ZEITmagazin: Herr Lebert , in Ihrem neuen Roman »Im Winter dein Herz« haben wir uns folgenden Satz angestrichen: »Mut zum Leben haben, das ist gleichbedeutend mit reger Phantasie, weil man sich immer wieder einen Weg vorstellen muss, den es noch nicht gibt.« Diesen Satz bekommt die Hauptfigur, ein junger Mann namens Robert, von seinem Psychotherapeuten gesagt. Kurz darauf wird Robert in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Kann Fantasie auch in den dunkelsten Momenten helfen?

Benjamin Lebert: Ja. Fantasie ist ein Retter. Damit sich überhaupt etwas verändert, muss man es visualisieren. Fantasie heißt Leben schaffen. Sie macht, dass man einem Ort nicht ausgeliefert ist, egal wie schlimm er zu sein scheint. Man kann sich die Möglichkeit eines anderen Lebens ausmalen.

ZEITmagazin: Wie geht das bei Ihnen – sich ein anderes Leben ausmalen? Wie bereiten Sie Ihr Schreiben vor?

Lebert: Ich habe Vokabelhefte, die sind geordnet nach Menschen, Orten, Klamotten, Wetter, Stimmungen, Empfindungen. Wenn ich etwas aufgefangen habe, das mir gefällt, schreibe ich das in eines dieser Hefte. Sie liegen auf meinem Schreibtisch und sind sehr wichtig.

ZEITmagazin: Sie liefern den Stoff für Ihre Geschichte?

Lebert: Ja, obwohl ich am Anfang eigentlich immer einem Gefühl auf der Spur bin. Dann versuche ich, eine Geschichte oder Bilder zu finden, die diesem Gefühl entsprechen.

ZEITmagazin: Wenn man seinem Gefühl nachspürt, dann ist man zwangsläufig immer sehr nah bei sich.

Lebert: Es gibt ja zwei Meinungen unter Schriftstellern. John Irving zum Beispiel sagt, die ganze Literatur wäre unsäglich langweilig, wenn alle immer nur über das schreiben würden, was sie kennen. Hemingway glaubte dagegen, man könne überhaupt nur über das schreiben, was man kennt. Und obwohl ich mich auch sehr für die Geschichten von anderen interessiere, ist das Benjamin-Sein leider ungemein dominant.

ZEITmagazin: Ihre Romanfigur Robert findet in der Klinik Freunde, gemeinsam machen sie sich auf die Reise durch das winterliche Deutschland. Sie sind auf der Suche, ohne genau zu wissen, wonach. Welchem Gefühl haben Sie hier nachgespürt?

Lebert: Dem Gefühl, dass ich die Welt nicht mehr aufnehmen konnte. Ich konnte die Eindrücke und die Vehemenz der Welt nicht mehr in mich hineinlassen. Und das hatte bei mir ganz konkrete Folgen: Ich konnte buchstäblich keinen Bissen mehr hinunterkriegen.

ZEITmagazin: Sie konnten plötzlich nicht mehr essen?

Lebert: Ja. Es hat vor etwa zwei Jahren angefangen, in einem Lokal, wo ich mit Freunden war. Schon auf dem Weg dorthin bin ich von einer großen Kälte erfasst worden. Ich habe das Gefühl gehabt, die Kälte kriecht in mich hinein. Was dann auch seinen Weg in diesen Roman gefunden hat: die Frage, wie man der Kälte begegnen kann. An dem Abend habe ich mir aber noch gar nicht so viel dabei gedacht. Doch als in dem Lokal, einem asiatischen Restaurant, der Reis gebracht wurde, konnte ich nichts essen. Es ging mir fürchterlich, ich bin dann nach Hause und habe mich ins Bett gelegt. Aber am nächsten Morgen ist es so weitergegangen. Ich habe das Essen verweigert, der ganze Schluckprozess war schwierig. Das war wohl ein Ausdruck dafür, dass ich einfach nicht mehr wollte. Als ich schließlich nur noch 47 Kilo gewogen habe, bin ich in die Klinik gegangen.

 "Als ich nur noch 47 Kilo gewogen habe, bin ich in die Klinik gegangen."

ZEITmagazin: Konnte man Ihnen dort helfen?

Lebert: Ja. Ich glaube, es ist wichtig, dass man für eine Zeit herausgenommen wird aus seinem alltäglichen Leben. Und es ist eine Erleichterung, wenn man auf Gleichgesinnte trifft, bei denen man sich nicht erklären muss, weil alle dort angezählt sind. Andererseits gibt es auch die große Gefahr, dass man sich dort eine Art Heimat schafft, sodass man nicht mehr in das richtige Leben zurückkann. Aber ich bin den Menschen in der Klinik Tiefenbrunn sehr dankbar. Sie haben mich bewahrt.

