Der Denker ist sichtlich in die Jahre gekommen. Wohl nirgendwo sieht Rodins berühmte Skulptur so seltsam gestrig aus wie gerade hier, vor der roten Sandsteinfassade der Kunsthalle Bielefeld. 1968, als dieser atemberaubend elegante und weltmännische Bau eröffnet wurde, hatte man Auguste Rodins Denker (1902/03) eigens erworben, um ihn – als Schutzheiligen gleichsam – vor dem neuen städtischen Museum zu exponieren. Doch dieses Meisterwerk wirkt hier deplatziert. "Er sitzt versunken und stumm, schwer von Bildern und Gedanken", hat Rilke einmal über Rodins Figur geschrieben, und genau daraus resultiert die formale Entfremdung zwischen dem Museumsgebäude und seiner Galionsfigur: Denn dieses ikonische Bauwerk der Nachkriegsmoderne ist zwar voll mit Bildern, aber eben alles andere als "schwer von Bildern". Es besitzt, bei aller Monumentalität, eine erstaunliche Leichtigkeit, fast Heiterkeit in seiner Gestalt, eine wohltuende Kühle und Geradlinigkeit, die in schärfstem Kontrast zum zerklüfteten Muskelgebirge des Denkers steht. Zweieinhalb Jahrtausende europäischer Geschichte scheinen diesem auf den Schultern zu lasten. Das Museum dagegen bietet sich als ein Ort der Befreiung dar, der Entlastung. Es gibt nicht viele Häuser in Deutschland, die sich so sehr zum Betrachten von Bildern eignen wie die Kunsthalle Bielefeld.

Philip Johnsons spektakulärer Solitär war 1968 einer der ersten Museumsneubauten in der wirtschaftlich florierenden BRD. Der Bielefelder Großunternehmer Rudolf August Oetker hatte dieses Meisterwerk des amerikanischen Architekten initiiert und finanziert. In ihrer baulichen Gestalt wie in ihrer geistigen Ausrichtung, mit ihrer spezifischen Sammlung wie mit ihrer Geschichte ist die Bielefelder Kunsthalle als ein (selbst)bewusstes Werk des Wiederaufbaus und des Neubeginns zu verstehen. Als Johnson zu Beginn der sechziger Jahre erstmals nach Bielefeld kam, um das Bauareal in Augenschein zu nehmen, standen dort noch Ruinen aus dem Zweiten Weltkrieg herum. Schrecken und Zerstörung waren damals, als Bezugspunkt des Handelns, greifbar nah – auch in der noch jungen und bescheidenen, nun aber rasant wachsenden Sammlung des 1927 gegründeten Museums.

So hatte man umgehend nach Kriegsende den von den Nazis entlassenen Leiter des städtischen Kunsthauses wiedereingestellt. Und man begann mit Nachdruck und hohem Tempo, von den mittleren fünfziger Jahren an ebenjene Kunst der klassischen Moderne zu sammeln, die im "Dritten Reich" verfemt und als entartet auch in relativ großer Zahl aus dem Bielefelder Museum entfernt worden war, die Malerei des deutschen Expressionismus vor allem, mit besonderem Augenmerk auf den Brücke-Kreis und auf westfälische Künstler. Bis heute bildet die expressionistische Malerei neben der überaus exquisit vertretenen Plastik der klassischen Moderne den Kern der Sammlung.

Zahlreiche Meisterwerke sind hier zu finden: Emil Noldes glühend-grausame Männerköpfe von 1912 etwa, in ihrer Mischung aus Mummenschanz und Götterdämmerung, oder Erich Heckels Rote Häuser (1908) aus Dangast, die zwischen Himmelblau und Wiesengrün ihren vulkanischen Ursprung verraten. Niemals aber wird man Conrad Felixmüllers albtraumartige Kinderbewahranstalt von 1924 vergessen, wenn man ihr einmal gegenüberstand: ein beklemmender Ort des Schreckens und der Gewalt, zu dem blutig rote Fußspuren im Schnee hinführen, davor ein Kind, das uns in dröhnendem Schweigen anstarrt, drohend und klagend zugleich. Mit dem Sämann von Christian Rohlfs konnte 1982 schließlich sogar ein Gemälde zurückgeholt werden, das 1937 von den Nazis im Kunsthaus beschlagnahmt worden war.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/​Bongarts/​Getty Images

Daneben sind im Lauf weniger Jahren viele andere kapitale Werke der klassischen Moderne nach Bielefeld geholt worden, darunter eindrucksvolle Solitäre von Max Beckmann, Robert und Sonia Delaunay, von Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer oder LászlÓ Moholy-Nagy. Der rapide, das nordrhein-westfälische Wirtschaftswunder begleitende Ausbau der Sammlung hat sich tatsächlich, mit dem glücklichen Bau von Philip Johnson, zum so gut wie voraussetzungslosen Bielefelder "Museumswunder" gefügt. Und als von den siebziger Jahren an die Klassiker nicht mehr erschwinglich waren, wandte man sich – mit kaum minder glücklicher Hand – der Gegenwartskunst zu, von Konrad Luegs "kapitalistischem Realismus" bis zu den Fotoarbeiten Hiroshi Sugimotos. Gibt es ein größeres ästhetisches Vergnügen, als die Großformate von Kenneth Noland (Green Dolphin, 1965) und Frank Stella (Khurasan Gate I, 1968) im eleganten Foyer des Johnson-Baus zu sehen? Wohl nicht zuletzt deswegen hat Yoko Ono noch jüngst die Bielefelder Kunsthalle als "das schönste Museum der Welt" bezeichnet. Und dieses Mal möchte man sogar der Frau zustimmen, die die Beatles auf dem Gewissen hat.

132