über seine Ermordung wurde in aller Welt berichtet. Solly Letsoalo sagt: "Wenn ein weißer Farmer umgebracht wird, ist die Empörung groß. Wenn ein schwarzer Farmarbeiter totgeschlagen wird, steht nichts in der Zeitung."

Letsoalo fährt durch das Tal der Regenkönigin, er hält sein Auto unter einem rot blühenden Baum an. Zwei Farmarbeiter sitzen im Schatten des Flammenbaums, scheue junge Burschen, die zunächst gar nichts sagen wollen. Bitte keine Namen! Mangaliso und Nyanga, die Pseudonyme müssen genügen. Die beiden sehen abgerissen aus, ihre T-Shirts sind blutverschmiert, Nyanga trägt eine Kaurischnecke am Hals, die böse Geister abwehren soll. Aber gegen seinen Boss helfe es nicht immer, klagt er. Und dann bricht es aus den Männern heraus. Sie schuften nebenan in einer Hofschlachterei, sechs Tage die Woche, ohne Pausen, ohne Essen, ohne Rechte. Sie erhalten einen Hungerlohn, der weit unter dem gesetzlichen Minimum von etwa 135 Euro pro Monat liegt. Wollen sie Vorschüsse, haben sie dafür gigantische Zinsen zu zahlen. Sie sind in einer Art Schuldknechtschaft gefangen. Am schlimmsten aber seien die täglichen Beleidigungen des weißen Farmers, sagt Mangaliso. Der Boss nenne sie bobbejaane, Paviane. Wenn der Chef wütend werde, würge er seine Leute oder dresche mit der Faust auf sie ein, "immer ins Gesicht".

Von der hitzigen Debatte, die im November des vergangenen Jahres im Parlament in Kapstadt ablief, haben die beiden Arbeiter nichts gehört. Human Rights Watch und die zuständige Gewerkschaft hatten den Abgeordneten über notorische Menschenrechtsverletzungen auf weißen Farmen berichtet: Prügelstrafen, Misshandlungen, Ausbeutung. Tausende von Arbeitern hätten weder Trinkwasser noch Strom, es gebe keine Gesundheitsfürsorge und keine Schulen für ihre Kinder, die Familien hätten sich mit elenden Unterkünften abzufinden. "Die Tiere leben unter vergleichsweise besseren Bedingungen", heißt es in der Studie der Gewerkschaft, auf vielen Höfen herrsche eine moderne Form der Sklaverei. "Es gibt 40.000 Farmer in Südafrika", fauchte eine weiße Oppositionsabgeordnete die Berichterstatter an, "wollen Sie mir weismachen, dass die fast alle schlechte Menschen sind?" Ein burischer Parlamentarier sprang ihr bei und geißelte die "Dämonisierung" der weißen Farmer. Deren Ruf ist ohnehin miserabel, und die unverbesserlichen Rassisten unter ihnen tragen immer wieder dazu bei, dass er noch schlechter wird.

Ein Bure schoss auf vier junge Angler

Im Februar 2004 wurden in einem Raubtiergehege nahe dem Dorf Hoedspruit abgenagte Menschenknochen und ein Schädel gefunden. Es waren die Reste eines Farmarbeiters, der entlassen worden und an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt war, um seine Habseligkeiten abzuholen. Sein früherer Chef hatte ihn niedergestreckt, von Knechten foltern lassen und schließlich in das Gehege geworfen; ein Löwe zerfleischte den Mann.

Im Oktober 2011 erwischte ein weißer Bauer vier schwarze Teenager beim Angeln an seinem Damm, er feuerte sofort auf sie. Zwei von ihnen konnten fliehen, einem Jungen durchlöcherte er die Hand, einen weiteren traf er tödlich. Ein bedauerliches Versehen, erklärte der Schütze später. Er wurde vom Magistratsrichter wegen Mordes und versuchten Mordes angeklagt, das Verfahren läuft noch.