ZEITmagazin: Wie haben die das geschafft?

Lebert: Mit großer Beharrlichkeit. Man hat mich bei den Mahlzeiten begleitet, immer war jemand da, der mit mir aß und mir geholfen hat, dass ich das Essen nicht als ein »Zuviel« empfand. Und ich bekam allmählich das Gefühl, es wert zu sein, dass mein Körper am Leben erhalten wird, und dass das Essen natürlich ein entscheidendes Element dabei ist.

ZEITmagazin: Verspürten Sie Hunger?

Lebert: Nein.

ZEITmagazin: Wie lange waren Sie in der Klinik?

Lebert: Dreieinhalb Monate.

ZEITmagazin: Haben Sie während dieser Zeit geschrieben oder sich Notizen gemacht?

Lebert: Nein. Man ist dort sehr eingebunden, es gibt einen strengen Tagesplan, was auch gut ist. Außerdem ist die Fantasie ja sehr nah beim Leben, und in der Klinik war ich schon sehr weit weg vom Leben. Erst wenn man dem Leben dann wieder mehr Raum lässt, bekommt auch die Fantasie wieder mehr Raum.

ZEITmagazin: Robert ist unglücklich, seine Begleiter sind es auch. Warum zieht Sie das Unglück so an?

Lebert: Ich glaube, dass man sich ins Unglücklichsein verlieben kann. Das sehe ich bei vielen Menschen meines Alters, die keinen Zugang zu unserer Zeit zu haben scheinen und sehr melancholisch sind. Dieses Unglück unserer Generation ist sehr identitätsstiftend. Und eine Identität ist natürlich erst einmal etwas Gutes. Das habe ich auch in der Klinik wahrgenommen: Das Unglück spielt gerade in einer Zeit, in der es schwierig ist, sich zu positionieren, eine große Rolle. In der Klinik habe ich das tatsächlich als schön empfunden – die Menschen dort konnten sagen: »Wir sind die aus der Klapsmühle!« Allerdings glaube ich, dass es heilsamer ist, mal einen guten Witz zu erzählen, anstatt sich dauernd darüber zu unterhalten, wie schlecht es einem geht.

 "Frauen sind gestalterischer"

ZEITmagazin: Ihr neuer Roman handelt auch von Schuldgefühlen, davon, dass man sich schuldig fühlt, weil es einem schlecht geht, obwohl man eigentlich gar kein Recht dazu hat, weil es anderen ja noch viel schlechter geht. Fühlen Sie sich auch schuldig, wenn es Ihnen schlecht geht?

Lebert: Ich würde es nicht Schuld nennen, sondern Scham. Ich empfinde dem Benjamin gegenüber eine große Scham. Das war schon immer so. Und ich glaube, dass es so oder so ähnlich vielen jungen Männern geht, die sich nicht wohlfühlen. Sie denken, dass sie das eigentlich nicht dürfen, weil es den Generationen vor ihnen viel schlechter ging. Das macht die ganze Sache nur noch schlimmer. Dabei hadern doch so viele junge Männer auch deshalb mit dem Leben, weil sie das nun dürfen. Das müsste man als Freiheit begreifen. Es ist gut, dass man das jetzt mal darf.

ZEITmagazin: Der Soziologe Heinz Bude sagt, ein Grund für die Unsicherheit der jungen Männer sei die Tatsache, dass sie es als erste Generation mit sehr selbstbewussten Frauen zu tun hätten.

Lebert: Frauen gehen mit Unsicherheit anders um, sie zaudern nicht. Männer stehen meiner Empfindung nach den Dingen erst mal staunend gegenüber, ohne etwas zu machen. Bei den Frauen kann man eher ein Ausbrennen beobachten. Die Männer dagegen verweigern sich.

ZEITmagazin: Die Frauen sind in Ihren Büchern in der Regel positiver gezeichnet als die Männer. Sie sind irgendwie reiner, klarer – schöner sowieso. Sie scheinen auch in Ihren Romanen die besseren Menschen zu sein.

Lebert: Frauen würden das anders sehen, denke ich. Aber ich glaube tatsächlich, dass Frauen gestalterischer sind, und das ist schön, finde ich.

ZEITmagazin: Eine weitere Parallele zu Ihren anderen Büchern: Die Hauptfiguren sind wieder auf einer Reise. Sie selbst sind in den vergangenen zehn Jahren sehr oft umgezogen und leben jetzt in Hamburg . Wie wichtig ist das Suchen, die Rastlosigkeit in Ihrem Leben?

