Die Große Koalition hatte 2008 die Ausfuhr von Maschinen und Fertigungsunterlagen für die Gewehrfabrik in Al-Chardsch erlaubt – obwohl im Rüstungsexportbericht seit Jahren beteuert wird, dass "grundsätzlich keine Genehmigungen im Zusammenhang mit der Eröffnung neuer Herstellungslinien für Kleinwaffen und Munition in Drittländern" erteilt werden. Am 30. Juni 2008 legte der saudische Kronprinz den Grundstein für die G36-Fabrik der Military Industries Corporation (MIC) in al-Kharj. Zweieinhalb Jahre später, im Januar 2011, überreichte der Direktor der staatlichen Rüstungsschmiede dem Kronprinzen eines der ersten saudischen G36-Gewehre als Geschenk. Den MIC-Direktor, Abdulassis bin Ibrahim al-Hudaithy, traf van Aken in Riad. Die ZEIT war dabei.

Der Direktor empfängt den Abgeordneten in seinem Büro in der MIC-Zentrale. "Wir importieren Teile von Heckler & Koch so lange, bis wir in der Lage sind, komplett selber zu produzieren", sagt der Direktor. Spätestens Ende 2012 solle es so weit sein. In dem riesigen Büro des Direktors stehen zwei Vitrinen mit Produkten der MIC. Auf einer Glasplatte ruht ein G36 in Wüstentarnlackierung. Die Saudis sind stolz auf ihr G36, sie präsentierten es auch auf der Waffenmesse Idex im Nachbarland Abu Dhabi sowie auf der MIC-Homepage. "Eine Holzbox enthält neun Gewehre, jedes Gewehr in einem separaten Karton", hieß es im Internet. Exportieren darf Saudi-Arabien die G36 jedoch nur mit Genehmigung der deutschen Regierung. Darauf angesprochen, lächelt der Direktor. Man habe einfach alle Produkte zeigen wollen, sagt er. Den Verkauf der Gewehre beabsichtige sein Land nicht – zumindest nicht in den kommenden zehn Jahren. So lange werde es dauern, die eigenen Streitkräfte mit dem G36 auszurüsten. Danach werde man sehen.

Geschäfte mit ausländischen Kunden werden für Heckler & Koch immer wichtiger. Die Bundeswehr nimmt wegen der sinkenden Soldatenzahl und des gekürzten Wehretats immer weniger Waffen ab. 70 Prozent der Produktion gehen bereits heute ins Ausland. Weltweit wirbt Heckler & Koch mit dem Slogan "Keine Kompromisse" um Kunden. Auch auf der Defence & Security Equipment International (DSEi) in London, einer der größten Rüstungsschauen, präsentiert das Unternehmen seine Produkte.

Dicht an dicht hängen die Waffen an den silbergrauen Wänden am Heckler-&-Koch-Stand in Halle S6, Nummer 370, angekettet mit dicken Drahtschnüren, das G36 neben den Sturmgewehren HK 416 und HK 417, das Maschinengewehr 4 neben Granatwerfern und Maschinenpistolen. Geschäftsleute aus der ganzen Welt drängeln vor den Schießeisen. Britische Offiziere wiegen Gewehre in den Händen. Männer in weißen Kaftanen sprechen mit Verkäufern über die ausgestellten Waffen. Über Tod und Krieg redet hier niemand, es geht um Wirkung, Reichweite und Durchschlagkraft.

Journalisten sind bei Heckler & Koch nicht willkommen. "Wir haben kein Interesse an der Presse", sagt ein Mitarbeiter energisch. Fragen will er nicht beantworten – keine zu den Waffen, keine zum Unternehmen. Die Kommunikationspolitik von Heckler & Koch wurde noch restriktiver, nachdem die Staatsanwaltschaft Stuttgart Ende 2011 neue Vorwürfe erhob: Die Behörde ermittelt nun auch wegen der Bestechung deutscher Mandatsträger durch Heckler & Koch. Eine Parteispende habe die Ermittler alarmiert, sagt eine Staatsanwältin. Spenden seien normal, aber wenn diese mit Forderungen verbunden würden, sei dies strafbar – und sichergestellte E-Mails erweckten diesen Eindruck.

Die Heckler & Koch GmbH habe 93.000 Euro in den vergangenen Jahren an Parteien überwiesen, teilt die Firma mit. Die Zentrale von Heckler & Koch liegt im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen, aus dem die Bundestagsabgeordneten Volker Kauder ( CDU ) und Ernst Burgbacher ( FDP ) kommen. Der FDP-Politiker wurde 2009 zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium berufen, das für Rüstungsexporte zuständig ist. Seit 2009 spendete der Gewehrbauer 20.000 Euro an die FDP – vorher gab es kein Geld für die Liberalen.

70.000 Euro gingen an die Partei von Kauder. Der Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag gilt als Freund des Unternehmens. Heeschen lobte Kauders Einsatz für Heckler & Koch bei dessen Besuch in der Firmenzentrale am 15. September 2009: Der CDU-Politiker habe "immer wieder die Hand über uns gehalten". Kauder trete "seit Jahren für die wehrtechnische Industrie in seinem Wahlkreis" ein, bescheinigt ihm auch sein Parteifreund Stefan Teufel, Landtagsabgeordneter der CDU . Zu Heckler & Koch will Kauder sich nicht äußern.

Heckler & Koch bestreitet alle Bestechungsvorwürfe. Auch bei Waffengeschäften mit Indien soll es Unregelmäßigkeiten gegeben haben, berichtete der Spiegel Ende vergangenen Jahres. Heckler & Koch widerspricht: "Der Auftrag entspricht in allen Punkten den Genehmigungskriterien des deutschen Kriegswaffenkontrollrechtes." Der politische Druck auf das Unternehmen wächst trotz aller Dementis. Die SPD kündigte an, keine Spenden mehr von Heckler & Koch anzunehmen. Andere gehen weiter: "Zum wiederholten Male zeigt sich diese Firma als vollkommen unzuverlässig und unter Umständen kriminell", sagt Katja Keul, Rüstungsexpertin der Grünen. Ihre Partei und die Linke fordern, Heckler & Koch alle Exporte zu verbieten, bis die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sind.