"Ich werde unangemessen geliebt, und ich werde unangemessen gehasst", hat Joachim Gauck einmal die Gefühle beschrieben, die er gemeinhin auslöst. So dürfte ihn wenig wundern, was derzeit in der deutschen Öffentlichkeit mit ihm geschieht. Als Konsenskandidat ist Gauck nominiert worden . Aber nun polarisiert der künftige Bundespräsident, vor allem unter Linken, Grünen und Liberalen. Als "reaktionärer Stinkstiefel" wurde er in der taz bezeichnet , worauf der grüne Fraktionschef im Bundestag, Jürgen Trittin , dem linksalternativen Blatt "Schweinejournalismus" attestierte. Überall werden in diesen Tagen inkriminierte Zitate des Präsidentschaftsanwärters skeptisch hin und her gewendet. Dafür bejubelt inzwischen die Union den Kandidaten, den die Kanzlerin so gern hatte verhindern wollen.

Dass sich nun ehemalige Bürgerrechtler und SED-Nachfolger aus der Linkspartei zusammenfinden und Gauck kritisieren, wirkt nur auf den ersten Blick skurril. In Wahrheit ist es nicht überraschend. Denn mit seinen Weggefährten aus der DDR-Opposition, aber auch mit der Linkspartei und mit den Grünen hat Joachim Gauck harte Kämpfe ausgetragen, seit er 1989 die politische Bühne betrat. Das zieht sich bis in diese Tage.

Dass sich der Rostocker Pastor erst im Wendeherbst der Opposition gegen das SED-Regime anschloss, ist einigen Bürgerrechtlern der ersten Stunde ein Dorn im Auge. Gauck selbst hat immer eingeräumt, "kein Fundamentaloppositioneller" gewesen zu sein, als Bürgerrechtler sieht er sich schon. Er war in den 1970er und 1980er Jahren ein systemkritischer Geistlicher, wurde von der Staatssicherheit beobachtet und war im Oktober 1989 in Rostock Mitbegründer des Neuen Forums, der einzigen Oppositionsbewegung, die im Herbst 1989 Massenzulauf fand.

Hans-Jochen Tschiche, einer seiner einstigen Weggefährten, hat Gauck nun den Ehrentitel eines "Bürgerrechtlers" abgesprochen. Das wirkt wie eine späte Reminiszenz an die DDR-Oppositionsszene, die sich selbst in der kurzen Phase, in der sie plötzlich geschichtsmächtig wurde, eifersüchtig belauerte. Doch wenn man Tschiches zornigen Einspruch gegen den künftigen Bürgerrechts-Präsidenten nicht einfach als späten Neidreflex abtun will, lässt er sich am ehesten aus dem Grundsatzstreit der Wendezeit verstehen, in dem Gauck eine exponierte Rolle spielte: dem Verhältnis zur deutschen Einheit.

"Ob das einer linken Schicht in der Bundesrepublik nun passt oder nicht"

Als das SED-Regime im Oktober 1989 zu implodieren begann, entwickelten alle prominenten Wortführer der Opposition – Bärbel Bohley , Gerd und Ulrike Poppe, Jens Reich , Konrad Weiß oder Werner Schulz – Vorstellungen über eine eigenständige, demokratische DDR. Joachim Gauck hingegen spürte schnell, wie fremd solche Überlegungen der Mehrheitsgesellschaft waren: "Den Bürgerbewegten mit ihren meist linken Positionen kam schnell die Meinungsführerschaft abhanden", konstatierte Gauck. Spät zur Opposition gestoßen, war er unter den Ersten, die sich für eine schnelle, bedingungslose Vereinigung mit dem westlichen Deutschland aussprachen. Er suche nach "Konzepten, die gesellschaftlich umsetzbar sind", bekannte er bereits im Januar 1990: "Ob das einer linken Schicht in der Bundesrepublik nun passt oder nicht: Dann stellt sich die Frage der Einheit und der Marktwirtschaft."

In seiner Rede zum zehnjährigen Jubiläum des Mauerfalls resümierte Gauck die damalige Lage: "Die Weisheit der Massen bestand 1989 darin, den Leuten, die von Visionen redeten, zu sagen, lasst uns doch erst mal in den Westen gehen, dort gelten Bürger- und Menschenrechte, es gibt eine funktionierende Demokratie und Ökonomie." Nie wieder habe er einen "so tiefen Respekt vor dem Volk empfunden wie 1989", als es instinktiv und im Bewusstsein seiner unmittelbaren Interessen allen linken Träumen eine Absage erteilte.

Mit dieser Position war Gauck auf der Führungsebene der Opposition isoliert. Umso konsternierter waren seine Widersacher, als er Ende Januar 1990 die Mehrheit des Neuen Forums für seine Position gewann. Aus dieser Zeit rührt die Entfremdung eines Teils der Bürgerrechtsbewegung von Gauck. Und umgekehrt: dass die Opposition ihre wachsende Distanz zu den Bürgern nicht wahrhaben wollte, wurde zur Schlüsselerfahrung, aus der sich Gaucks Skepsis gegenüber allen Spielarten der Linken fortan speiste.