Man ist es von katholischen Kirchen gewohnt, dort großartige Kunst zu sehen. Zumindest in jenen großen, berühmten Kirchen, die es schon ein paar Jahrhunderte gibt. Die katholische Kirche St. Agnes in Berlin-Kreuzberg wurde erst vor knapp fünfzig Jahren gebaut, und mehr als eine mäßig gelungene Darstellung des Kreuzwegs hatte sie an Kunst nicht zu bieten. Doch das soll sich jetzt ändern: Anfang kommenden Jahres zieht eine der wichtigsten jungen Galerien Deutschlands in die Kirche ein. Nicht temporär, nicht als Teil einer ökumenischen Woche der Kunst oder Ähnliches, sondern auf Dauer. Der 30-jährige Galerist Johann König hat die Kirche samt Turm, Gemeindezentrum und meterhoher Orgel gekauft. Insgesamt 3500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Es ist ein mutiges, um nicht zu sagen: ein waghalsiges Unternehmen.

Die katholische Kirche hat die Zukunft von St. Agnes lange diskutiert (ZEIT Nr. 11/04) und die Kirche bereits 2005 aufgegeben. Die Schar, die zu den Gottesdiensten erschien, war über die Jahre immer kleiner geworden , das Erzbistum Berlin musste sparen, man machte aus drei Kreuzberger Gemeinden eine. Die Kirche St. Agnes in der Alexandrinenstraße vermietete man zunächst an die City Kirche Berlin, eine recht konservative protestantische Freikirche, doch das Erzbistum wollte den sanierungsbedürftigen Bau der Kirche verkaufen. Und so kam irgendwann auch Johann König ins Spiel – und hat sich schließlich, nach neunmonatigen Verkaufsgesprächen, gegen andere Bewerber durchgesetzt. Ein befreundeter Immobilienentwickler habe ihm abgeraten, sagt König, die Kirche im Sozialbauviertel sei unrentabel. Doch der Galerist ließ sich nicht abhalten.

Dazu muss man wissen, dass die Kirche St. Agnes ein modernes Architekturdenkmal ist, 1966 wurde sie von Werner Düttmann gebaut, dem bekannten Architekten, der auch die Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg und das Brücke-Museum in Dahlem plante. Düttmann war zur Zeit des Kirchenbaus auch Senatsbaudirektor in Berlin, er gehört zu den Planern des berüchtigten Märkischen Viertel s, eines Sozialbauviertels, das nicht gerade für seine humane oder organische Architektur bekannt geworden ist.

Auch die von ihm entworfene Kirche St. Agnes reiht sich recht souverän in die internationalen Spielarten des Beton-Brutalismo ein: Sie ist eine Trutzburg mit weitgehend fensterlosen Wänden und einem wahrlich nicht schlanken, rechteckigen Turm, auf dem oben ein in hellem Grau abgesetzter Klotz ruht. An die Kirche sind noch drei Riegel angegliedert, mit Gemeinderäumen, Pfarrwohnung und Kindertagesstätte, in ihrer Mitte bilden sie einen Innenhof. Der Komplex gleicht einem Fort mit großem Wehrturm und Mauern, der Spritzputz, der seit Mitte der sechziger Jahre viel Ruß und Dreck in seine Ritzen und Mulden aufgesogen hat, gibt dem Ganzen eine noch kompromisslosere Note.

Wird die Kunst in einer Kirche nicht automatisch zur Kunstreligion?

Der rohe Putz findet sich auch an den Innenwänden des eindrucksvoll hohen Kirchenschiffs wieder – hier sorgt die grobe Oberflächenstruktur allerdings gemeinsam mit der Holzdecke und dem Stirnholzparkett für eine angenehm gedämpfte Akustik der Erhabenheit, eine Atmosphäre, die durch die Lichtführung noch verstärkt wird: Das Tageslicht fließt von oben durch Fensterbänder im Dach und indirekt durch einen senkrechten Fensterschlitz auf der Höhe des Altars.

"Wie geschaffen für einen Ausstellungsraum", sagt Johann König, der nicht getauft ist, und schaut ernst in den großen Saal. Eigentlich war er nur auf der Suche nach einer Eigentumswohnung gewesen, da es derzeit aber zu viele Interessenten auf dem Berliner Immobilienmarkt gibt, schaute er irgendwann auch nach den Sonderimmobilien. Und als ihn der Architekt Arno Brandlhuber dann auf die Kirche aufmerksam machte, wusste er: Hier muss ich meine Galerie aufmachen.

Aber darf man junge Gegenwartskunst wirklich an einem solchen Pathosort zeigen? Wird die Kunst hier nicht automatisch zur Kunstreligion? "Da sehe ich keine Gefahr, das hängt doch ganz von der Kunst ab. Düttmann hat, wenn man es sich genau anschaut, diese Kirche doch selbst wie einen Ausstellungsraum konzeptioniert", sagt König und läuft das mit Oberlicht beleuchtete Seitenschiff entlang zur Kapelle, wo vielleicht ein zweiter Ausstellungsraum entstehen soll.

Johann König vertritt mit seiner Galerie zwanzig Künstler, darunter etwa die Fotografin Annette Kelm oder die international erfolgreiche Bildhauerin Tatiana Trouvé, den gerade in Hannover und Bonn ausstellenden Belgier Kris Martin, Tue Greenfort, Jeppe Hein, Henning Bohl, Michael Sailstorfer und Alicja Kwade. Wenn man den Stil dieser Künstler auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen versuchte, dann lautete er: Konzeptkunst, die sich fast immer in skulpturalen Objekten und Installationen ausdrückt. Die Kunstwerke aus Königs Angebot leben oft von einem mehr oder minder subtilen Humor, sie sind meist überaus ansehnlich, ihre Oberflächen sind im klassischen Sinne schön – wie etwa bei den Spiegelobjekten von Jeppe Hein oder den vergoldeten Kohlebriketts von Alicja Kwade.

