Es wird ein gemeinsames Europa geben, mit oder ohne Griechenland – und wie immer Europa dann aussieht, wird es kein Jubel umtosen. Die Europäer werden nicht vergessen, wie es zustande kam, und genau dieses Zustandekommen wird Europa endgültig die Idee rauben, das historisch Zwingende, den Sinn des politischen Zusammenschlusses, falls am Ende überhaupt noch etwas davon übrig war.

Der europäische Alltag bleibt vermutlich auch nach einem griechischen Bankrott kommod, und Brüssels bürokratisches Regiment wird andauern, vielleicht mit veränderten Kompetenzen für die Kommission oder den Rat. Als Bürger wird man von europäischen Belangen in Zukunft aber nicht länger unbehelligt bleiben. Denn das neue politische Regime Kerneuropas wird Unfrieden und Zank in die Innenpolitiken seiner Mitgliedsstaaten tragen, es wird neue Gerechtigkeitsfragen aufwerfen, vor allem Debatten über Kosten und Nutzen abgetretener nationaler Rechte.

Europa stellt nicht den Primat der Politik her, sondern es kitzelt den Primat der Innenpolitik hervor. Die Länder werden das Problem der Wettbewerbsverzerrungen untereinander bald wieder vergessen, weil man daran im Rahmen der Krisenbewältigung nichts verändern konnte. Sie werden es bald wieder als naturgegeben hinnehmen. Eine Antwort auf die Frage, wieso man miteinander ist, drängt sich nicht länger auf, für lange Zeit nicht mehr. Die demokratischen Defizite werden bald fühlbar werden, ohne dass man noch die Finanzmärkte dafür verantwortlich machen kann. Das neue Europa ist das heillose Resultat von Politik.

Die Lebenslüge des alten, des Vorkrisen-Europa war die Konvergenztheorie. Wer in den Neunzigern den Euro wollte, stellte den Bevölkerungen in Aussicht, dass Binnenmarkt und gemeinsame Währung den Kontinent gleicher machen würden, durch Wohlstandsverteilung und fortschreitende Rechtsetzung. Und tatsächlich, alle Länder schienen vom Euro zu profitieren, während die Brüssler Gesetzesmaschine geradezu furchterregende Tätigkeitsnachweise vorlegte. Nicht erst seit die Griechen als Prasser und Schummler entlarvt wurden, war allerdings erkennbar, dass die Konvergenztheorie die Wirklichkeit weder abbildete noch beeinflusste.

Statt Nähe fällt nun der Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie ins Auge, in der Kultur, der Wirtschaft, besonders in der Politik. Statt Gleichheit ist den wirtschaftlichen Profiteuren der Entwicklung nun auch noch die politische Macht zugewachsen: ausgerechnet den Deutschen, deren Hegemonie in Europa alle, wirklich alle, verhindern wollen. Binnenmarkt und Recht, die der planenden Vorstellungskraft zugänglichen, die kontrollierbaren Kräfte der Konvergenz, stellten dieselbe nicht her. Wer für mehr Einigungsdynamik ist, der muss den alten, brüchigen Rechtsrahmen mit völkerrechtlichen Verträgen abstützen, um ihn nicht ganz neu zu zimmern. Weitere Übertragungen von Souveränitätsrechten folgen darauf. Das reibt sich mit den Verfassungen der Nationen. Dort wird diese Reibung ausgeschlachtet werden, in allen europäischen Ländern. Brüssel wird stabiler, die Innenpolitiken der Länder im selben Maß instabiler.

Man dachte, man könnte Europa nach Analogie eines Staates bilden, eines ganz schwachen, ultraföderalen, eines Staatenbundes. Man dachte sich Integration als ein sich ausdehnendes Universum politischer Repräsentativität, als ein Dombau übernationaler Gremien, die alle von unten herauf und stabil durch unzerreißbare "Legitimitätsketten" ( Jürgen Habermas ) zusammengezurrt wären. Wer aber europapolitisch tatsächlich Fakten schafft, ist ein kleiner Kreis. Seine Mitglieder rekrutieren sich aus Regierungschefs (manchmal treten Finanzminister, Staatssekretäre und Berater hinzu) und einer Handvoll Eurokraten. Niemand weiß, bis wohin ihre Kompetenzen wirklich reichen.

Jetzt werden überwunden geglaubte Nationalcharaktere wieder sichtbar

Sie rechtfertigten ihr Handeln mit Zeitdruck. Es war ein Märchen, dass dieser Zeitdruck von den Finanzmärkten ausgelöst wurde. Es ist in Wirklichkeit der Druck derer, die eine Chance haben, unter solchen Bedingungen ihre Interessen durchzusetzen. Im Kreis der Entscheider herrscht keine Gleichheit, sondern das Recht der stärkeren Wirtschaftsnation. Nicht einmal magisches Denken kann diese Führung Europas noch mit so etwas wie Volkssouveränität in Verbindung bringen. Die faktische Regierung Europas ist dem "europäischen Gemeinwohl" verpflichtet und den nationalen Eigeninteressen zugleich. Das schillert ungut – und wird so bleiben.