Jetzt müssen die Kunsthändler Edvard Munchs Der Schrei von ihren geheimen Listen streichen . Jahrzehntelang hofften sie darauf, mit dem Verkauf der letzten Fassung, die noch in privater Hand war, betraut zu werden – vergeblich. Denn das Auktionshaus Sotheby’s bekam nun den Auftrag von dem Norweger Petter Olsen, das Meisterwerk am 2. Mai in der Abendauktion Kunst des Impressionismus und Klassische Moderne in ihrer Dependance in New York zu versteigern. Die inoffiziellen Listen der Branche kursieren seit Ende der achtziger Jahre, als Gemälde von Vincent van Gogh , Pierre-Auguste Renoir und Pablo Picasso den Weltrekordpreis für Kunstwerke innerhalb kürzester Zeit nach oben trieben. Vertreter der großen Auktionshäuser und Galerien begannen, sich unabhängig voneinander Gedanken darüber zu machen, was noch wo zu holen wäre, und notierten Werke, von denen sie wussten, dass sie noch in Privatbesitz sind. Ältere Mitarbeiter kramten in ihren Erinnerungen, man rief gute Kunden an und suchte frühe Ausstellungskataloge nach Werken ab.

Auf allen Listen standen anschließend die selben begehrten Werke weit oben – Paul Cézannes Kartenspieler aus der Sammlung Embiricos, van Goghs Selbstbildnis mit verbundenem Ohr aus der Sammlung Niarchos, Leonardo da Vincis Madonna mit der Spindel in US-Privatbesitz. Und ebenjene Pastellkreiden-Fassung des Gemäldes in Olsens Sammlung. Kein zweites Gemälde steht so für das Chaos und die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts wie Der Schrei von Munch. Marktbeobachter trauen dem Bild zu, den bisherigen Auktionsweltrekord für ein Gemälde zu brechen.

Diesen Rekord hält bisher Picassos Nackte, grüne Blätter und Büste von 1932, das im Mai 2010 für 106,4 Millionen Dollar versteigert wurde . Offiziell sind nur drei Gemälde bekannt, die noch teurer gehandelt wurden – allerdings in Privatverkäufen. Es ist also weniger Koketterie, als man vermuten würde, wenn Simon Shaw von Sotheby’s sagt, es sei sehr schwierig, den Wert einer solchen kunsthistorischen Ikone zu taxieren, da solche Werke nur sehr selten auf den Markt kämen. Er rechne damit, dass das Gemälde mehr als 80 Millionen Dollar erbringen könne. Einige Interessenten hätten sich bereits gemeldet. Den Wert steigert wohl auch die einzigartige Historie des Bildes. Das Meisterwerk erzählt die Geschichte einer Männerfreundschaft zwischen dem Künstler Munch und einem wohlhabenden norwegischen Reeder, von der Zeit des Nationalsozialismus’ und einem bösen Erbschaftsstreit zwischen zwei Brüdern.

Eingeliefert hat das Gemälde der Milliardär Petter Olsen, in dessen Familienbesitz einige der wichtigsten Munch-Werke sind. Bisher hing diese Fassung des Schreis – die farbigste aller Versionen – im Esszimmer seiner Residenz in Oslo. Nur auf diesen Rahmen hat Munch auf Norwegisch ein Gedicht geschrieben, das Kunsthistorikern als Schlüssel zur Interpretation des Jahrhundertbildes gilt: »Ich ging mit zwei Freunden den Weg entlang. Die Sonne ging unter, der Himmel wurde blutrot. Und ich spürte einen Hauch von Melancholie. Ich blieb stehen, ruhig, todmüde. Über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt hingen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter, ich blieb zurück, schaudernd vor Angst. Ich fühlte den großen Schrei in der Natur. EM«.

Wie die Familie Olsen, eine der reichsten Norwegens , in den Besitz des Bildes kam, ist nicht ganz klar. Vor 1933 hatte es dem jüdischen Bankier Hugo Simon in Berlin gehört, der nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten das Land verlassen musste. 1938 erwarb es dann Petter Olsens Vater Thomas Fredrik – nach Angaben von Sotheby’s direkt vom Bankier Simon, ohne dass dieser Verkauf unter NS-Druck stattgefunden hätte und ohne dass die Erben des Bankiers Ansprüche geltend machen würden. Nach 1937 hatte Thomas Olsen den Nazis ein Konvolut von Munch-Gemälden abgekauft, die als »entartet« eingestuft und daher aus deutschen Museen entfernt worden waren. Angeblich hatte Munch selbst Olsen um die Bilderrettung gebeten. Im Küstendorf Hvitsten, wo auch Munch 1910 ein Haus erworben hatte, waren die beiden Männer erst Nachbarn, dann Freunde, schließlich unterstützte der Reeder Olsen den Künstler Munch. 1932 malte Edvard Munch ein Porträt von Thomas Olsens Frau Henriette.

Als Olsen 1969 starb, kam es zum Erbschaftsstreit zwischen seinen beiden Söhnen. Henriette hatte dem älteren Sohn Fred, der das Unternehmen schon seit 1955 leitete, vorgeworfen, er hätte seinen Bruder aus der Firma gedrängt. Die Mutter vererbte einige wertvolle Munch-Bilder, darunter Der Schrei, ihrem jüngeren Sohn Petter. Fred Olsen klagte dagegen, verlor den Prozess jedoch und das Gericht sprach den Schrei endgültig Petter Olsen zu. Fred Olsen blieben andere Munch-Werke. Acht davon ließ er 2006 – ebenfalls bei Sotheby’s – für 16,9 Millionen Pfund versteigern.

Von der engen Bindung der Familie Olsen zu Munch sollen nun auch kommende Generationen profitieren. Petter Olsen kündigte an, er wolle den Ertrag aus der Versteigerung für den Bau eines Hotels und eines Museums auf seinem Gut Ramme Gaard bei Vestby verwenden. Dort möchte er unter anderem Munch-Ausstellungen zeigen.