Es ist schon erstaunlich, was man über die Wirtschaft lernen kann, wenn man den Tag an der Rua Vinte e Cinco de Março verbringt. Genau genommen muss man ab drei Uhr morgens auf dieser Einkaufsstraße im Herzen von São Paulo herumsitzen und das wilde Durcheinander der Straßenhändler verfolgen. Vor Sonnenaufgang werden die großen Warenbündel gehandelt: gefälschte Calvin-Klein-Parfüms in Styrofoam-Verpackungen, Blöcke raubkopierter Kassetten voll evangelisierender Musikmischungen, nachgemachtes Markenspielzeug, kistenweise kopierte DVDs. Später kommen noch Straßenverkäufer, die aus China stammen. Dann armselig dreinblickende Bettler, die Waren loswerden, indem sie an das Mitleid der Berufspendler appellieren. Alles Profis. Sie kommen Schicht um Schicht.

"Piratenmarkt" – so hat der amerikanische Journalist und Autor Robert Neuwirth dieses Durcheinander in São Paulo getauft: den Handel mit gefälschten, geschmuggelten oder raubkopierten Waren auf der Straße. Der Großteil dieser Geschäfte verstößt zwar in Brasilien gegen geltendes Gesetz, andererseits ernährt er Leute wie Èdison Ramos Dattora. "Es ist ein Job wie jeder andere auch", sagt der, "mit den gleichen Zielen, nur anders ausgeführt." Er hat ihm jedenfalls einen bescheidenen Wohlstand beschert. Èdison besitzt jetzt eine Wohnung im Zentrum und noch ein Haus im Vorort zum Vermieten, und er hat auch ein Bankkonto und eine Kreditkarte. Das Piratendasein hat sich für ihn gelohnt.

Für den Buchautoren Neuwirth sind Èdison und die anderen Straßenhändler von São Paulo zugleich auch Pioniere einer neuen Zeit. "Es gibt da draußen eine andere Volkswirtschaft", steht ganz vorn in seinem Buch Stealth of Nations , und dann folgen weitere große Worte. "Sie steht außerhalb des Gesetzes, ist aber dennoch eng verknüpft mit der legalen anerkannten Geschäftswelt. Sie basiert auf kleinen Verkaufsmengen und winzigen Profitmargen. Doch sie erzeugt, zusammengenommen, eine gewaltige Menge Wohlstand."

Neuwirth findet: Nach Umsätzen und Gewinnen müsse man die Schattenwirtschaft längst als Big Business betrachten. Vor allem aber erreiche diese Art von Geschäften Menschen, die in den regulären Formen von Unternehmertum und Beschäftigung niemals eine Chance hätten. Die Schattenwirtschaft bekämpfe die Armut – milliardenfach.

Natürlich ist das eine besonders gewagte These. Und sobald man tiefer in das Buch einsteigt, fällt auf, dass der Autor den Mund ein wenig voll genommen hat: Nicht alles, was er da zu einer gewaltigen Wirtschaftsmacht zusammenrechnet ("1,8 Milliarden Jobs!"), ist, streng betrachtet, wirklich eine illegale Form des Wirtschaftens. Manchmal geht es ihm einfach nur darum, dass gewitzte Händler abseits der etablierten Vertriebswege kleine Mengen von Elektro- oder Modeprodukten oder Autoersatzteile um die Welt verschiffen, etwa zwischen Afrika und China. Sie erreichen damit dankbare Kundengruppen, die von den großen Konzernen und Handelsgruppen vergessen worden sind. Zur Schattenwirtschaft rechnet Neuwirth auch viele Arten von Mikro-Unternehmertum, das eigentlich legal ist, wo aber kein Gewerbe angemeldet wird, wo keine Steuern fließen und keine Sozialversicherung gezahlt wird.

All das fasst der Autor als "Ökonomie der Hoffnung", die schneller wachse als jeder andere Teil der Wirtschaft und in der – besonders für ärmere Menschen – die meisten Jobs der Welt entstünden. Die Schattenwirtschaft sichere gerade in Krisenzeiten das Überleben der Armen. Sie sei ein Hort flexibler, solidarischer, kreativer Geschäftsorganisation, von der sich mancher träge Großkonzern mal eine Scheibe abschneiden könne.

Auf jeden Fall weiß der Autor, wovon er schreibt. Er ist um die Welt gereist und hat sich die Schattenwirtschaft angesehen. Im südchinesischen Guangzhou Dashatou Secondhand Trade Center hat er sich mit einem Mann namens Chief Arthur Okafor getroffen, der Kopien von Markenprodukten verkaufte, aber Kritik gleich abblitzen ließ: Das seien gar keine Fälschungen, oh nein, "das sind alles echte Kopien". Er war auch mit Schmugglern im Bus nach Paraguay unterwegs, hat sich in Untergrund-Computerwerkstätten in Nigeria herumgetrieben, sogar vor der heimischen Haustür in Brooklyn hat er sich umgeschaut, in unangemeldeten Snack-Manufakturen für den Straßenverkauf. Alles spannende Geschichten.