Kein Jeanslabel wird diese Galerie verdrängen können

Der Erfolg von König zeigt sich nicht nur daran, dass er in Zeiten, in denen andere Kollegen aus finanziellen Gründen ihre Galerien schließen müssen, den aufsehenerregendsten Galerienumzug der kommenden Jahre stemmen kann. Er zeigt sich vor allem in der Zahl der Kunstwerke, die König in große Sammlungen wie die des Museum of Modern Art in New York vermitteln konnte, und in den zahlreichen musealen Einzelausstellungen seiner Künstler in Zürich , London und Paris.

Wie genau seine eigene Ausstellungshalle aussehen soll, das weiß König noch nicht. In diesen Tagen sollen ein Architekt und ein Projektsteuerer benannt werden, dann werden mit dem Denkmalamt mögliche Veränderungen besprochen. Viel soll sich in dem Kirchenschiff allerdings erst einmal nicht ändern – die Kirchenbänke und der Altar wurden schon abtransportiert, nach einem Käufer für die Orgel wird noch gesucht. Eröffnet werden sollen die neuen Galerieräume im Frühjahr 2013. Den Kaufpreis hat König mit seinen Künstlern in den vergangenen Jahren verdient, doch für die wahrscheinlich gut drei Millionen Euro, die er jetzt in die Sanierung vor allem der Dächer stecken muss, wird er einen Kredit aufnehmen müssen. An vielen Stellen ist der Beton nass, die Kälte hat kleine Teile der Fassade herausgesprengt.

Kein Jeanslabel der Welt wird diese Galerie verdrängen können

Ist Johann König, 30 Jahre alt, größenwahnsinnig, dass er sich dieses marode Baudenkmal ans Bein bindet? Nein, man müsse die Kirche und die anliegenden Gebäude nur mit den richtigen Inhalten füllen, sagt Johann König, mit Menschen, die den Charme der harten West-Berlin-Moderne so zu schätzen wissen wie er selbst. Er möchte sich durch das Eigentum an der Trutzburg vor allem unabhängiger machen, die Kirche ist sein Wehrdorf gegen die steigenden Mieten.

2002 hat König als 20-Jähriger seine Galerie am Rosa-Luxemburg-Platz gegründet, wo sich die Mieten inzwischen vervielfacht haben. Nach vier Jahren zog er weiter in seine derzeitige Residenz, eine Industriehalle nur wenige Hundert Meter vom Martin-Gropius-Bau, aber recht weit von allen anderen Galerien entfernt. Wenn sein jetziger Mietvertrag ausläuft, würde wahrscheinlich auch hier der Mietpreis empfindlich steigen. Kein Wunder, zusammen mit den Künstlern und Nachtclubbetreibern sind Galeristen schließlich die klassischen Agenten der Gentrifizierung, der Aufwertung urbaner Räume. Nicht nur in New York , auch in Berlin konnte man in den vergangenen Jahrzehnten beispielhaft verfolgen, wie zunächst die Künstler und dann die Galerien ein Viertel nach dem anderen hip wohnten, bevor die Boutiquen, Hotels und teuren Restaurants nachzogen.

Aus der von Johann König gekauften Kirche und deren Gemeindezentrum aber wird kein Jeanslabel der Welt die Galerie verdrängen können – solange er die Immobilie nicht verkaufen will oder muss. Den Artenschutz will König aber nicht nur sich selbst gewähren, sieben Einheiten gibt es im Gemeindezentrum, dazu einen großen Veranstaltungssaal mit Bühne und ein paar Räume, die er für nicht zu hohe, aber rentable Quadratmeterpreise an die sogenannte Kreativwirtschaft vermieten will, an Redaktionen, interessante Architektur- und Grafikdesignbüros. Ein Restaurant soll es auch geben, aber bitte schön eher eine Kantine als ein weiteres Grill Royal. Bis auf die evangelikalen Fernsehprediger, die hier bislang residierten, wird seine Galerie kaum jemanden vertreiben, zu unglamourös sind die angrenzenden, zumeist acht Stockwerke hohen Sozialbauten, als dass dort nun massenhaft Besserverdienende einziehen wollten.

Die Architektur, seine Ausstellungen und die weiteren Mieter, die er für die Gemeindegebäude finden will, sollen in der Zukunft aber immerhin einen solchen Sog erzeugen, dass an einem normalen Wochenende auch Besucher der unweit gelegenen Berlinischen Galerie und des Jüdischen Museums hierherkommen. König plant, anders als in Galerien üblich, sein Haus dann auch am Sonntag geöffnet zu halten. Geld verdient ein Galerist eigentlich nicht mit der Quantität der Besucher, sondern nur mit den wenigen Sammlern, die Kunst tatsächlich kaufen.

Die Arbeiten seiner Künstler verkauft er allerdings eher über das Telefon oder auf Messen wie der Art Basel oder der Frieze an Sammler wie den französischen Luxus-Unternehmer François Pinault , und so funktioniert seine Galerie auch jetzt schon mehr als Ausstellungshalle denn als Kunsthandlung. "Ich wollte meine Ausstellung immer auch für die anderen Künstler der Stadt machen", sagt König. Ein nicht ganz uneigennütziger Wunsch, denn es sind auch die nicht von seiner Galerie vertretenen Künstler, die zu den Ausstellungen kommenden Kuratoren und Kritiker, die seinen Ruf in die ganze Welt transportieren. Der Umzug in die strenge Kirche wird seinen Ruhm noch mehren.