Heute sollten wir ihn sehen. Endlich würde er sich zeigen: der große Unsichtbare der DDR , der Schöpfergott des Mosaik von Hannes Hegen . Kein Menschenauge kannte ihn, der 1957 Dig, Dag und Digedag erschaffen hatte. Verborgen blieb er auch, nachdem seine welt- und zeitreisenden Kobolde 1975 in einer Fata Morgana verschwunden waren. Warum? Das Volksgerücht wusste, Hannes Hegen sei gestorben. Oder im Westen?

Falsch, beides. Johannes Hegenbarth , so sein bürgerlicher Name, wandelte mitten unter uns. Nur offenbarte er sich nie. Im Jahr 2010 sandte ich ihm einen Brief. Flehentlich erbat ich ein Gespräch. Keine Antwort. Ich klingelte an der mythischen Berliner Villa. Ich brüllte wie ein liebesblöder Trottel seinen Namen. Nichts. Doch nun war sein Erscheinen annonciert – in Leipzig . Hegenbarth, nunmehr 86 Jahre alt, hat dem Zeitgeschichtlichen Forum seine Schätze geschenkt, einen Vorlass von 35.000 Artefakten.

Etliches davon zeigt die Ausstellung Dig, Dag, Digedag. DDR-Comic Mosaik . Vorfreudig angereist, griff ich zur Leipziger Volkszeitung . Die Seite drei war nicht Syrien , Griechenland oder Bundespräsident Gauckwulff gewidmet, sondern Hegenbarths Epochenschau, auf deren Eröffnung sich der Stifter mächtig gefreut habe. »Doch vor wenigen Tagen ist er sehr schwer gestürzt, an eine Reise nach Leipzig ist derzeit nicht zu denken.« Schock! »Dräger hat dagegen zugesagt.«

Dräger. Hegenbarths Copilot, der lange verschwiegene Autor. Lothar Dräger entwarf mit dem Chef die Bilderzählungen, die ein Zeichnerkollektiv realisierte. Eingeweihte wussten das. Ihre Zahl hat sich erhöht, seit 2008 Matthias Friskes Buch Die Geschichte des MOSAIK von Hannes Hegen erschien und 2010 Mark Lehmstedts Die geheime Geschichte der Digedags: eine Kulturgeschichte der DDR, weit über das Mosaik hinaus. Wie war es möglich, dass im SED-Staat der Unternehmer Hegenbarth eine Comic-Zeitschrift fabrizierte, deren Auflage 1975 monatlich 600.000 Exemplare betrug? Am Mammon lag’s. Mosaik war die Geldkuh des Verlages Junge Welt und alimentierte dessen ideologische Drucksachen.

Generationen von Ostlern – nein: Orientalen – sind mit dem Mosaik aufgewachsen und durch politisch versagte Traumwelten gereist. Mit den Digedags waren wir im alten Rom und auf dem Planeten Neos, am Versailler Hof Ludwig XIV . und im amerikanischen Süden des US-Bürgerkriegs. Ewige Legenda aurea des Mosaik bleibt die Runkel-Serie: 1284 begaben wir uns, via Venedig und Byzanz, auf orientalische Schatzsuche, in Begleitung des Ritters Runkel von Rübenstein. Die Reise währte fünf Jahre, von Heft 90 (Mai 1964) bis Heft 151 (Juni 1969). Wir widerlegten die Ritterregel: »Ein Ritter, der den Weg nicht kennt, kommt niemals in den Orient.« Und notorisch verhohnepipelt wurde das Militär.

Mosaik ist das Volksmärchenbuch der Ostdeutschen, der Baedeker ihrer kindlichen Träume. Und die Westler? Hier gebe es eine innerdeutsche Grenze, sagte zur Eröffnung Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte. Im Westen habe man Mosaik schlicht nicht gekannt. Er sei nicht mit dem Rübensteiner, sondern einem Comic-Ritter namens Sigurd aufgewachsen. Mitleidig seufzte das Publikum im völlig überfüllten Saal. Die Kuratorin Kornelia Lobmeier nannte Mosaik einen Spiegel der DDR-Geschichte. Umgeben von Ideologie habe es den Leser in scheinbar politikferne Welten entführt.

Nun aber sprach die Liebe. Rainer Eckert, der Chef des Zeitgeschichtlichen Forums, besitzt sämtliche Hefte. Er pries die antike Römer-Serie, er verteidigte die grüngesichtigen Agenten des Großneonischen Reichs, er kritisierte Mutawakkel, das vergoldete Hofkrokodil von Byzanz, er rühmte den Chor der Schmeichler, der zur Hochzeit Kaiser Andronikus II. dessen Braut Irene von Thessalonien besang: »Wo gab’s jemals solch ein Mädel, / das so gut war und so edel, / das so edel und so gut / und darum nur Gutes tut!« Derlei Scharaden waren subversive Brüller in Ulbrichts Personenkultstaat. Dann aber klagte Eckert sich selbst an. Der Tag sei gekommen, seine Schande zu gestehen: Er habe in jungen Jahren schadhafte Mosaik -Exemplare mit Leukoplast geflickt. Sogar Nadel und Faden bohrte er in die Leiber der heiligen Hefte.