Eine Drehung weiter – Seite 1

Angesichts der Tatsache, dass ein bislang eher unbekannter Literaturwissenschaftler im Berliner Mitte-Club HBC über sein Werk herumzudiskutieren beabsichtigte, war es ein regelrechtes Kuriosum, dass die Veranstaltung restlos ausgebucht war. Es bildete sich bei minus 15 Grad am frühen Abend gar eine lange Reihe jener, die doch noch irgendwie Einlass zu finden suchten, um den Ostküstenintellektuellen Mark Greif zu sehen, der über seinen Sammelband Hipster mit Tobias Rapp ( Der Spiegel ), Thomas Meinecke ( Suhrkamp-Autor ) und Jens-Christian Rabe ( Süddeutsche Zeitung ) sprach.

Rapp, Meinecke, Rabe hatten zu der deutschen Ausgabe des Buches selbst kluge Beiträge beigesteuert, weshalb sie naturgemäß bestens vorbereitet waren, um dem Hipster auch aus Berliner Perspektive zu Leibe zu rücken, der seinem transatlantischen Bruder freilich aufs Ei gleicht (sehr, wirklich sehr enge und spitz zulaufende Hosen, in die man rein-, nicht aber wieder herauskommt, Pullover mit Rentieren drauf, übergroße und schwarze Hornbrille oder aber das teure Imitat des metallenen Kassengestells aus den siebziger Jahren; die Männer ziemlich feminisiert, die Frauen ja sowieso).

China hin, China her, hier lacht das transatlantische Bündnis

Alle Besucher der Veranstaltung hatten passenderweise diese Hosen und diese Pullover und Brillen an, womit ein großes Expertenwissen offenkundig nicht nur bei den Diskutanten aufs Schönste zutage trat. Der Hipster, da waren sich die Herren auf der Bühne einig, sei modisch betrachtet Avantgarde, wobei ihm häufig gerade deshalb eine apolitische Haltung unterstellt werde. Konsumentscheidungen prägten seinen Alltag, nicht das unentgeltliche Engagement im Seniorenheim. Die New Yorker Hipster glaubten, sagten die Diskutanten, sie imitierten Berliner. Die Berliner Hipster aber glaubten, sie imitierten New Yorker. Dann lachten sie alle – China hin, China her, hier scheint doch ein ungemein belastbares kultur-transatlantisches Bündnis am Werk zu sein.

Die Diskutanten sagten, der Hipster werde in Amerika wie auch in Deutschland nicht ganz zu Unrecht für die Gentrifizierung ganzer Stadtteile verantwortlich gemacht, weshalb jeder Hipster sich niemals als Hipster bezeichnen würde, woraufhin das Publikum zur allseitigen Belustigung miteinbezogen wurde: Man fragte in die unüberschaubare Menge hinein, wer sich hier als Hipster bezeichnen würde. Es zeigte ein junger Mann aus der vorletzten Reihe auf, der aber nur schlecht zu sehen war und es am Ende womöglich nicht einmal ernst meinte – egal.

Die Diskutanten um Mark Greif, der von allen im Saal Befindlichen noch am wenigsten wie ein Hipster aussah (klassisch weißes Hemd, Stoffhose, schmale, randlose Brille, Hochschullehrer halt), gaben gegen Ende der Veranstaltung noch zu Bedenken, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen Hipstern in New York und Berlin gebe. In New York berufe sich der Hipster mit seinem lässigen Habitus letztlich auf die schwarze Unterschichtenkultur, der Berliner nicht. Die anschließenden sehr ausführlichen Fragen aus dem Publikum zogen entsprechend ausführliche Antworten nach sich. Dann wurde sehr unhipsterhaft vor allem Bier an einem langen Tresen getrunken, und allen ging es gut, vor allem aber den Leuten vom Suhrkamp Verlag, die Greif so erfolgreich verlegen.

Hier behandle man ihn wie einen Großschriftsteller

Damit es ihnen nicht allzu gut geht und damit das alles mal nicht zu hip wird hier, wurde der zuvor auch aufgrund anderer Publikationen in Deutschland sehr, wirklich sehr gefeierte Mark Greif, der an der New Yorker New School lehrt, die Zeitschrift n+1 herausgibt und mit der Occupy-Bewegung sympathisiert, just da er in Berlin auftrat, recht keck und angesichts des insgesamt ein bisschen unsystematischen Bandes nicht unzutreffend, wenngleich polemisch kritisiert. Er und seine Mitautoren sollen "doch ihre liebsten Bands hören, sie sind interessant genug. Auch ihr Nachtleben sei ihnen gegönnt", aber eine derartige Überhöhung der Jugendkultur sei unangemessen, eine Begründung fehle für die Behauptung, "dass unsere Diskotheken und Klamotten etwas über unsere Zeit aussagten" (FAZ) . Das sei alles wenig durchdacht.

Da nun der für die Kritik bislang so heilige Mark Greif ein bisschen angegangen worden war, legte auch der Spiegel an diesem Wochenende nicht ohne Humor nach: Greifs Co-Autor und Mitdiskutant Tobias Rapp schrieb keineswegs unzutreffend (wobei er die enge Verbindung zu Greif seltsamerweise unerwähnt ließ), der ganz unbestritten kluge und anregende Amerikaner bekomme in Deutschland die "Großschriftstellerbehandlung", in Amerika kenne ihn kaum jemand. Ihm ergehe es wie dem "Schauspieler und Sänger David Hasselhoff " – nur big in Germany. Greifs Texte lehnten sich an das "europäische Feuilleton" an, in Amerika aber sei die Rezension die allerwichtigste Textgattung, weshalb Greif hierzulande Erfolg habe, dort aber nicht. Seltsam sei indes die schlimme Behandlung Greifs durch die FAZ . Erst habe man ihn zwei Stunden lang in der Redaktion "ausgefragt", dann als "wenig durchdacht" fallen gelassen. 

Den zwischenzeitlich dergestalt durchironisierten und in das Feuilletonistengerangel geratenen Mark Greif trafen wir wenige Tage nach der Veranstaltung im Café Einstein Unter den Linden und befragten ihn zwei Stunden lang, was ausnehmend anregend war. Über die Occupy-Bewegung sprachen wir, über sein jüdisches Elternhaus, über die soziale Ungerechtigkeit in Amerika, über Obama, der enttäusche, aber zu dem es keine Alternative gebe. Vor allem aber über seinen Essayband Bluescreen ( Suhrkamp Verlag , Berlin 2011), sein, wie Greif sagt, ausgereiftestes Buch – das tatsächlich jedem anempfohlen sei, der sich für anspruchsvolle und zugleich unterhaltsame Gegenwartsdiagnosen zur Sexualität, zu Fernsehformaten, zum Rappen, zum unvollendeten Befreiungsprojekt namens Aufklärung interessiert. Dieses Buch ist so großartig, dass wir Greif nicht kritisieren wollen. Und wenn, dann sowieso erst nächste Woche.