Jetzt wird es spannend. In Chile enden in diesen Tagen die Semesterferien, die Kurse an den Universitäten beginnen wieder. 2011 war das Jahr der weltweit beachteten Proteste gegen eine Bildungspolitik, die diesen Namen nach Ansicht vieler Schüler und Studierenden nicht verdient, weil die Qualität der Ausbildung immer noch eine Frage des Geldes sei. Die Regierung verteidigte ihre Linie mit dem Einsatz von Wasserwerfern gegen die Massen auf der Straße.

Und jetzt? »Wir müssen dafür sorgen, dass sich in diesem Jahr mindestens so viele Studierende an der Bewegung beteiligen wie im Vorjahr«, sagt Daniela López. Sie ist 25 Jahre alt, studiert Jura im fünften Studienjahr und ist Präsidentin der Studentenvereinigung der Universidad Central de Chile in Santiago. »Ein mittel- bis langfristiges Ziel ist es, die Struktur des Bildungssystems zu verändern.« In Chile herrsche immer noch ein Klassensystem. »Die Mächtigen im Land schicken ihre Kinder auf Privatschulen, die Klassen mischen sich nicht.«

Dass die Unterschiede in der Gesellschaft groß sind, bestätigen auch internationale Studien. Der Gini-Koeffizient, der diese Ungleichheit misst, liegt in Chile bei 0,55. Damit zählt Chile zu den Ländern, die von hoher sozialer Ungleichheit geprägt sind. Dies ist ab einem Wert von 0,5 der Fall. In der OECD liegt er im Schnitt bei 0,32, in der Europäischen Union bei 0,31.

Rund drei Viertel der Studenten besuchen private Universitäten. Und an diesen herrschen noch deutlich repressivere Bedingungen als an den »traditionellen« (also staatlichen) Universitäten. Sebastián Pérez, 23 Jahre alt, studiert Theater im fünften Semester an der Universidad Mayor. An seiner Universität gibt es – wie an den meisten anderen privaten – keine Studentenvereinigung. Die Satzung verbietet zwar nicht explizit das Engagement der Studenten, aber in den vergangenen Monaten und Jahren sei es immer wieder vorgekommen, dass Studierende, die Organisationen gründen wollten, von Professoren eingeschüchtert worden seien, berichtet Pérez. »Wir an den privaten Universitäten liegen meilenweit hinter den traditionellen Universitäten zurück, die seit Jahren Wahlen abhalten und Vertreter haben. Eine Camila Vallejo etwa, die an einer traditionellen Universität eingeschrieben ist, kann sagen, was sie will, ohne dass sie deswegen Konsequenzen für ihr Studium fürchten muss. Bei uns ist das anders.«

Camila Vallejo ist Chiles prominenteste Studentin. Sie war im vergangenen Jahr Präsidentin der Studentenvereinigung ihrer Universität, der Fech (Federación de Estudiantes de la Universidad de Chile) und Sprecherin der überregionalen Confech (Confederación de Estudiantes de Chile). Während Vallejo auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Europa für einen politischen Wandel in Chile wirbt, arbeiten ihre Kommilitonen zu Hause weiter.

Beteiligt haben sich an den Protestaktionen im vergangenen Jahr Studenten sowohl der privaten als auch der staatlichen Universitäten. Sie vereint die materielle Not: Die Privaten finanzieren sich vor allem durch die Studiengebühren, erhalten zum Teil aber auch öffentliche Zuschüsse. Doch sogar die staatlichen Unis erhalten lediglich ein Viertel ihres Einkommens vom Staat – und sie sind somit fast genauso stark von den Studiengebühren abhängig. Die ohnehin schon knappen Mittel fließen deshalb auch in Öffentlichkeitsarbeit. »Das sind enorme Ausgaben«, betont Nataly Espinoza. Sie ist 26 Jahre alt, studiert Informatik für das Bauingenieurwesen an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso und war im vergangenen Jahr Präsidentin der Studentenvereinigung ihrer Universität. »Die Universidad de las Américas beispielsweise wendet 60 Prozent ihres Einkommens für Werbung auf. Sie verkaufen Träume eines sozialen Aufstiegs, der in Chile nicht möglich ist.«

Zum finanziellen kommt das Problem mit der Qualität. »Chile erfüllt nicht die Forderungen der Unesco nach bestimmten Bildungsstandards«, sagt Espinoza. Daniela López von der Universidad Central de Chile ergänzt: »Die Regierung lässt die einzelnen Universitäten selbst festlegen, welche Anforderungen für einen bestimmten Abschluss erfüllt sein müssen. Und die Universitäten evaluieren sich auch selbst.«