DIE ZEIT: Herr Nachtwey , Sie sehen sich in der Tradition Robert Capas , des Fotografen des berühmten Leipziger Kriegsbildes The last man to die . Was haben Sie von ihm gelernt?

James Nachtwey: Capa ist für mich weniger seiner Technik wegen von Bedeutung, sondern vor allem aufgrund seiner Hingabe. Sein Mut, sein Einsatz, sein Interesse waren einzigartig. Und das macht ihn zu meinem Vorbild. Er war nah an den Subjekten war, was widerspiegelt, wie sehr er sich im humanistischen Sinne um die Menschen sorgte, die er fotografierte.

ZEIT: Capa war Mitbegründer der Agentur Magnum, der auch Sie angehörten. Ein politisch links Stehender, der sich auf die Seite der Antifaschisten schlug, in Deutschland und in Spanien . Ergreifen Sie mit Ihren Bildern Partei?

Nachtwey: Ich habe ein Gespür dafür, welche Menschen angegriffen werden, welche zum Opfer werden, wer die Verlierer sind im Wettbewerb. Wer kämpft, um sich zu verteidigen – und wer Angreifer ist. Ich stehe auf keiner politischen Seite, ich bin auf keine Ideologie abonniert und habe keine politisches Bekenntnis unterzeichnet. Aber ich habe ein Gespür für Richtig und Falsch. Ich habe Sympathien. Nur selten fühle ich mich in einem Konflikt neutral. So habe ich während des Bosnienkrieges gedacht, dass die Dinge für die Bosnier schlimmer stehen als für die Serben. Für mich waren die Serben die Angreifer. Sie attackierten die Bosnier, um Kontrolle über deren Territorium zu erlangen. Da habe ich mich nicht neutral gefühlt, obwohl ich mich nicht politisch engagierte. Ich hatte aber meine Meinung.

ZEIT: Sie werden am Sonnabend mit dem Dresden-Preis ausgezeichnet, einem Friedenspreis, der an die Zerstörung dieser Stadt 1945 erinnert. Und der symbolisieren soll, dass Krieg nie das letzte, sondern immer ein falsches Mittel ist. Wenn wir aber an den Einsatz der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg denken, den Robert Capa begleitet hat: Ist Krieg das letzte Mittel, wenn er die noch größere Katastrophe beendet?

Nachtwey: Ich denke, dass die Dresdener etwas anderes meinen: Der Krieg hätte niemals angefangen werden dürfen. Es hätte niemals einen militärischen Angriff geben dürfen. Das war falsch, und das hat allen Konflikt verursacht. Wenn eine Nation eine andere angreift, sie bedroht, dann ist es nur natürlich, dass sich die andere Nation verteidigt. Ich denke nicht, dass die Dresdener sagen, dass das falsch war.

ZEIT: Zur Wendezeit haben Sie Fotos von industrieller Umweltverschmutzung im Ostblock gemacht. Ein Bild ist 1990 in einer ostdeutschen Kohle-Fabrik entstanden. Auch diese Aufnahmen muten wie Krieg an. War das gewollt?

Nachtwey: Nein. Industrielle Verschmutzung ist das eine, Krieg das andere. Das kann man nicht gleichsetzen. Ich wollte das Erbe des Ostblocks thematisieren, das Erbe seiner Industrie. Die Beziehung der Industrie zur Natur und zu den Arbeitern. Ich wollte zeigen, was passiert, wenn wir diese Beziehungen geringschätzen.