ZEITmagazin: Herr Kohlhaase, Sie haben 40 Jahre lang Drehbücher für die Defa geschrieben. Volker Schlöndorff, mit dem Sie "Die Stille nach dem Schuss" gemacht haben und der nach 1992 fünf Jahre lang Geschäftsführer von Studio Babelsberg war, sagte einmal: "Die Defa-Filme waren alle furchtbar." Hat Sie das gekränkt?

Wolfgang Kohlhaase: Mir hat er das nicht gesagt. Es ist so kurz wie falsch. Und später ist er ja zurückgerudert.

ZEITmagazin: Sie haben mit Andreas Dresen 2005 "Sommer vorm Balkon" gemacht, eine der erfolgreichsten deutschen Komödien der Gegenwart. Viele Kritiker erkannten darin einen eigenen Defa-Stil. Gibt es den?

Kohlhaase: Dresen und ich und alle, die mit uns waren, hatten Spaß daran, genau hinzusehen, was die Mühen des Lebens betrifft. Das ging auch in der Defa, das waren Kontrapunkte zum Sonntagston. Aber die Filme waren Teile von Jahresplänen, so wurde weniger spontan gearbeitet, man konnte nicht losgehen und drehen, mit Leichtigkeit und aus dem Handgelenk. Dafür fehlte es nicht an beruflicher Qualität. Ost-Berlin hatte wunderbare Schauspieler.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich daran, als Sie das erste Mal im Studio Babelsberg waren?

Kohlhaase: Es gibt keinen magischen ersten Tag. Aber als ich bei der Zeitung war, 1948, bin ich mal zu einer Pressekonferenz nach Griebnitzsee gefahren, was ja ganz in der Nähe liegt.

ZEITmagazin: In Griebnitzsee stehen die Villen der ehemaligen Ufa-Stars.

Kohlhaase: Ich lief da herum, und in einem ausgeplünderten Haus neben dem damaligen Gästehaus der Defa habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Bidet gesehen. Ich konnte mir nicht erklären, was man damit macht. Eine Lebenszeit später hat Volker Schlöndorff dieses Haus gekauft. Als er mir davon erzählte, sagte ich: "Soll ich dir sagen, wo in deinem Haus das Bidet steht?" Es stimmte.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie vom Journalismus zum Drehbuchschreiben?

Kohlhaase: Ich ging gern ins Kino und in alle Sorten Filme. Die Mörder sind unter uns, den ersten deutschen Film nach dem Krieg, hatte Wolfgang Staudte für die Defa gedreht, und dieser Film hat mir geholfen, meine Kindheit zu verstehen. Und wie es weitergehen könnte. Der Anfang der DDR war das Beste. Eine unerwartete und radikale Richtung des Denkens, ein Gesellschaftsversuch, an dem ich teilnehmen wollte. Außerdem hatten wir, junge Leute aus verschiedenen Ecken, eine Art Drehbuchzirkel gebildet. Große Hoffnungen und kleine Geschichten, die wir uns gegenseitig vorgelesen haben. Dann wurde meine Zeitung zugemacht. Schauspieler konnte ich nicht, bei Regie wusste ich nicht genau, was das ist. Dann hörte ich: Es gibt noch die Dramaturgie. Ich habe mich als dramaturgischer Assistent beworben, im Herbst 1950. Ich wusste nicht, was Dramaturgie ist, aber so viel habe ich verstanden: Dramaturgen sind Leute, die anderen Leuten reinreden.

ZEITmagazin: Wie sah es damals im Studio aus?

Kohlhaase: Es gab die großen Ateliers und den Ateliergeruch, der mir gefiel, frische Farbe und die Wärme der Scheinwerfer. In der Kantine saßen mittags die verkleideten Schauspieler. Sehr schön. Es gab noch eine ganze Reihe Mitarbeiter mit Ufa-Hintergrund, die weiter für die Defa arbeiteten. Es hat damals sehr schnelle Umstiege gegeben. Es hieß wohl: Wer jetzt ehrlich mitarbeiten will, der soll die Chance haben, neu anzufangen.

ZEITmagazin: Hatte man mit der Defa-Gründung 1946 die Idee von einem großen neuen Kino, das nun in Babelsberg beginnen sollte?

Kohlhaase: Für mich war es ein Abenteuer, überhaupt dabei zu sein. Die Defa hat sich als politische Gegenposition zur Ufa verstanden. Damit hatte sie aber noch keine neue Ästhetik. Was Leute wie mich dann ermutigt hat, waren die Neorealisten, weil sie von Lebenslagen erzählten, die mit den eigenen vergleichbar waren. Weil sie auf der Straße drehten. Wir hatten Angst vorm Atelier. Wir hatten zwar die Zuversicht von Anfängern, aber ein bisschen unheimlich war uns das versammelte Handwerk doch, das im Atelier rumsitzt, Stullen isst und es besser weiß. Wir dachten, auf der Straße kann uns nichts passieren. 

ZEITmagazin: Sahen Sie sich in der Tradition von Fritz Lang oder Billy Wilder?

Kohlhaase: Ich kannte die Filme nicht. Ich war 20. Ich hatte meine Kinoerlebnisse als Kind: Indianerfilme, die bis Kriegsanfang noch aus England oder Amerika kamen. Dann habe ich im Krieg viel Vaterland gesehen, aber auch viel Revue. Im Februar 45 gab es Kolberg in meinem Berliner Vorortkino, den letzten großen Durchhaltefilm der Nazis, und drei Monate später Tschapajew, das war die russische Revolution. Und dann kam ein Film aus Paris, von dem ich dachte, einen schöneren gibt es nicht: Die Kinder des Olymp, das Meisterwerk des französischen Realismus.