So viel Harmonie in der Empörung war noch nie. Christian Krachts Roman Imperium , so schreiben die Kritiker einmütig, betreibe ein Spiel, wie man es klüger und eleganter kaum spielen könne. Am Ende löse sich alles auf in Wohlgefallen, in das perlende Parlando eines grundvergnügten Erzählers. Ein "Abenteuerroman", lobt Elfriede Jelinek , einfach köstlich.

Ja, August Engelhardt, der Held des Romans, erlebt viele Abenteuer. Er ist eine zarte Seele aus Nürnberg , ein Neuheide und Sonnenanbeter, aber weil er es im wilhelminischen Deutschland nicht länger aushält, will er ganz weit weg, in die Südsee. Schön wird es nicht. Wenn er auf seiner Reise nicht verhöhnt, verachtet oder verprügelt wird, dann wird er bestohlen, betrogen und belogen. Kaum in seinem Paradies angekommen, wird er höllisch übers Ohr gehauen, und bald geht es mit ihm bergab. Dann kommt der Erste Weltkrieg, dann der Zweite Weltkrieg, dann werden die europäischen Juden vergast, und die unschuldige deutsche Seele verliert ihre Unschuld. Die Menschen, denen Engelhardt in seinem Leben begegnet war, ersaufen auf hoher See oder werden standrechtlich erschossen. Nach Kriegsende finden US-Marines den uralten Engelhardt in einer Erdhöhle, und später macht Hollywood daraus einen Film, der zeigt, wie die Vorhut des siegreichen Imperiums einen verrückten Deutschen findet. So schnurrt alles in einer Endlosschleife zusammen. Der Roman schließt mit der ersten Szene des Films, der wiederum die erste Szene des Buches wiederholt: wie Schiffspassagiere, ermattet vom englischen Bier, von einem malaysischen Boy geweckt werden...

Das also sind die lustigen Abenteuer des Helden Engelhardt; der Berichtszeitraum des Romans umfasst die blutigste Epoche der Weltgeschichte mit Hekatomben von Toten. Alles nur ein Potpourri der Stimmen, mit Märchen, Satire, aber ohne tiefere Bedeutung? Alles nur der Äthergeist der Ironie?

Natürlich nicht, es wäre unterm ästhetischen Niveau von Imperium . Schon die Stimme des Erzählers ist verdächtig, mal tönt sie ironisch, mal sehr vernünftig, mal komödiantisch verschmitzt. Aber wer spricht hier eigentlich? Ein gnostischer Sonnenanbeter wie Engelhardt ? Keineswegs. Der Erzähler gibt sich ganz offen als Zivilisationsliterat zu erkennen ("Wir Nichtgnostiker"), als Angehöriger jener vernünftigen, siegreichen, fortschrittlichen und christlichen "Moderne", der sich der verrückte Engelhardt – "unser Sorgenkind" – leider habe "entziehen" wollen.

Das ist ein gut platzierter Wink. Ironisch gibt er dem Leser zu verstehen, dass Ironie nicht das Formprinzip des Romans ist, sondern nur das Formprinzip der im Roman erzählten Geschichte – also der Geschichte vom Sieg des Coca-Cola-Imperiums über den deutschen Spinner Engelhardt. Die Ironie, heißt das, ist der Jargon des Hegemons.

Kracht benutzt hier einen schönen romantischen Kniff. Er lässt die Ironie ironisch werden, sie wendet sich gegen sich selbst, oder um in der Sprache des Romans zu bleiben: Sie "kannibalisiert" sich. Diese Ironisierung der Ironie macht das Buch zum Vexierbild. Denn wenn Ironie die Herrschaftssprache der westlichen Sieger ist, dann vertauschen sich die Vorzeichen, und dann muss der Leser fragen: Sind die Verrückten gar nicht verrückt? Und sind die Zivilisierten die wahren Barbaren?

Das betrifft natürlich zuerst den armen Engelhardt, der einen Fußtritt nach dem anderen einstecken muss. Meist sind es verschlagene Engländer, die ihm übel mitspielen, wahlweise auch verschlagene "Yankees" oder englisch sprechende Insulaner, die ihm sein Hab und Gut stehlen, oder auch verschlagene Händler-Deutsche, die sich benehmen wie verschlagene Engländer. Und wo Engelhardt, der geborene Verlierer, auch hinkommt – die maritimen Sieger England und Amerika haben bereits ihre Spuren hinterlassen und das Paradies entzaubert. Big Business ist überall, und selbst auf seiner Trauminsel Kabakon ist Engelhardt auf die Dienste eines englischen Flaschenabfüllers angewiesen. Und wenn der Spökenkieker einen Albtraum hat, dann erscheint ihm England, die Mutter des Imperiums.