In Südafrika werde es genauso kommen wie in Rhodesien, glaubt der Viehzüchter. Er gebraucht den früheren Kolonialnamen für das Nachbarland Simbabwe , wo der Diktator Robert Mugabe die weißen Landbesitzer enteignen und vertreiben ließ. Simbabwe war einmal der »Brotkorb« Afrikas, jetzt hungern viele Menschen. Von 4.500 Farmern sind nicht einmal 400 übrig geblieben, und es werden immer weniger.

Harrie Harmse nennt ihn einen »schwarzen Teufel«, diesen Julius Malema , der die Mörder anstachele. Wenn der radikale Jungpolitiker das verbotene Dubula- Lied auf Versammlungen anstimmt, grölen Tausende seiner aufgepeitschten Anhänger begeistert mit. Ein weiterer Song aus der Zeit des bewaffneten Widerstands wird auf Afrikaans gesungen, in der Sprache der Buren: »Maak dood die wit man!« – »Mach den weißen Mann tot!« Beliebt ist auch die Parole »Ein Siedler, eine Kugel«. Die Botschaft ist unmissverständlich: Alle europäischen Kolonialisten sollen getötet oder ins Meer getrieben werden. Malema , der berüchtigte Demagoge, verdammt die weißen Farmer als gewissenlose Landräuber; er will sie enteignen, ohne Entschädigung. Weil dieser Brandredner zu den mächtigsten Nachwuchskräften der Regierungspartei African National Congress (ANC) zählt, glauben viele Buren an eine von höchsten Kreisen organisierte Vertreibung – eine abstruse Verschwörungstheorie, denn die Haltung der Regierung ist weit entfernt von der des jungen Populisten. Julius Malema selbst allerdings kann man einen derartigen Masterplan zutrauen. Er weckt die Urangst der Weißen in Afrika, die Angst vor der Rache der Schwarzen.

Der Ventilator an der Decke steht plötzlich still. Stromausfall, wieder mal. »Wir sterben aus«, sagt Charlotte Harmse. »Wir warten auf den Tod.«

Um dieses Untergangsgeraune nachvollziehen zu können, muss man im Buch der Geschichte ein paar Seiten zurückblättern. Rund 4,5 Millionen Weiße leben in Südafrika, drei Millionen nennen sich Afrikaaner oder Buren; sie nahmen nach der Landung des holländischen Seefahrers Jan van Riebeeck im Jahre 1652 die Südspitze Afrikas in Besitz. Im 19. Jahrhundert, nach der Annexion des Kaplandes durch das britische Empire, zogen die Buren auf ihren Ochsenwagen ins Landesinnere. Der Große Treck führte sie in die dünn besiedelten Regionen jenseits der Flüsse Oranje und Vaal – eine europäische Eroberungsgeschichte wie in Amerika. Die Voortrekker wählten eine Quelle oder Wasserstelle und ritten je eine halbe Stunde in alle vier Himmelsrichtungen, um den neuen Lebensraum abzustecken. Es war in ihren Augen herrenloses Land. Die »Kaffern«, die sich darauf herumtrieben, verjagten sie. Manche Stämme leisteten heftigen Widerstand, vor allem die kriegerischen Zulu. Sie wurden 1838 geschlagen. Die Sieger nannten das Schlachtfeld Blutfluss, weil sich das Wasser angeblich rot verfärbt hatte. Die calvinistischen Buren sahen sich als gottgesandtes Christenvolk, das das heidnische Afrika zivilisierte. Bis heute feiern sie den »Groot Trek« und die militärischen Triumphe als Gründungsmythen ihrer Nation, und die Eiferer unter ihnen predigen eine regelrechte Blut-und-Boden-Ideologie.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden Millionen von »Eingeborenen« zwangsumgesiedelt und endgültig zu Fremden im eigenen Land degradiert. Sie lebten in unfruchtbaren Reservaten und durften nur noch als Lohnsklaven auf den Farmen und in den Bergwerken der Weißen arbeiten. Die 1948 zur Staatsdoktrin erhobene Rassentrennungspolitik, die Apartheid , nahm ihnen die letzten Bürgerrechte. Seither tobt in Südafrika der Kampf um das Land, er wird von beiden Seiten mit geradezu mythischen Bedeutungen aufgeladen: Hier die afrikanische Erde, die allen gehört, den Toten, den Lebenden und den Ungeborenen, dort das gelobte Land der europäischen Gründerväter. »Mayibuye iAfrika!« hieß das Motto der schwarzen Befreiungsbewegung, »Komm zurück, Afrika!«. Den Leitspruch der weißen Eroberer kann man auf den abgeblätterten Großplakaten lesen, die sie wie Feldzeichen am Rande ihrer Höfe aufgestellt haben: » Eie Land, vrye Volk« – »Eigenes Land, freies Volk«. Verliert ein Bure seine Farm, kommt das der Vertreibung aus dem Paradies gleich.

Noch sind rund 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen in weißer Hand, aber die Buren erkennen ihr Südafrika nicht mehr wieder. Seit der Abschaffung der Apartheid im Jahr 1994 fürchten sie um ihr Eigentum, die Schwarzen treten nicht mehr unterwürfig vom Gehsteig, wenn sie Weißen begegnen. Die alten Voortrekker-Straßen, die durch jede Ortschaft führen, tragen jetzt die Namen schwarzer Freiheitskämpfer. Überall werden Farmen zum Verkauf angeboten, aus Angst vor der ungewissen Zukunft, verlassene Dörfer verwandeln sich in Geisterorte. Früher fuhr man auf dem Weg in den Norden durch Nylstroom, Potgietersrus und Pietersburg. Heute heißen die Siedlungen Modimolle, Mokopane und Polokwane. Alteingesessene Buren weigern sich, diese Namen zu gebrauchen.

Tzaneen soll in Mark Shope umgetauft werden, noch können das die weißen Kommunalpolitiker und Geschäftsleute verhindern. Die lebhafte Kleinstadt liegt eingebettet zwischen den felsigen Bergketten, ringsum Hügelland, Pinien- und Eukalyptuswälder, üppige Plantagen, auf denen exotische Früchte gedeihen: Zitronen, Orangen, Mandarinen, Bananen, Ananas, Mangos, Litschis, Kiwis, Papayas, Avocados und Macademianüsse. Südtirol in den Subtropen. Das Umland von Tzaneen ist eine der lieblichsten und ertragreichsten Regionen Südafrikas – und die begehrteste. 98,8 Prozent der Betriebe, die bislang Weißen gehören, sollen nach Angaben des Farmerverbandes irgendwann den Besitzer wechseln. Hunderttausende Hektar Farmland wurden vom Staat gekauft und umverteilt nach dem bisher praktizierten Prinzip »willing buyer, willing seller« , Käufer und Verkäufer müssen sich einig sein.