Auf den ersten Blick scheint es, als müsste Deutschland immun gegen eine solche Strategie sein. In Energiefragen hat das grüne Lager im Streit um die Atomkraft die Diskurshoheit erobert und bestimmt die Debatte bis weit hinein in die Union. Darunter allerdings gärt es. Der eilig geplanten und umgesetzten Energiewende der Regierung schlug aus dem eigenen Lager zum Teil helles Entsetzen entgegen: Wie könnt ihr nur die Kernkraft aufgeben! Und seit klar ist, dass der hehre Plan alles andere als leicht umzusetzen ist, flackert das Unbehagen neu auf.

Genau darauf scheinen Vahrenholt und Lüning abzuzielen. Denn nach der Analyse des angeblich gar nicht so dramatischen Klimawandels gibt das Autorenduo auch in Sachen Energiepolitik Entwarnung: Beim schwierigen und riskanten Umbau der Energieversorgung müsse und solle man nichts überstürzen, fordern sie. Die Energiewende, nach derzeitigem Plan "der größte Unfug", könne in aller Ruhe und "vernünftig" gestaltet werden: "Die Sonne gibt uns Zeit."

Ähnlich wie Thilo Sarrazin gefällt sich Vahrenholt dabei sichtlich in der Rolle des einsamen Aufklärers und Agent Provocateur. Die SPD-Parteigenossen gelten beide als eigenwillige, notorische Rebellen. Dass sie sich mit weißem Haar, Schnauzbart und grimmig nach innen gekehrtem Blick sogar ähnlich sehen, ist dabei nur eine Pointe am Rand. Was den Fall Vahrenholt so interessant macht, ist weniger diese Ähnlichkeit mit dem früheren Vorstand der Bundesbank als seine eigene, schillernde Geschichte.

1978 attackierte er mit seinem Buch Seveso ist überall nach dem Dioxin-Unfall in Italien die Chemieindustrie. In den Neunzigern wurde er Umweltsenator in Hamburg – und legte sich mit Umweltschützern an, weil er auf dem Neubau großer Müllverbrennungsanlagen insistierte. Anschließend half der grüne "Feuer-Fritze" dem Ölriesen Shell, sein Image nach dem Brent Spar- Skandal kurzfristig mit einer Solartochter aufzuhübschen, machte dann beim Windkraftunternehmen REpower ernsthaft Wind – um sich zuletzt für den Energieriesen RWE als Vorstand des grünen Tochterunternehmens RWE-Innogy für die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke ins Zeug zu legen. Damals argumentierte er, AKWs würden kaum CO₂ emittieren und seien daher besonders klimafreundlich. Und jetzt soll der Klimawandel plötzlich nicht mehr so dringlich sein?

Ihr Klimamodell begründen die Autoren auf über 400 Seiten im kühlblauen Schutzumschlag mit einer Unmenge von Studien und Zitaten; eine echte Fleißarbeit. Doch letztlich stützen sie sich nur auf Thesen aus zweiter Hand. "Klar", sagt Vahrenholt, "ich betreibe ja keine Klimawissenschaft." Das stimmt. Was die Autoren betreiben, lässt sich noch am ehesten als Abfallrecycling beschreiben. Sonnenaktivität, städtische Warmzonen (die angeblich die Temperaturmessungen verzerren), angebliche Fälschungen in IPCC-Berichten – nichts davon ist originell oder neu. Vieles davon kursiert in der Szene der Klimaskeptiker seit Langem – und ist längst widerlegt . Dementsprechend harsch fällt das Urteil von Joachim Marotzke aus, Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. Vahrenholt habe "viel gelesen, wenig verstanden".

Sieben Thesen aus dem Buch von Fritz Vahrenholt lassen sich sofort widerlegen. Klicken Sie auf das Bild, um den Faktencheck zu lesen. © Philippe Huguen/​AFP/​Getty Images

Man muss sich vor Augen führen, wie stark der Konsens in der scientific community inzwischen ist – und zwar weit über den Weltklimarat hinaus –, um den Aberwitz der Vahrenholtschen Veröffentlichung in ihrem gesamten Ausmaß zu erfassen. Vor vier Jahren hat der Hamburger Mathematiker Hans von Storch eine Umfrage unter Klimawissenschaftlern gestartet. Wie nicht anders zu erwarten, ergab sich das Bild einer streitlustigen Expertengemeinde. Wolkenbildung, Niederschlagsmengen, Wärmeausbreitung im Ozean – solche Fragen sind Gegenstand einer lebhaften Debatte. Im Kernbereich der Klimaforschung aber gab es keinen Dissens. Wie Storchs Umfrage zeigte, waren sich die Forscher über die Tatsache des Klimawandels selbst, seine wichtigsten Ursachen, das Ausmaß der Bedrohung und die Dringlichkeit einer Reaktion erstaunlich einig.

Doch Vahrenholt und Lüning geht es wohl weniger um die Wissenschaft als um die Politik. Schließlich gibt es in Teilen des liberalen und konservativen Lagers nicht nur ein Unbehagen an der Energiewende, sondern auch an der Klimawissenschaft insgesamt. "Wenn man etwas gegen die vorherrschende Meinung über die Ursachen des Klimawandels sagt", klagt beispielsweise Michael Fuchs, der einflussreiche Chef des Parlamentskreises Mittelstand in der CDU-Bundestagsfraktion, "wird man gleich als ein Mensch abgestempelt, der sich gegen die Umwelt versündigt." Arnold Vaatz, immerhin stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, geht so weit, "eine Gleichschaltung der Gesellschaft" zu beklagen, "die zwar mit den Formen von Gleichschaltung, wie wir dies aus der Geschichte der europäischen Diktaturen kennen, nicht identisch ist, jedoch ganz ähnliche Züge aufweist". Die Ökodiktatur ist da!