Lebert: Ich empfinde jede Form von Innehalten als Illusion. Diese Erkenntnis kann einen ganz traurig und rastlos werden lassen, oder sie kann einem helfen, sich überall eine Heimat zu schaffen. Meistens ist es ja so, dass man Angst hat, in der Welt verloren zu gehen. Für mich geht es darum, das Losgelöstsein als Freiheit zu betrachten. Das ist für mich Heimat.

ZEITmagazin: Für andere bedeutet Heimat eher Geborgenheit.

Lebert: Sie kennen vielleicht dieses Hermann-Hesse-Zitat: »Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.« Das stimmt ja nicht. Ich glaube eher, dass Geborgenheit Freundschaft mit der Reise ist, mit dem, wo man gerade ist. Nicht das Streben nach einem Paradies, egal, ob das in der Erinnerung oder in der Zukunft liegt.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch geht es diesmal auch um den Glauben an Gott.

Lebert: Der Glaube ist, ebenso wie die Fantasie, ein Weg aus der Finsternis. Aber dass der Roman in einer Kirche endet, hat relativ wenig mit der Institution Kirche oder mit dem Glauben an sich zu tun. Ich brauchte einen Ort, an dem die Menschen zusammenkommen und an dem es zum ersten Mal eine Wärme gibt, die aus dem Zwischenmenschlichen entsteht. Einen Ort, an dem man sich in einer Gemeinschaft wohlfühlt und sagen kann: Das ist die Gesellschaft, in der ich überleben kann.

"Humor ist die Feile, die man braucht, um aus dem Gefängnis herauszukommen."

ZEITmagazin: Welche Bedeutung hat der Glaube für Sie?

Lebert: Ich habe eigentlich immer einen Glauben verspürt. Es ist nicht so, dass er mir immer geholfen hätte, aber er war immer präsent. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man nicht an einen Gott glauben kann. Man muss nur eine Straße hinunterschauen oder die Natur betrachten, und man hat einen Gottesbeweis. Überall findet man Gottesbeweise, man muss nur die Menschen betrachten, die sich auf einer Straße bewegen. Die Straße ist ... beseelt, das ist das Wort. David Bowie hat einmal in einem Gespräch mit dem Maler Balthus gesagt, dass die Abkehr der modernen Kunst von der spirituellen Zielsetzung eine Tragödie sei. Das sehe ich genauso. Da Kunst ja im weitesten Sinne immer dem Leben nachspürt, sagt das auch sehr viel über unsere Zeit aus.

ZEITmagazin: Sie sind in einer Journalistenfamilie aufgewachsen, das Erzählen von Geschichten war immer ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens. Wie haben Sie diese Erzähllust als Kind erlebt?

Lebert: Es war natürlich schwierig, eine Stimme zu haben, wenn so viele Geschichten heranrollen. Ich war schon auch begeistert, weil das zum Teil Geschichten waren, die einem Mut gemacht haben, die einen rausgeholt haben aus dem eigenen Sumpf. Geschichten haben ja die Möglichkeit, einen stagnierenden Tümpel mit neuem Wasser zu versorgen, und das ist gut. Andererseits glaube ich, dass ich durch dieses vehemente Geschichtenerzählen in meiner Familie eine Neigung zur Stille entwickelt habe.

ZEITmagazin: Warum?

Lebert: Weil das Wort immer sehr entscheidend gewesen ist bei uns. Damit blendet man aber die Stille ganz aus, die ja auch sehr beredt ist und oft eben noch viel mehr weiß als jedes Wort. Man findet mich am häufigsten an stillen Orten.

ZEITmagazin: Gibt es eine Zeit, von der Sie denken: Da wäre ich besser aufgehoben gewesen als im Heute?

Lebert: Also, um jetzt dem ganzen Gerede von Seele und Gott und Räumen vollends die Krone aufzusetzen, ist es so, dass ich natürlich in der Romantik zu Hause bin. Ich glaube, dass mein Herzschlag dort zu hören ist.

ZEITmagazin: Sie sagten vorhin, manchmal könne ein guter Witz mehr helfen als alles andere. Kennen Sie gerade einen guten Witz?

Lebert: Nein, aber ich habe Gott sei Dank Menschen, die mir einen guten Witz erzählen können.

ZEITmagazin: Wird Humor unterschätzt?

Lebert: Ja, vollkommen. Ihm wird nicht die gebührende Ehre zuteil. Humor ist die Feile, die man braucht, um aus dem Gefängnis herauszukommen.