Fünf, sechs Schritte braucht der Mann, den wir hier Hartmut Ehlert nennen wollen, um seine Ein-Zimmer-Dachwohnung in Uzwil zu durchqueren, vom beigefarbenen Ecksofa, das nachts als Bett dient, zum Pult, an dem er seit einem Jahr sein Leben niederschreibt: vorbei an den Plastikblumen, den Fotografien seiner beiden Enkeltöchter, dem Foto, das seinen Hund und seine Frau zeigt, mit der er seit 35 Jahren verheiratet ist, die er aber seit 2006 nur alle paar Wochen mal sieht. Seit er sich ins Auto gesetzt und Dresden verlassen hat, um in die Schweiz zu ziehen, in der man ein besseres Leben führt als im Osten Deutschlands. Bei fünf Unternehmen hat er seither gearbeitet, immer wieder war er arbeitslos – die Schweiz hat ihm kein Glück gebracht. Seit sechs Wochen stempelt er wieder. »Abends«, sagt Ehlert, »kann es komisch werden, so alleine dazusitzen. Da ist man mitunter seelisch am Boden.«

RAV-gierige Deutsche, titelte der Sonntagsblick im Dezember 2008, schrieb, die Schweiz sei das Schlaraffenland der Deutschen, die nie mehr wegwollten, wenn sie erst mal hier seien. »Erst recht nicht, wenn sie arbeitslos werden.« Als Beispiel diente der Boulevardzeitung ein arbeitsloser Koch, der angab, mit seinem Arbeitslosengeld, das er sich monatlich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) abhole, super zu leben. Um dieses möglichst lange zu erhalten, bewerbe er sich nur auf Stellen, bei denen er sicher eine Absage kriege.

Ein Blick in die Statistik des Staatssekretariats für Wirtschaft zeigt indes, dass Deutsche seltener Arbeitslosengeld beanspruchen als jede andere Ausländergruppe. Nur gerade 5261 Deutsche waren im Jahresdurchschnitt 2011 in der Schweiz arbeitslos gemeldet, dies entspricht einer Quote von 2,9 Prozent – wenig mehr als die 2,2 Prozent Arbeitslosigkeit unter Schweizern. Die Deutschen sind deutlich besser in den Arbeitsmarkt integriert als Personen aus dem Westbalkan (6,3 Prozent), Portugal (5,4 Prozent), Frankreich (5,4 Prozent), Italien (4,0 Prozent) oder Spanien (3,9 Prozent). Die geschürte Angst, Deutsche würden in die Schweiz und die hiesigen Sozialwerke einwandern, scheint angesichts dieser Zahlen mehr als übertrieben. Jene, die wie Hartmut Ehlert arbeitslos werden, tun sich in der Regel schwer mit ihrem Los. »Es geht mir gegen den Strich zu stempeln«, sagt er. »Ich bin kein Drückeberger, ich lege die Hände nicht in den Schoß – ich will so rasch wie möglich wieder einen Job.«

Nach einem halben Leben im öffentlichen Dienst, erst in der DDR, dann im vereinigten Deutschland, machte sich Ehlert 2004 selbstständig. Er, der einst zum Kfz-Mechaniker ausgebildet worden war, führte ein Unternehmen mit sechs Fahrzeugen, darunter zwei Limousinen, mehrmals erhielt er Aufträge für Staatsbesuche. Seine Fahrer, erzählt er, hätten chinesische Delegationen durch Dresden kutschiert, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, den damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin und den saudischen Kronprinzen durch Berlin. Nach zwei Jahren lief das Geschäft nicht mehr, die Konkurrenten drückten die Preise, Ehlerts Limousinenservice ging bankrott. In der Schweiz wollte er neu anfangen.

Eine Saison lang arbeitete er als Carfahrer, eine unbefristete Anstellung erhielt er nicht; für eine Reisefirma plante er eine Buslinie zwischen Zürich, St. Gallen und Dresden, die Firma wurde insolvent; als Carchauffeur fuhr er Senioren in Restaurants, in denen sie zum Kauf überteuerter Waren gedrängt wurden, nach einigen Monaten kündigte er – »ein Strolch wollte ich nicht sein«; bei einem Carunternehmen in der Ostschweiz arbeitete er zu viel und verdiente zu wenig, die Polizei brummte ihm Bußen auf, weil er die Ruhezeiten selten einhielt. An Heiligabend des Jahres 2010 erhielt er die Kündigung, danach Arbeitslosenunterstützung. Eine Rückkehr nach Deutschland zog er nie in Betracht. »In meinem Alter habe ich keine Chance, drüben etwas zu finden«, sagt er, vor kurzem 57 Jahre alt geworden. Die Arbeitslosenquote in Dresden beträgt 9,3 Prozent.

Im Herbst letzten Jahres gründete Ehlert seine eigene Solar-Firma. Drei Kollegen kamen für den Startkredit auf, als Geschäftsführer sollte er für verkaufte Photovoltaikanlagen entlöhnt werden. Zu einem Abschluss kam es nie, im Januar schied er im Streit aus der Firma. »Nun stehe ich wieder beim RAV auf der Matte«, sagt er. Fast zu jeder Firma, für die er in den letzten Jahren gearbeitet hat, sagt Ehlert: »ein einziger Flop.« An die Zukunft denke er mit gemischten Gefühlen, sagt er, doch resignieren wolle er nicht. »Schon meine Oma hat gesagt: ›Bist du Gottes Sohn, so hilf dir selbst!‹« Mit seiner Frau telefoniert er täglich über Skype, und doch ist sie weit weg und fehlt ihm, in der Schweiz hat er niemanden, an den er sich anlehnen könnte. Wenigstens ein Wochenende im Monat fährt er nach Dresden. »Früher hat es mich nie gekratzt, wenn der Tank leer war«, sagt er. Nun müsse er im Voraus planen, damit er sich das Benzin leisten könne.