Auf den Klingelschildern stehen noch die Namen früherer Bewohner, schon lange aber lebt niemand mehr hier. Ein Zettel in einer Klarsichthülle klebt an der Wand. Seine Aufschrift ist zweideutig an einem Ort wie diesem: »Betreten verboten!!! Lebensgefahr!!!«

Das ist das Leipziger Haus, in dem der Kriegsreporter Robert Capa 1945 sein berühmtes Foto machte. Es zeigt einen Mann mit seltsam verbogenen Gliedern, eingeklemmt zwischen Balkon und Tür, aus seinem Kopf ergießt sich eine zähflüssige Blutlache auf das Parkett. Das Bild ist unter dem Namen The last man to die bekannt: »Der letzte Tote des Krieges«.

»Das Parkett ist noch erhalten«, sagt Meigl Hoffmann, 43, der vor dem Foto steht, das zum Symbol für das Ende des Zweiten Weltkrieges geworden ist. Hoffmann gehört zu jener Bürgerinitiative, die die Geschichte des Bildes erforscht. Er zieht sein iPhone aus der Hosentasche. Auf dem Display derselbe Soldat auf demselben Parkett. Mit kleinen, aber irritierenden Unterschieden: Ein schwarzer Graffiti-Schriftzug ziert die Wand, anstelle der Balkontür steht ein Fenster offen, auf dem Parkett liegen ausgehebelte Türen und Abfälle. Das ist das Haus im Jahr 2012.

»Ich bin da mal reingekrabbelt«, sagt Hoffmann. »Eigentlich wollte ich nur eine Kerze hinstellen.« Er sei durch alle Stockwerke gelaufen, habe die Fenster geöffnet, die Winkel vermessen und sie mit denen auf Capas Foto verglichen. Im zweiten Stock wusste er: Hier muss es passiert sein. Er drückte den Auslöser. Die Bilder, das von einst und das von jetzt, hat Hoffmann in einer Collage vereint – als Beweis, wie er sagt. Um allen zu zeigen, welche Bedeutung dieses leer stehende, verrottende Haus in der Jahnallee 61 eigentlich hat.

Dies ist die Geschichte eines Fotos.

Am Nachmittag des 18. April 1945 schließt sich der ungarisch-jüdische Kriegsfotograf Robert Capa der Heavy Weapons Company an, die Teil der Zweiten Infanteriedivision der US-Armee ist und die Stadt Leipzig vom Westen her von den Nazis befreien will. Die Soldaten müssen über die Zeppelinbrücke, über das Elsterbecken. Ihnen begegnen vereinzelte Wehrmachtgruppen, Polizeieinheiten und der Volkssturm. Einige deutsche Truppen haben sich bereits ergeben, andere wollen mit ihrem Traum vom Tausendjährigen Reich untergehen. Und möglichst viele Feinde mitnehmen.

»Capa ist mit uns in das Gebäude gegangen«, sagt Lehman Riggs. Der US-Veteran hatte damals den Befehl erhalten, mit seiner Kompanie in die oberen Etagen des Eckhauses zu steigen. Sie sollten das Vorrücken der US-Soldaten mit Maschinengewehren absichern. 

Jetzt sitzt Riggs in seiner Wohnung in Cookeville, Tennessee , und telefoniert. Seine Stimme klingt überraschend laut und deutlich für einen 92-Jährigen. »Als wir drin waren, haben wir Capa nicht sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt«, sagt Riggs. »Wir waren daran gewöhnt, dass uns Fotografen begleiteten. Wir dachten jedoch, er sei ein Armeefotograf für die Stars and Stripes. Kein Zivilist.« Dann wurde Riggs’ Kamerad erschossen. Und Capa machte seine Aufnahme.