Eigentlich hat Hans Glarner mit der Politik abgeschlossen. Der drahtige Mann von 75 Jahren sitzt im braunen Jackett im Wirtshaus Truben am Dorfplatz. Er betrachtet das Bier vor sich und sagt: "Der einsame Tod von Whitney Houston trifft mich mehr als die Zolliker Finanzdebatte."

Man kann seine Enttäuschung von der Dorfpolitik nur erahnen. Zwanzig Jahre lang stand der Freisinnige, Oberst und Inhaber einer Presseagentur, der Gemeinde vor, bis er 2006 in Unfrieden zurücktrat. Und nun beschuldigt man ihn auch noch, für die Misere der Zolliker Finanzen verantwortlich zu sein. "Eine Gemeinde braucht keine Steuern auf Vorrat", verteidigt sich Glarner. Doch darum geht es im Moment nicht. Zollikons Kassen sind leer. Der Haushalt der Gemeinde schließt seit einigen Jahren mit einem Verlust von mehreren Millionen ab. Heuer, so rechnet der Gemeinderat, werden es 6,4 Millionen Franken sein. Bis vor Kurzem konnte die Gemeinde das Defizit noch mit Eigenmitteln aus fetten Jahren ausgleichen. Jetzt droht eine Verschuldung. Zudem sinken aus Gründen, die niemand wirklich kennt, die Steuereinnahmen.

Zollikon ist kein Armenhaus. Im Süden grenzt die Ortschaft mit 12.000 Einwohnern an die Villengemeinden Küsnacht und Zumikon sowie an den Golf und Country Club Zürich; im Norden fließt sie in die Stadtzürcher Edelquartiere Seefeld und Witikon. Im alten Bahnhofshäuschen ist eine Agentur für exklusive Immobilien untergebracht. Auf den Straßen kreuzen Mercedes und Alfa Romeo, im Dorfkern findet man eine Maßschneiderei und ein Reformhaus, und an bester See-Hang-Lage reihen sich Belle-Epoche-Villen und Zeugnisse moderner Glas- und Stahlarchitektur aneinander. Würde Zollikon den Kommunismus einführen, bekäme jeder steuerpflichtige Bürger ein Vermögen von 1,4 Millionen und hätte ein jährliches Einkommen von 112.000 Franken. Gemessen an der Steuerkraft von 2010, ist das Dorf die siebtreichste Gemeinde im Kanton Zürich.

Doch seit Kurzem werden im Zolliker Gemeindehaus keine Blumensträuße mehr aufgestellt. Der Winterdienst war zeitweise eingeschränkt. Und die Schüler mussten auf den Skitag verzichten. Seit die Gemeindeversammlung den Voranschlag mit großer Mehrheit versenkt hat, wird Zollikon mit einem Notbudget regiert. Bis ein ordentliches Budget beschlossen ist, muss der Gemeinderat jeden Franken, der nicht für eine gesetzlich vorgeschriebene Leistung eingesetzt wird, zweimal umdrehen.

Die Gemeindeversammlung vom 7. Dezember war der vorläufige Höhepunkt eines Streits, der sich um die Frage dreht, wie die finanzielle Abwärtsspirale aufzuhalten sei. Es fielen harte Voten. "Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken", meinte ein aufgebrachter Bürger zum Gemeinderat, dessen Budget eine Erhöhung des Steuerfußes von 79 auf 85 Prozent vorsah. Der Steuerfuß ist der Prozentsatz des Kantonstarifs, den eine Gemeinde braucht, um ihren Bedarf an Steuergeldern zu decken. SVP und FDP, die Rechnungsprüfungskommission und 328 der knapp 500 anwesenden Zolliker gingen auf die Barrikaden und wiesen das Budget zurück. "Wir haben abgelehnt, weil der Gemeinderat entgegen seinen Versprechungen das Defizit nur mit höheren Steuern bekämpfen wollte. Wir vermissten die Sparbemühungen", sagt FDP-Präsident Marc Raggenbass, dessen Partei drei der sieben Exekutivsitze und mit dem Vertreter der SVP die bürgerliche Mehrheit hält. Der Gemeinderat solle erst das "strukturelle Defizit" von mehreren Millionen pro Jahr beheben, fordert Raggenbass. Die Verwaltung arbeite noch nicht effizient genug, und bei Schule und Gemeinde gebe es Doppelspurigkeiten.

Hans Glarner habe Zollikon kaputtgespart, lautet der Vorwurf

Im Gemeindehaus empfängt Hans Glarners Nachfolgerin, Katharina Kull-Benz, FDP-Kantonsrätin und seit sechs Jahren Zollikons Gemeindepräsidentin. Man nutze schon heute Synergien, beispielsweise mit dem gemeinsamen Einkauf von Heizöl, versichert sie. "Der Bevölkerung zu suggerieren, damit spare man Millionen, ist irreführend." Da 80 Prozent der Ausgaben durch übergeordnetes Recht vorgegeben seien, so die HSG-Betriebswirtschafterin, habe man wenig Handlungsspielraum. "Ausgabensenkungen im großen Stil gibt es heute nur mit Leistungsabbau." Tatsächlich wirkt die Sparübung im überarbeiteten Budget etwas hilflos. Künftig verzichtet die Goldküstengemeinde darauf, Graffiti sofort zu entfernen. Damit spart man 16.000 Franken im Jahr. An der 1.-August-Feier fällt das musikalische Rahmenprogramm aus, und man spart bei der Plakatierung. Minus 14.200 Franken. Der Gemeinderat streicht den Legislaturschwerpunkt Energiestadt und verzichtet auf Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Sind 177.000 Franken weniger. Insgesamt spart die Gemeinde 1,6 bei einem Gesamtbudget von 161 Millionen.