Annie ist einsam und trauert um ihre Mutter. In schwarzem Kleid und mit schwarzen Schuhen, groß, kantig, mit auffälliger Nase und hoffnungsloser Miene: So begegnet sie uns, so sitzt sie am Fenster. Wo ihr Schatten hinfällt, da wird selbst die bunte Tapete dunkel. Draußen vor dem Haus sieht Annie einen See liegen, drei Inseln darin. Von dort wird ihre Rettung kommen – nur weiß sie das noch nicht.

Annie will ihrem Leben ein Ende setzen – mit einem Stein beschwert, stürzt sie sich ins Wasser. Kein Text, ein doppelseitiges Bild zeigt uns das Wunder ihrer Erlösung: Am Grund des Sees hocken nämlich drei Riesen. Die vermeintlichen Inseln sind ihre Hüte. Einer der Riesen birgt Annie in seiner Hand. Aus Dankbarkeit für ihre Rettung und mit neuem Lebensmut begleitet Annie die drei Riesen ans Meer: Dort müssen sie Riesenfrauen aufspüren, so bestimmt es ein Zauber. Doch nur zwei von ihnen finden eine Gefährtin. Der dritte geht zum guten Schluss ein viel größeres Abenteuer ein: Er nimmt menschliche Gestalt an und wird Annies Mann. Der Zauber dieser herb-poetischen Geschichte in und mit Bildern lässt die Frage nach Einzelheiten des eleganten kleinen Kunstwerkes fast ein wenig buchhälterisch erscheinen. Wie ist es entstanden? Ist es ein Bilderbuch oder ein illustriertes Kunstmärchen?

Die in Text wie Illustration gleichermaßen versierte Doppelbegabung Kitty Crowther kombiniert das Beste aus beiden Gattungen. Raffiniert sind Text und Bild miteinander verwoben. Die Künstlerin lebt mit einem angeborenen Hörschaden. Sprachliche Sensibilität und die Kompensation des Hörerlebnisses durch das Bild sind ihr existenziell vertraut. Zwanzig Episoden illustriert sie mit stimmungsvollen Aquarellen, denen Feder- und Buntstiftstriche ihre hart konturierte Aussage geben. Auch eine Collage ist eingefügt.

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Annie bei der Arbeit, Annie in der Nacht vor dem Sprung ins Wasser, Annie beim Sinken auf den Grund des Sees; die Riesen auf Wanderschaft und am Meer; die Riesinnen im Meer und der Rückweg zu zweit, zum Schluss die Umarmung des glücklichen Paares – für alles findet die Illustratorin ebenso anspielungsreiche wie mühelos eingängige Bilder. Albrecht Dürers Melancholia hat hier ebenso Pate gestanden wie erzählende Comics mit vorwärtsdrängenden Bewegungsabläufen. Kontrapunkte zu den düsteren Stimmungslagen der einsamen Annie sind die kleinen Pflanzen, Blüten und Blätter, die in der Landschaft, an den Wänden und auch unter Wasser zu leuchten scheinen und das Prinzip Hoffnung verkörpern. Korallenartige Gebilde und ein rosaschwarzer Strudel aufkommender Gefühle weisen auf Liebe hin. Diese hingestreuten Aufheller kennt man aus der Pop-Art – aber auch in Botticellis Der Frühling kommen sie vor. Die Illustratorin Crowther wurde in der Comic-Metropole Brüssel ausgebildet. Ihre Ruhe und Kraft schaffenden Bilder verleihen dem Buch seine Poesie.

© Carlsen Verlag

Wie im Märchen müssen sich Annie, der Riese Émile und der Leser das Glück erst verdienen. Im Text erfährt man von Annies Unglück, ihrer Depression, ihrer fast nicht enden wollenden Furcht vor dem Leben. Im Handlungsverlauf spielt die 1970 geborene Autorin souverän mit dem Motiv-Repertoire von Mythos, Volksmärchen und populären Lesestoffen. Das einsame, unerlöste Mädchen findet Lebenssinn und -partner mittels tätiger Hilfe. Das Wasser in See und Meer wird vom Todesraum zum Lebenselement. Crowther setzt das Wunderbare – die helfenden Riesen – dort ein, wo Wunder gebraucht werden, wo die harte Realität durch Magie Milderung und Überhöhung erfahren soll. Für eine in Belgien aufgewachsene Künstlerin mit englischen und schwedischen Wurzeln besitzen die Riesen (über ihre Rolle in Sagas und Fantasy hinaus) eine besondere Bedeutung. Hier lebt noch die Tradition der jährlichen Riesenprozessionen, zum Beispiel im Ducasse d’Ath, einem Umzug, der Riesen als Inkarnation politischer Vorkommnisse und menschlicher Schicksale vorführt. Crowthers Stärke in Text und Illustration aber liegt in der Vermittlung der psychologischen Bedeutung des Riesen-Motivs.

Sie verkörpern das archaische, gewalttätige Prinzip, das von tätigen, liebenden Menschen "besiegt", das heißt in das Verhalten fühlender, sozialer Wesen verwandelt werden kann. So geschieht es mit dem dritten Riesen, der keine Sirene, kein Meerweib findet, sondern sich aus Liebe zur Menschenfrau Annie auf menschliches Maß einlässt. So heilt er ihre Einsamkeit; so wird Annie zum Trostmärchen und zur Ermutigung.

Kitty Crowther veröffentlicht seit 1994 Bilderbücher mit eigenen und fremden Texten. Inzwischen erschienen in Frankreich fast vierzig Titel. Annie ist also alles andere als ein Debüt, kann vielmehr als Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens angesehen werden. 2009 wurde die französische Originalausgabe mit dem Prix Baobab der Kinderbuchmesse von Montreuil ausgezeichnet. Ein Jahr später erhielt Crowther für ihr künstlerisches Gesamtwerk, von dem bisher sieben Bilderbücher in Deutschland erschienen sind, den hoch dotierten, prestigeträchtigen Astrid Lindgren Memorial Award . Mit Annie ist die Autorin im Begriff, zu einer der ganz Großen am Bilderbuch-Himmel zu werden.