ZEIT: Was danach folgte, war perfekt geplant?

Wille: Ich hatte vor allem Glück – dass der MDR nach Leipzig kam. Ich habe das in der Zeitung gelesen und dachte: Bewirb dich! Also habe ich einen Brief geschrieben: Ich bin hier aus dem Osten, ich kann das! In bürokratischstem, hölzernem Ost-Deutsch. Den Brief habe ich noch.

ZEIT: Vor der Intendantenwahl galt Ihre Karriere als DDR-Juristin als Problem. Teile Ihrer Dissertation wurden in der Presse als ideologisch kritisiert. Hätten Sie diese Debatte erwartet?

Wille: Ja, nur gewiss nicht in der Intensität. Mir war klar, dass ich in den Gremien würde Stellung nehmen müssen: Wer bin ich, woher komme ich, was war meine Rolle im SED-Staat? Aber dass man diese Auseinandersetzung publizistisch führte, ohne zuvor die andere Seite dazu zu hören, fand ich unfair.

ZEIT: Was hätten Sie erwidert?

Wille: Es wurde zum Beispiel behauptet, ich hätte meine Dissertation verborgen gehalten. Unsinn! Als ich vor zehn Jahren von der Uni Leipzig zur Honorarprofessorin für Medienrecht berufen wurde, habe ich zuvor meine Arbeit einschätzen lassen müssen. Sie lag auf dem Tisch.

ZEIT: Ihr Thema: Rechtsverkehr in Strafsachen.

Wille: Ja, Ausländerkriminalität. In den siebziger Jahren kamen immer mehr Werktätige ins Land, und die DDR-Bürger konnten selbst ein Stück reisen. Es passierten Unfälle, es gab Diebstähle und Fälle von Körperverletzung. Wie geht man damit um? Die DDR hat das unter dem Deckel gehalten. Ausländerkriminalität, darüber konnte man ja kaum sprechen.

ZEIT: Es gab aber einen ideologischen Überbau.

Wille: Gewiss habe ich gelernt, dass das Recht das Instrument der herrschenden Klasse sei. Und ich habe erst später begriffen, dass Recht auch Macht binden muss. Ich verstand dann erst, dass es in der DDR keine Verwaltungs- und Verfassungsgerichtsbarkeit gab, weil kein Staat gebunden werden sollte.

ZEIT: Haben Sie auch sich selbst hinterfragt?

Wille: Natürlich. Ich habe nicht nur meine Promotion noch einmal gelesen, sondern auch mein Leben in der DDR wieder und wieder reflektiert. Ich grübelte: Gibt es da Dinge, die ausschließen, dass du Intendantin werden kannst? Insofern war es eine sehr intensive Lebensphase für mich.

ZEIT: Wenn es das Ziel war, Ihnen mit Kritik an Ihrer Ost-Biografie zu schaden, muss man beinahe sagen: Das Gegenteil ist eingetreten.

Wille: Falls man suggerieren wollte, dass diese Frau untragbar wäre, hat man das offensichtlich nicht geschafft. Stattdessen fragten die Leute hier: Was wissen die von unseren Biografien? Ich finde, jeder der einst 17 Millionen DDR-Bürger hat das Recht auf eine historische und differenzierte Betrachtung seiner Biografie. Ich bekam viel Post, auch von West-Kollegen: Ich solle mich nicht einschüchtern lassen. Viele Menschen sagten mir: Frau Wille, jetzt fallen Sie mal nicht um! Irgendwann dachte ich selbst: Also, so nicht. Ich bin keine Juristin mit zweifelhafter Vergangenheit.

ZEIT: Dass man sich die DDR-Biografie einer potenziellen Intendantin genauer ansieht, versteht sich aber doch von selbst.

Wille: Ja, selbstverständlich will man wissen, wer diese Ost-Frau ist. Aber mich hat überrascht, wie pauschal man mich verurteilt hat. Wir sind noch ein gutes Stück entfernt von dem, was wir mit dem Fernsehprogramm anstreben: die differenzierte Beurteilung von Geschichte. Ich wünsche mir ja, dass man hinschaut. Aber bitte auch ganz genau: Was sind das für Leute, wie kamen sie klar mit dem System?

ZEIT: Immerhin musste man für das Jurastudium vorgeschlagen werden …

Wille: Richtig, man ließ keine Oppositionellen Jura studieren. Und ich war keine Oppositionelle – ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich sei immer gegen das System gewesen. Ja, ich war in der SED. Ich verschweige das auch nicht. Sie müssen wissen: Ich bin da mit 18 Jahren eingetreten! Ich komme aus einem Elternhaus, das dieses System mitgetragen hat. Ich habe wirklich geglaubt, die Ideale des Sozialismus seien die richtigen.

ZEIT: Muss Ihnen das leidtun? Frühere Bürgerrechtler fordern ja eine Entschuldigung.

Wille: Es stimmt ja, dass man als Jurist staatstragend war. Natürlich tut mir im Nachgang vieles leid, das in der DDR passiert ist. Ich persönlich muss mich aber auch fragen: Hast du etwas konkret zu verantworten, hast du als Juristin einem Menschen persönlich geschadet? Und da kann ich nur sagen: Nein, das habe ich nicht. 

ZEIT: Nichts also, für das Sie sich zu entschuldigen hätten?

Wille: Doch, in gewisser Weise: für das System. Das System hat Unrecht produziert.

Manchmal, wenn Wille nachdenken will, schaut sie wieder ins laufende Programm. Da zwängt sich gerade Madeleine Wehle durch das 92- Meter-U-Boot aus dem Kalten Krieg. Und ruft dessen Besitzer zu: »Herr Angermann, Sie haben nicht geflunkert! Das ist ein Kaventsmann!«