Lammie Griesel findet nichts zu beschönigen an den Taten seiner Farmerkollegen, "aber die Regierung nimmt uns alle in Sippenhaft. Wenn du eine weiße Hautfarbe hast, bist du nicht gut, das ist ihre Einstellung." Der Bure Griesel war bis kurz nach der politischen Wende Besitzer großer Ländereien in der Nähe des Ortes Secunda, 1.500 Hektar, Mais, Rinderzucht, Schafe, die Äcker und Weiden dehnten sich bis zum Horizont. "Als Mandela an die Macht kam, sagten sich die Schwarzen: ›Das Land gehört jetzt uns, wir nehmen uns, was uns zusteht.‹" Im ganzen Land nahm die Zahl der Angriffe auf Farmen und Viehdiebstähle sprunghaft zu. Eines Nachts verschwanden sechzig Merinoschafe von der Koppel neben Griesels Hof. Die Diebe lenkten die Wachhunde mit einer läufigen Hündin ab und verluden die Herde in aller Ruhe in einen Lastwagen. Ein paar Wochen später wurde der Nachbarfarmer ermordet. "Nach dem Sonntagsgottesdienst hatte ich noch mit ihm geredet", erzählt Griesel. Der Freund wurde mit durchgeschnittener Kehle auf seiner Farm gefunden. Griesel verkaufte sein Anwesen, zog nach Tzaneen und machte eine Metzgerei auf.

Er ist ein bedächtiger Mann, umso ernster muss man es wohl nehmen, wenn er sagt: "Südafrika fällt in einem alarmierenden Tempo auseinander. Die kommerzielle Landwirtschaft hat hier keine Zukunft mehr." Jenseits der Grenze, in Mosambik , seien erfahrene Bauern wie er hochwillkommen. Griesel rollt eine Landkarte aus und zeigt auf das Dreieck zwischen Sambesi und Elefantenfluss, der seit einiger Zeit Lepelle heißt. "Dort fangen wir noch mal ganz von vorn an." Er hat sich mit zwanzig Gleichgesinnten zusammengetan und ein Areal von 105.000 Hektar für 49 Jahre gepachtet, weites, ungenutztes Ackerland.

Aus Sorge um die eigene Zukunft ist der Pioniergeist erwacht, die Buren brechen wieder auf, wie damals, im 19. Jahrhundert. Der neue Treck führt sie nach Sambia, Botsuana, Mosambik und in den Kongo, sogar nach Georgien entsandte der südafrikanische Farmerverband eine Mission. Aber diesmal rauben sie das Land nicht. Sie kaufen oder leasen es. Ein frustrierter Bauer, der anonym bleiben will, hält gar nichts von solchen Abenteuern. Er sagt: "Ach, wir dummen Buren. Erst machen wir das Land urbar und füttern die Schwarzen, dann bringen sie uns zum Dank um."

Hennie Vermooten, dessen Vater ermordet wurde, würde seine Farm nie verlassen, sie ist seit vier Generationen im Familienbesitz. Sein jüngster Sohn Pieter, benannt nach dem getöteten Großvater, spielt mit dem blauen Holztraktor, den einer seiner Urgroßväter gebastelt hat. Pieter ahnt noch nichts von den Gefahren, die da draußen lauern. Das Haupthaus ist gesichert wie eine Festung, Einbruchgitter an allen Fenstern, Flutlichtscheinwerfer, bewaffnete Wächter, scharfe Hunde. Eine stählerne Palisade und ein mannshoher, 12.000 Volt starker Elektrozaun schützen den Außenbereich. Über das Funkgerät ist der Hof ständig mit der Farmpatrouille verbunden. Im Umland der Stadt Ficksburg gibt es derzeit jede Woche zwei bis drei Angriffe auf Farmen. Vor wenigen Tagen suchten Einbrecher eine Nachbarfarm heim und drohten an, die Kinder zu erschießen. Die schwarze Hausangestellte sank auf die Knie und flehte die Männer an, sie zu verschonen. Sie ließen die Frau und die Kinder leben und zogen mit dem Diebesgut ab.

