Wer klug ist, hält jetzt lieber die Klappe. Manche Kollegen, die die Frauenquote ablehnen, aber keine Frauenfeinde sind, raunen einem auf dem Redaktionsflur zu, dass sie ihre Meinung für sich behalten, weil sie nicht als Chauvinisten gelten wollen. Manche Kolleginnen, die die Frauenquote fordern, obwohl sie deren Nachteile sehen, warnen, dass weibliche Quotenkritik als Opportunismus gegenüber den Männern missverstanden werden kann. Und dann kursiert noch die Meinung, dass Frauen ein ehrenwertes Frauenquotenprojekt nicht kaputt reden dürfen: Muss sich denn immer eine Frau finden, die allen anderen Frauen in den Rücken fällt?!

Ja, liebe Frauen, Männer und Menschen, solche Diskursfallen entstehen, wenn man eine Benachteiligung durch eine fragwürdige Bevorteilung auszugleichen versucht. Fragwürdig an der immer populäreren Frauenquote bleibt ja, dass sie aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit ein Sonderrecht etabliert. Denn der Zugang zu Führungspositionen im Journalismus ist kein Menschenrecht und kein Wahlrecht, das für alle Bürger gelten muss. Führungspositionen sind ein Privileg. Sie werden frei vergeben, also hoffentlich nach bestem Wissen und Gewissen, aber eben auch nach Gutdünken. Solange Chefs nicht von unten gewählt, sondern von oben bestimmt werden, gibt es ein Moment von Willkür innerhalb der Entscheidungsfreiheit. Es lässt sich auch durch eine Quote nicht abschaffen. Aber die Quote kann den Anschein erwecken, dass Frauen willkürlich bevorzugt werden, indem man ihnen garantiert, was man Männern nicht garantiert. Die Quote, deren Ziel die Gleichbehandlung ist, suggeriert nebenbei, dass die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen unter gewissen Umständen gerechtfertigt sei.

Das ist sie aber nicht. Die Quotenbefürworter haben ja recht, wenn sie die Männerübermacht in den Redaktionen kritisieren, zumal Frauen mit Führungsqualitäten oft von Männern ohne Führungsqualitäten kommandiert werden. Aber müssen wir deshalb Frauen zur schützenswerten Art erklären? Frauen sind auch bloß Menschen. Und positive Diskriminierung ist die Kehrseite negativer Diskriminierung. Das Frausein zur entscheidenden Eigenschaft zu erklären hat etwas unangenehm Biologistisches. Es wertet Frauen ab und unterstellt, dass sie naturgemäß nicht nach denselben Regeln spielen wie Männer.

Gesetzt, die Regeln im Berufsalltag sind immer noch männergemacht und frauenfeindlich: Dann muss man eben die Regeln abschaffen, statt komplementäre aufzustellen, die dem Chauvinismus argumentativ auf seiner eigenen Ebene begegnen. Pierre Bourdieu schreibt über männliche Herrschaft: "Viele Positionen sind für Frauen deshalb so schwer erreichbar, weil sie maßgeschneidert sind für Männer, deren Männlichkeit durch Entgegensetzung zu den Frauen konstruiert wurde." Diese Konstruktionen verändern sich aber. Viele Männer haben heute mit autoritären männlichen Chefs ganz ähnliche Probleme wie Frauen. Viele Männer wollen als Chefs nicht mehr herrschen, sondern führen. Es ist kein bloßes Geschlechterproblem, sondern ein Herrschaftsproblem. Deshalb wäre es schade, jetzt Männer und Frauen auseinanderzudividieren, die sich gar nicht als Feinde in einem Machtkampf verstehen. Frauen sind nicht das Gegenteil von Männern. Und wo heute noch eine fiese Herrenkultur herrscht, kann man diese Herren ja gemeinsam niederkonkurrieren.

Evelyn Finger ist verantwortliche Redakteurin für das Ressort Glauben & Zweifeln.