Diese Ausstellung ist ein Witz. Ein sehr guter Witz. Am Domplatz in Münster, in der Buchhandlung neben dem Landesmuseum , steht in der hintersten Ecke zwischen Architekturbildbänden und Künstlermonografien eine Glasvitrine auf vier Beinen, etwa 80 mal 140 Zentimeter groß. Nicht in einem Museum, nicht im Kunstverein, sondern hier, in dieser Vitrine, zeigt Simon Denny seine Ausstellung Envisaging Vocational Rehabilitation . Und man kann nicht behaupten, dass auf den ersten Blick klar wäre, welche Arbeiten von Simon Denny sind – und worin sie eigentlich genau bestehen.

In der Vitrine liegen ein DIN-A4-Prospekt, geschlossen; der gleiche DIN-A4-Prospekt, geöffnet; eine Videokassette in einer weißen Hülle; ein Lehrbuch von der Grafik-Koryphäe Edward R. Tufte und ein Flyer für die Ausstellung. Für solche ebenso verspielten wie verrätselten Einfälle ist Denny berüchtigt. Der 29-jährige Neuseeländer ist einer der umtriebigsten jungen Künstler in Deutschland, seine Kunst war bereits in über 40 Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Auf der Based-in-Berlin -Ausstellung im vergangenen Sommer war er mit einer faszinierenden Installation vertreten, bei der ein schillerndes Aquariums-Panorama auf einen Fernsehschirm geklebt war, der wiederum wackelig auf einem alten Bürostuhl stand. Simon Denny ist Medienkünstler, und er liebt Fernsehgeräte. Von 2007 bis 2009 wurde er bei dem niederländischen Medienkünstler Willem de Rooij an der renommierten Städelschule in Frankfurt ausgebildet, danach zog er nach Berlin .

Die Vitrine in der Münsteraner Buchhandlung ist dann allerdings doch nicht alles, was Denny zu bieten hat. Sie ist nur gewissermaßen eine komprimierte Form seiner Schau. Öffnet man nämlich den Hochglanzprospekt und folgt den darin verzeichneten Links ins Internet , wird man in Dennys virtuelle Wunderkammer gesogen, voll mit vergnüglichem Blödsinn und intelligenten Kommentaren.

Denny interessiert sich in seiner Schau für den Westfälischen Kunstverein vor allem dafür, wie eigentlich Informationen so in Bilder übersetzt werden, dass man sie intuitiv versteht. Und er interessiert sich für das genaue Gegenteil: Was muss ich tun, damit die Bilder jedwede Information verschlucken? Simon Denny verwendet dafür Statistiken und Originalquellen aus der Doktorarbeit seiner Schwester Joanna Fadyl, die gerade im neuseeländischen Auckland über Vocational Rehabilitation – die berufliche Wiedereingliederung arbeitsunfähiger Menschen – promoviert. Daher der Titel der Ausstellung E nvisaging Vocational Rehabilitation .

14 Möglichkeiten rein gar nichts auszudrücken

Im Internet zeigt Denny eine Art PowerPoint-Präsentation, die sich in ihrer Kuriosität recht rasant steigert: Zu sehen ist ein Foto kriegsversehrter, beinamputierter Männer mit Hasen auf den Armen, man hört Synthesizerklänge und glockenhelle Soundstückchen, und am Ende stehen hellblaue Flächen mit weißem Text im Konfettiregen. Worum ging’s noch mal?

Dieser Moment ist kalkuliert. Denny hat genau recherchiert, um diesen Effekt zu erreichen: Fourteen Ways to Say Nothing with Scientific Visualization , 14 Möglichkeiten, mit wissenschaftlicher Darstellung rein gar nichts auszudrücken, so lautete ein Artikel in der Fachzeitschrift Computer aus den neunziger Jahren, den Simon Denny gelesen hatte und für die Vernissage in Münster groß auf Leinwand aufgezogen hat. Und dann gibt es noch die VHS-Kassette aus der Vitrine, auf der The Dangers of Glitziness gespeichert ist. Auch dieses einminütige Filmchen diente Denny als Inspirationsquelle. Man findet es ebenfalls auf YouTube. Es ist eine Satire eines US-amerikanischen Animationsexperten aus den neunziger Jahren, die mit so bombastischen Farb-, Glitzer- und Bewegungseffekten aufwartet, dass alle Informationen dahinter verschwinden.

Wie gelangt das, was ich sagen will, zu meinem Publikum? Simon Denny verhandelt in seiner Ausstellung eine der großen Fragen unserer Informationsgesellschaft. Es ist die entscheidende Frage in einer Zeit, in der Barack Obama US-Präsident wurde, weil er als Erster Soziale Netzwerke erfolgreich für sich nutzen konnte; er setzte auf ein ikonografisches Konterfei von sich und den sehr verdichteten Slogan "Yes we can" . Visuell und inhaltlich ständig präsent zu sein und doch herauszustechen ist längst eines der wichtigsten Ziele von Politikern, Firmen und Privatmenschen geworden. Zeitgleich – und das scheint beinahe ein Paradox zu sein – boomen wenig grelle, beinahe altmodische TV-Formate wie Talkshows, die allein auf die Kraft des gesprochenen Wortes vertrauen, ohne jegliche optische Ablenkung.