Nicolas Winding Refn schreibt und dreht Männerfilme. Zwischen Dealern, Schlägern, Menschenhändlern erfüllen Frauen als Nutten ihren Zweck, sonst sind sie meistens überflüssig. So etwas wie den Kuss zwischen Ryan Gosling und Carey Mulligan in seinem aktuellen Film Drive gab es bei Refn bislang nicht. Gleich danach wird ein Mann mit dem Fuß zerstampft.

Refns Figuren sind höchst gewalttätig. In Bleeder prügelt ein Mann seiner schwangeren Frau das Kind aus dem Bauch. In Pusher 3 werden zwei Männer mit einem Hammer erschlagen, ihre Leichen mit Schlachtermesser und elektrischer Säge zerlegt. In Walhalla Rising werden einem Wikinger bei lebendigem Leib die Eingeweide herausgerissen.

Gewalt nimmt im Kino viele Gestalten an, am heikelsten als voyeuristische Gewalt im Torture-Porn-Genre (Saw, Hostel). Politisch korrekt in sogenannten Antikriegsfilmen, deren Absicht vom faszinierten Starren pubertierender Jungs regelmäßig ins Gegenteil verkehrt wird. Fein ironisch als postmoderne oder Tarantino-Gewalt, die sich bei Jugendgefährdungs-Vorwürfen immer auf das künstlerische Spiel mit Genrezitaten herausreden kann. Refn zeigt eine neue Spielart, am klarsten in Bronson von 2009. Angeregt von der Biografie des britischen Strafgefangenen Michael Peterson, der sich als Boxer »Charles Bronson« nannte und 1974 wegen bewaffneten Raubüberfalls zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, erzählt Refn von einem unverbesserlichen Gewalttäter. Man kann diesen Mann, der immer wieder auszubrechen versucht, immer wieder die Wärter zusammenschlägt und dafür immer längere Haftstrafen bekommt, für geisteskrank halten. Refn sucht jedoch nicht nach Erklärungen sozialer oder psychologischer Art. Er und sein atemberaubender Hauptdarsteller Tom Hardy zeigen lediglich, dass hier einer nicht anders kann, als immer wieder zuzuschlagen. Bronson lässt sich weder durch verschärfte Haftbedingungen bessern noch durch den Zeichenunterricht, der seinen Aggressionen ein künstlerisches Ventil öffnen soll. Gewalttätigkeit ist hier ein essenzieller Bestandteil männlicher Würde, mit der Konsequenz lebenslanger Haft – nicht gerade eine staatstragende Idee, die Refn mit seiner artifiziellen und zugleich empathischen Regiekunst umkreist. Dieser Zugang erscheint aber allemal überzeugender als der Versuch des 1999 gedrehten Films Bleeder, die Entstehung von Gewalt aus der Verunsicherung des werdenden Vaters zu erklären; das bleibt so thesenhaft wie die Rolle des betont friedfertigen Videothekars, der sich von morgens bis abends Gewaltfilme reinzieht. Indes schreibt Refn auch hier so bizarre Dialoge, inszeniert mit so viel experimenteller Lust, dass man gerne zusieht.

In der Pusher-Trilogie (neu auf Blu-Ray), mit deren erstem Teil Refn 1996 berühmt wurde, liegen die Männer noch im Kampf mit sich selbst. Der Zyklus stellt je eine andere Figur der Kopenhagener Drogenszene in den Mittelpunkt. Im zweiten Teil von 2004 kämpft Mads Mikkelsen um die Anerkennung seines Vaters, eines städtischen Großkriminellen. Leider stellt er sich bei seinen Verbrechen genauso dämlich an wie beim Versuch, mithilfe von Pornos und Prostituierten eine Erektion zustande zu kriegen. In der Verdichtung des dokumentarischen Regiestils zur psychologisch intensivierten Tragödie ist gerade dieser Teil besonders beeindruckend. Er zeigt, dass Refn kein verspielter Genre-Regisseur ist, sondern Genres von innen heraus verwandeln kann.