Am liebsten schreibt er anderen etwas vor. Zumindest beruflich. Seit 33 Jahren ist Hans-Georg Roth, 65, politischer Redenschreiber . Für zwei Ministerpräsidenten, zwölf Landesminister und 27 Staatssekretäre hat er bislang gearbeitet. Roth sagt, "gedient". Wenn es schnell gehen musste, hat er seinen Chefs schon Reden mit Blaulicht und Sirene gebracht.

Begonnen hat Roth im bayerischen Kultusministerium , nach einem Politikstudium in München : Sein ehemaliger Politikprofessor Hans Maier wurde zum Kultusminister ernannt und fragte den jungen Absolventen, ob er sein Redenschreiber werden wolle. Auf eine Stelle als Redenschreiber eines Politikers bewirbt man sich in der Regel nicht, man wird gefragt. Darauf ist Roth ein bisschen stolz. Er sagt: "Wichtig ist, dass die politische Richtung stimmt. Ich könnte nicht für jemanden schreiben, dessen Werte ich nicht teile."

Rund 460 Redenschreiber aus Deutschland, der Schweiz und Österreich sind im Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) organisiert. Viele verfassen nicht nur Reden und Grußworte, sondern auch Pressemitteilungen, Texte für Broschüren, Festschriften oder Websites und geben Seminare. Eine Umfrage unter den Mitgliedern ergab, dass etwa die Hälfte von ihnen freiberuflich arbeitet. Roth beneidet sie nicht: "Die müssen heute für die CDU und morgen für die SPD schreiben." Neben der Politik arbeiten Redenschreiber auch in der Wirtschaft, für Stiftungen, Verbände oder in der Wissenschaft. Wie viel ein Freiberufler verdient, hängt von der Länge der Rede, dem Rechercheaufwand, der Erfahrung des Redenschreibers und vom Auftraggeber ab. Der VRdS empfiehlt pro zehn Minuten Redezeit ein Honorar von mindestens 700 Euro.

Roth hat fast sein ganzes Berufsleben als politischer Redenschreiber verbracht. Seine aktuelle Chefin ist Christine Lieberknecht (CDU), Thüringens Ministerpräsidentin. Rund 600 Reden hat er im vergangenen Jahr zusammen mit zwei Kollegen geschrieben. Nicht nur für die Ministerpräsidentin, sondern auch für Marion Walsmann (CDU), die Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Chefin der Staatskanzlei, und bei Bedarf für den thüringischen Regierungssprecher Peter Zimmermann.

Stichwortzettel oder ausformuliertes Skript

Ein Job mit garantiertem Feierabend ist das nicht . "Ein Minister lässt keine Rede ausfallen, weil seine Redenschreiber nicht fertig sind", sagt Roth. Kurz nach dem Mauerfall, als er der einzige Redenschreiber des thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU) war, war er manchmal bis zum Morgengrauen im Büro: "Das waren historische Zeiten, wir haben schließlich noch nicht in einem etablierten politischen Betrieb gearbeitet." In manchen Nächten musste ein Nickerchen am Schreibtisch genügen, bevor es am nächsten Morgen weiterging.

Heute endet sein Arbeitstag meist gegen 22 Uhr. Für Podiumsdiskussionen bereitet Roth seiner Chefin häufig nur einen Stichwortzettel vor. Bei Reden bekommt sie ein ausformuliertes Skript. In jedem Absatz sind dann zwei bis drei zentrale Stichwörter fett gedruckt. "Das bedeutet aber nicht, dass sie sich exakt an den Text hält. Gerade geübte Redner improvisieren gerne."

Bis ins Detail geplant sind hingegen Regierungserklärungen, besonders zu Beginn einer Legislaturperiode. Zwei bis drei Wochen Vorlauf braucht Roth dafür. Zuerst spricht er mit der Grundsatzabteilung. Hier arbeiten die sogenannten Spiegelreferenten, Entsandte der einzelnen Ministerien. Danach gibt es eine Besprechung mit der Ministerin, um die Kernbotschaft festzulegen. Die Spiegelreferenten arbeiten ihm schließlich zu und liefern Informationen, die in den Text einfließen sollen. "Hat die eigene Partei die absolute Mehrheit, ist es relativ leicht, eine Regierungserklärung zu schreiben", sagt Roth. "Bei einer Koalition ist so eine Rede eine echte Gratwanderung, denn die Parteien haben oft unterschiedliche Meinungen zum selben Thema." Am Abend vor der Regierungserklärung bekommen die Oppositionsparteien den Text, um in ihren Reden darauf reagieren zu können.