Die Kamera gleitet durch Vororte, schaut sich in Ruhe in einem der adretten Häuser um. Kein Zweifel, hier herrscht Ordnung. Auch die öffentlichen Plätze und Orte, die Carolin Schmitz’ Dokumentarfilm erkundet, berichten von geregelten Abläufen. Der Verkehr auf den Autobahnen fließt, ein Flugzeug landet, und ein Hotelfoyer wartet auf seine Gäste. Ausschließlich aus dem Off hören wir dazu Geschichten von Menschen, die sich von diesen modellhaften Deutschlandbildern entfernt haben, die der dahinterliegenden Mechanik ewigen Funktionierens nicht mehr folgen können oder es vielleicht auch gar nicht mehr wollen. Drei Frauen und drei Männer erzählen in dem so nüchternen wie beeindruckenden Film Portraits deutscher Alkoholiker von ihrer Sucht, von ihrer Angst vor Kontrollverlust, von ihrer Scham. Carolin Schmitz geht es dabei weniger um psychologisierende Fallstudien, vielmehr spürt sie die Verzweiflung, Selbsttäuschung und Kraftanstrengung auf, mit der die Vorstellung eines intakten Lebens aufrecht gehalten wird. Immer ungeheuerlicher, immer unbarmherziger wirken Schmitz’ Kompositionen einer Normalität, die den Einzelnen zum bloßen Rädchen im Getriebe macht, bis er ihr nur noch durch Selbstschädigung entkommen kann.