Als am 1. März 2002 die Triebwerke der Ariane-Rakete gezündet wurden, zitterten Tausende Forscher mit. Im Falle eines Absturzes wären nicht nur zwei Milliarden Euro im Meer verschwunden, sondern auch viele Karrieren ramponiert worden. Minuten später konnten sich die Beobachter entspannen. Envisat erreichte unversehrt seine Umlaufbahn in 800 Kilometern Höhe, alle zehn Instrumente funktionierten einwandfrei. Und das tun sie bis heute.

Über 50.000-mal hat Envisat inzwischen den Globus umkreist. Seine Messungen funkt er auf die Erde. Dieser Datenstrom würde alle vier Minuten eine CD-Rom füllen. Viele Werte stehen in Echtzeit zur Verfügung. Wissenschaftler aus aller Welt können sich kostenlos bedienen. Die ursprüngliche Absicht, einen Teil der Daten zunächst exklusiv an Stadtplaner oder Reedereien zu verkaufen, wurde schnell wieder aufgegeben.

Monsterwellen, Waldbrände, Erdbeben, Ozonlöcher, Meeres- und Luftverschmutzung, Überschwemmungen, Klimawandel – es gibt kaum ein wichtiges Umweltthema, zu dem Envisat keine Daten beigetragen hat. Seine Radare, seine Spektro-, Radio- und Interferometer beobachten Gletscher beim Kalben von Eisbergen. Sie bestimmen die Höhe von Wellen und Meeresspiegel auf den Zentimeter und die Wassertemperatur auf das Grad genau. Sie können ein abgeerntetes Feld von Brachland unterscheiden, spüren winzige Mengen Methan und Ozon in der Atmosphäre auf und erkennen sauren Regen.

Envisats besondere Stärke ist die kombinierte Auswertung mehrerer parallel arbeitender Instrumente. Einen vergleichbar großen Nachfolger wird es für die Erdbeobachtung nicht mehr geben. Der logistische Aufwand für die Integration der verschiedenen Messgeräte in einem einzigen Satelliten und das Risiko eines Fehlstarts sind der Esa zu groß geworden. Envisats Nachfolger werden deutlich kleiner – und zahlreicher. Statt eines großen wird Europa künftig eine ganze Flotte kleiner Umweltsatelliten im Orbit haben. Dank exakter Zeit- und Ortsangaben können Forschungsprojekte auch deren Messwerte kombiniert auswerten.

Noch ein, zwei Jahre lang wird Envisat Daten liefern, dann ist sein Treibstoffvorrat aufgebraucht. Im Blindflug wird der acht Tonnen schwere Koloss vom Format eines Doppeldeckerbusses dann für Jahrzehnte die Erde umkreisen, bevor er in die oberste Luftschicht absackt und verglüht. Es sei denn, er gerät zuvor auf Kollisionskurs mit einem anderen ausgedienten Raumfahrzeug und wird beim Zusammenstoß in Weltraumschrott zerlegt. Der größte Umweltsatellit würde dann als großer Verschmutzer in die Geschichte eingehen.

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