Zum Gespräch möchte sich Frau Schwarzer gerne in einer der Fensternischen im mittelalterlichen Stein niederlassen. Die Kissenbezüge hat sie selber ausgesucht. Sie zieht ein Knie hoch: ihre schwarzen Stiefel. Wir müssen jetzt noch mal über die Frauenregierung der Hannelore Kraft reden. Sie, Schwarzer, sei den neuen Frauen zunächst naiv begegnet: Frau Kraft und Frau Steffens wurden gleich in Emma porträtiert. "Ich bin parteipolitisch ganz unabhängig. Das liegt in meiner persönlichen Natur. Und in der Natur des Feminismus." Muss das schöne Frauenarchiv denn jetzt wirklich zumachen? "Niemals." Sie habe angefangen, sich nach privaten Förderern umzusehen, und natürlich bestehe sie darauf, dass die Politik eine Bringschuld habe. "Wir haben einen Pachtvertrag für 30 Jahre und zweimal die Option für 20 Jahre. Das Archiv wird mich überleben. Richten Sie den Grünen und allen anderen lieben Freunden und Freundinnen bitte aus: Vor 2063 gehen wir hier nicht raus."

Hat sie eine Erklärung dafür, warum sie mit dem Kraft-Vorgänger Jürgen Rüttgers Verträge schließen konnte und sich mit den neuen Frauen nicht versteht? "Es ist ganz interessant, dass man es hier mit einer Frauengeneration zu tun hat, die nicht mehr weiß, wie das alles errungen worden ist, von dem sie jetzt profitiert." Also doch der viel zitierte Muttermord? "Ich halte das für überinterpretiert. Was mich anweht, ist eine heikle Mischung aus Ignoranz und Intrige." Nehmen die Frauen ihr übel, dass Alice Schwarzer, einem alten Missverständnis zufolge, vielleicht nie eine Linke war, sondern für eine bürgerliche Gesellschaft steht? Kurze Irritation. Dann: "Wenn links gegen Machtmissbrauch, für Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit ist, dann bin ich selbstverständlich links." Ihr Feminismus sei allerdings auch eine Reaktion auf den Machismo der etablierten Linken gewesen: "Man hat 1970 gesagt: Hier wird auch noch der letzte bolivianische Bauer befreit. Was ist mit uns? Beine breit machen, Kaffee kochen, Kinder versorgen, Flugblätter tippen." Moment, Frau Schwarzer, in Zeiten der von ihr selbst deklarierten Gefährdung ihres Lebenswerks muss die Frage doch lauten: Wie stehen Sie zu dem Gerücht, dass Sie sich mit Männern einfach besser verstehen als mit Frauen?

Schwarzer schweigt jetzt einen Moment: mindestens zehn Sekunden. Lächelnd. Ganz offensichtlich findet hier ein schöner Moment der Reflexion statt. "Darüber habe ich in letzter Zeit auch viel nachgedacht." Sie sei bei den Großeltern aufgewachsen. Aus der atypischen Kindheit sei sie gleich in die Kameradschaft mit Frauen und Männern und von da aus in die Frauenbewegung gerutscht: "Es hat einige Jahre gebraucht, bis ich die komplizierten Strukturen unter Frauen verstanden habe. Zugegeben: Das kam gefährlich spät." Und die Queen Mother des deutschen Feminismus, deren Absetzung praktisch jedes helle Mädchen von Charlotte Roche bis Marina Weisband von den Piraten fordert, stets unter dem lässig mitgelieferten Hinweis ihrer großen Verdienste, sie spricht: "Ich bin keine Übermutter. Ich bin vielleicht ein älter werdendes Mädchen." Dann lacht sie ihr lautes Alice-Schwarzer-Lachen.

Und Simone de Beauvoir lächelt vom Bild herab. Alice Schwarzer muss nun ein Dossier über Studentinnen für die neue Emma redigieren. Es steht ein Turm im Schneegestöber von Köln.