Als plötzlich weiße Schwaden aus der Motorhaube seines über 50 Jahre alten Pick-ups steigen, gibt Bobby Dekeyser Gas. Kochendes Wasser spritzt auf den Kotflügel, Sekunden später strömt schwarzer Qualm durch ein Loch im Fußraum, es riecht nach verbranntem Öl. Vielleicht wäre es besser, anzuhalten. Dekeyser aber fährt weiter – so entspannt, als ob er den Motor seines alten Fords durch Vertrauen kühlen könnte.

Vertrauen: Das ist das Lebens- und Geschäftsprinzip von Robert »Bobby« Dekeyser, 47, dem Gründer des Luxusmöbelherstellers Dedon. »Die Wirtschaft ist kopflastig«, sagt Dekeyser, »ich höre lieber auf mein Gefühl.« Seine Geschichte ist ein Beispiel dafür, dass zwar gelegentlich danebenliegt, wer sich blind auf Partner und die eigene Intuition verlässt, aber damit mehr erreichen kann als durch Kontrolle und Kalkül.

So hat er es immer gemacht. Als Kind schmiss er die Schule und wurde Fußballer. Als Profi-Torwart verletzte er sich und wurde kurzerhand Unternehmer. Als Gründer scheiterte er mit seinen ersten Geschäftsideen und fand dann eine, die ihn zum Millionär machte: Luxusmöbel aus Kunststofffasern, eine Art wetterfestes Rattan, erdacht in Lüneburg , geflochten auf den Philippinen .

Jetzt will er andere inspirieren, eigene Projekte umzusetzen. Dazu hat er die Stiftung Dekeyser&Friends gegründet, die jungen Menschen aus »allen Ecken der Welt und sämtlichen sozialen Schichten« eine »neue Art von Bildung« vermitteln soll. Die Stiftung erhält von 2012 an ein Zehntel des Gewinns von Dedon. Dekeyser sagt, er wolle »Rahmen bauen, in denen die Menschen ihre Kreativität ausleben können«.

Er trennt nicht zwischen Geschäfts- und Privatleben

Es gibt allerdings auch Mitarbeiter bei Dedon, die meinen, der Rahmenbauer sei nicht mehr ganz darüber im Bilde, was in seinem eigenen Unternehmen passiere. Bobby Dekeyser hat nicht mal ein Büro am Unternehmenssitz Lüneburg.

Die Reise dorthin beginnt auf einer Wiese in Hamburg . Dekeyser hat seine Hündin Anouschka dabei – und Tennisschläger aus Kunststoff. Nach einer Runde Paddle Tennis geht es im Pick-up weiter. Die Handbremse knarzt, der Motor röhrt, der CD-Player mischt Jazz unter das Getöse, und Dekeyser erzählt ohne Punkt und Komma. Er quillt über wie das Handschuhfach des Pick-ups, in dem sich Notizbuch, Familienfotos und Skizzen seines neuesten Projektes türmen: Dedon Island, ein Luxusresort auf den Philippinen. Er erzählt von Dedon, der Stiftung, und, unvermittelt, vom Tod seiner Frau, mit der er in diesem Jahr Silberhochzeit gefeiert hätte.

Sie brach vor eineinhalb Jahren beim Sport zusammen. Dekeyser war mit seiner Tochter auf den Philippinen, als der Tod ins Leben drang. »Mir hat das gezeigt, dass es immer um menschliche Beziehungen geht«, sagt er, »Firma und Stiftung sind in diesem Sinne nur Mittel zum Zweck.« Er trennt nicht zwischen Privat- und Geschäftsleben. Seine Schwester hat Dedon mit aufgebaut, seine Tochter leitet den Showroom in Hamburg, der Schwager kümmert sich um die Finanzen.

Dedons Kunststofffaser ist aus einem Produkt entstanden, mit dem schon die Familie seiner Mutter ihr Auskommen hatte: Tragegriffe für Waschmittelkisten. Wo sie hergestellt wurden, wächst Dekeyser in den 1960er Jahren auf: in einer Fabrik in Worms, als »Kind mit Überkraft«. Die Energie steckt er in Fußball. Mit 14 erspielt er sich einen Platz im Trainingslager mit Fußballlegende Pelé , mit 22 wird er Ersatztorwart beim FC Bayern München . Aber auf der Bank hält er es nicht aus. »Ich ohne Bewegung«, sagt Dekeyser, »das ist wie ein Fisch ohne Wasser.«

Also wechselt er, bis er beim TSV 1860 München zwischen den Pfosten steht. Nach zwei Jahren verletzt er sich schwer. Gesicht kaputt. Dekeyser beschließt im Krankenbett, Unternehmer zu werden. Er verkauft Skier, die keiner will. Giraffen aus Bast, die nichts einbringen. Im Jahr 1991 hört er von der philippinischen Insel Cebu, dem »Mekka des Flechthandwerks«. Dekeyser fliegt hin und entwickelt die Idee seines Lebens: Er will das »Wohnzimmer für draußen« schaffen mit Möbeln, die nicht aus Rattan, sondern aus Kunststoff geflochten werden.

Zurück in Deutschland hilft ihm sein Onkel, Seppi, das Plastik der Tragegriffe so weiterzuentwickeln, dass daraus ein wetterfestes und stabiles Material wird – die Dedon Faser. Um sie zu produzieren, kauft er einen Bauernhof bei Lüneburg.