Die Flutwelle rollt täglich über die Büros hinweg, verschlingt Zeit und begräbt Menschen. Jeder, der einen Finger hat, um zu tippen, und einen Kopf, um nicht zu denken, lässt seine geistigen Ergüsse per E-Mail auf die Firma regnen. Frei nach Einstein : Es gibt nur zwei Dinge, die unendlich sind – das Universum und der E-Mail-Verteiler . Jede Lappalie wird zum Vorgang aufgebauscht. Wer mit der Nachbarabteilung zanken will, schreibt eine Mail und holt sich per Verteiler sein Publikum in die Arena. Die Gewissheit, dass so viele Menschen den Mailwechsel verfolgen, spornt ihn zu einer Schaukampf-Rhetorik an. Es geht nicht um die Sache, nur um den Applaus des Publikums.

Sogar Vorgesetzte halten es für richtig, Mails mit Riesenverteilern für sich sprechen zu lassen, etwa wenn sie einen Strategiewechsel verkünden wollen. Dabei sind sie mitunter optimistisch genug, davon auszugehen, dass ihre Worte in die Köpfe und nicht direkt in den virtuellen Papierkorb wandern.

Warum setzt sich jeder, statt mal eben ins Nachbarbüro zu gehen, vor seinen PC und hämmert eine Mail in die Tasten? Sogar ein Anruf wäre oft die bessere Wahl, denn ein Gespräch vermittelt Botschaften auch über die Stimme, baut eine Beziehung auf und ermöglicht spontane Rückfragen. Eine Mail begünstigt nur: lange Mailwechsel .

Mails sind kein Führungs-, nur ein Verführungsinstrument. Zur Geschwätzigkeit verführen sie, denn die meisten sind überflüssig. Und zur Schlampigkeit verführen sie, denn die fehlerhafte Orthografie geht oft mit Formulierungen einher, die für Missverständnisse viel Raum lassen .

Hat mal jemand ausgerechnet, was es die Firmen kostet, wenn Mitarbeiter und Manager jeden Tag Dutzende überflüssiger Mails lesen? Ist mal jemand auf die Idee gekommen, mailfreie Tage einzuführen? Oder die Kostenstelle der Abteilung, aus der sie verschickt werden, mit 0,25 Euro zu belasten? Und gibt es Mitarbeiter, die noch diszipliniert genug sind, ihren Tag nach der Wichtigkeit ihrer Arbeiten und nicht nach zufällig eingehenden Mails zu strukturieren?

Wir brauchen einen Damm der Vernunft, der die E-Mail-Flut stoppt. Nur dann mailen, wenn es wirklich sein muss. Nur denjenigen in CC nehmen, der es wirklich wissen muss. In einer sprachlichen Qualität mailen, die auch einen Brief getragen hätte. Und vor allem: mit Menschen sprechen – statt nur Mails sprechen zu lassen.