Wie lange wird Hennie Vermooten diese ständige Bedrohung aushalten? "Ich vertraue auf Gott. Wenn ich sterbe, dann ist es sein Wille. Ich habe keine Angst", sagt er ganz ruhig. Seine Frau aber hat große Angst. Angst um die zwei kleinen Töchter und den Sohn, Angst um ihren Mann, Angst um sich. Sie war zur Traumaberatung bei einem Psychologen. Hennie Vermooten erhält jetzt auch Todesdrohungen: "Morgen legen wir dich um!", schreien Unbekannte nachts ins Telefon. Manchmal entdeckt er am Feldrand kleine Steintürme oder überkreuzte Äste, geheime Zeichen, mit denen sich die Eindringlinge verständigen. Vermooten spricht fließend die Bantusprache Sesotho, er bezahlt und behandelt seine Arbeiter ordentlich. Trotzdem wird er genauso wahrgenommen wie all die anderen Farmer: als reicher Bure, der über 1.000 Hektar herrscht, während die schwarze Bevölkerung in Armut lebt.

Schwarze und Weiße leben in getrennten Welten

"Es ist keine Sünde, wenn jemand stiehlt, um nicht hungrig schlafen zu gehen", lehrt ein Sprichwort der Sotho. Die extreme Ungleichheit, da sind sich südafrikanische Kriminologen einig, ist die Hauptursache der Gewalt: Bei nur zwei Prozent der tödlichen Attacken würden die Täter von rassistischem Hass getrieben. In der Regel handele es sich um zornige junge Männer, die nichts zu verlieren hätten und deshalb besonders grausam vorgingen, die ihre Opfer folterten oder vergewaltigten. Manchmal spielt Rache eine Rolle, vor allem wenn sich Farmarbeiter betrogen, ausgebeutet und erniedrigt fühlen. Aber die allermeisten Verbrechen werden aus rein kriminellen, nicht aus rassistischen Motiven begangen, zumeist von organisierten Banden, stellte das Institute for Security Studies in Kapstadt fest. Anderswo auf dem Land ist nicht viel zu holen, nur auf den Farmen gibt es Fernseher, Kühlschränke, Computer, Handys, Autos.

Die Polizei ist bei der Verfolgung der Taten nicht sehr hilfreich. Sie nehme zwar alle Anzeigen ordnungsgemäß auf, erzählt Vermooten, gehe den Straftaten aber nur halbherzig nach oder gar nicht. Manche Farmer nehmen das Gesetz selbst in die Hand. Schwer bewaffnet gehen sie nachts auf Streife, durchsuchen Hütten, verhören Verdächtige, nehmen mutmaßliche Täter fest oder erschießen sie. Oft sollen die paramilitärischen Kommandos von ehemaligen Sicherheitskräften des Apartheidregimes angeführt werden. Sie operieren in einem rechtsfreien Raum, der Staat duldet ihr Treiben.

Südafrika, die selbst ernannte Regenbogennation, 18 Jahre nach dem Ende der Rassendiktatur: Schwarze und weiße Bürger leben wie eh und je in getrennten Welten, sie wissen wenig voneinander, die Spannungen nehmen zu. "Die Erhaltung unserer Demokratie hängt von der Lösung der Landfrage ab", mahnt der Staatsrechtler Shadrack Gutto. "Wir können nur hoffen, dass wir aus der Massenvertreibung in Simbabwe lernen."

Jeden Morgen schauen die Vermootens auf ein Mosaik neben dem Spiegel in ihrem Badezimmer. Da steht das Wort hope , Hoffnung, zusammengesetzt aus zerbrochenen Fliesen. "Meine burischen Vorväter haben vieles falsch gemacht, aber darf man uns dafür heute bestrafen? Und dürfen wir Revanche üben?", fragt Hennie Vermooten. Der mutmaßliche Mörder seines Vaters ist bekannt, die Farm Watch hat den Namen über bezahlte Informanten herausgefunden. "Leg das Schwein um", drängen die Nachbarn Hennie Vermooten. Doch er hat keine Waffe, und er lehnt Rache ab. "Ich kann nicht alle Schwarzen hassen, weil einer meinen Vater auf dem Gewissen hat", sagt Hennie Vermooten zum Abschied. Es sind Sätze aus dem Munde eines Buren, die man nach all den düsteren Erlebnissen kaum für möglich hält. "Die Rache ist nicht mein, ich habe dem Täter verziehen", sagt Vermooten. Er will Versöhnung, selbst wenn es schmerzt.