Der Schweizer Autor Felix Philipp Ingold während des Baseler Buchmesse im November 2011© dpa

Felix Philipp Ingold ist ein Homme de Lettres, wie er im Buche steht. Er hat mehrere Gedichtbände publiziert, Dichter aus dem Französischen und Russischen übersetzt, als Rezensent Bücher für Zeitungen besprochen und als Literaturwissenschaftler eine einschüchternde Publikationsliste vorzuweisen. Er hat auch ein Buch geschrieben, das den Titel: Das Buch im Buch trägt und ein Buch über Bücher ist, die durch andere Bücher geistern.

Nun hat der große Gelehrte einen Roman geschrieben, der sich wie ein Querschnitt seines Schaffens liest. Alias lautet der vielsagende Titel, sodass schon vor dem Aufschlagen des Buches der Grundton des Abweichenden, der Verschiebung angeschlagen ist. Ingold erzählt die Geschichte seines verstorbenen wolgadeutschen Freundes Kirill Beregow alias Carl Berger. Der wiederum hatte in der Sowjetunion unter dem Pseudonym Michail Choloschow einen gefeierten Kriegs- und KZ-Roman mithilfe des Berichts eines Freundes geschrieben. Ingold erzählt also die Geschichte eines Mannes, der die Geschichte eines Mannes erzählte, der, wer weiß, die Geschichte eines Mannes... Um mit Hugo von Hofmannsthal zu sprechen, den Ingold in seinem Buch im Buch zitiert: Der Autor »ist immer an einer anderen Stelle, als er vermeint wird«.

Schon diese Konstruktion weist Alias als ein äußert artifizielles Gebilde aus. Zugleich aber gibt sich Ingold viel Mühe, uns vom Gegenteil zu überzeugen: Teile des Romans geben Interviews wieder, die der Autor mit Beregow geführt haben will, in indirekter Rede wird ein Verhör aus Mauthausen rapportiert, das Berger nach der Befreiung des Lagers protokolliert haben soll, historisches Personal tritt auf, und als Anhang sind Fotos abgedruckt, deren dokumentarischer Charakter die Authentizität des Erzählten zu verbürgen scheint.

Was dabei erzählt wird, ist der reinste Irrsinn. Nur mit Glück entgeht Beregow dem Schicksal seiner Eltern, Kommunisten der ersten Stunde, die als Wolgadeutsche nach dem Einfall der Wehrmacht ins Land für Verräter gehalten und hingerichtet wurden. Als Waise gelangt er an die Front und überlebt ein Himmelfahrtskommando an der Seite von Partisanen. Er steigt im sowjetischen Militärapparat auf, als Oberst ist er bei der Befreiung Wiens dabei. Bei der Auflösung des KZ Mauthausen lernt er seine spätere Frau kennen, die er mit nach Leningrad nimmt. Dort lässt er sich als Schriftsteller nieder und verfasst angepasste, vaterländische Literatur, mit zweifelhaftem Erfolg. Seine Frau verlässt ihn dafür, und in den Gulag wandert er trotzdem.

Nicht nur der Autor ist immer an einer anderen Stelle, als dort, wo man ihn sucht: Auch den Figuren geht es so. Nirgends kommen sie zur Ruhe, nirgends ist Heimat. Wenn das Buch etwas fest umreißt, dann ist das der Wirbel der Geschichte in ihrer unverdünnten Willkür. Das Datum 1989 markiert für Beregow da nur eine weitere Wende: Er darf ausreisen, nicht aber nach Deutschland, sondern nach Israel , wo er von jugendlichen Russland-Aussiedlern, die sich als Neonazis gebaren, halb totgeprügelt wird. Schließlich gelangt er doch noch nach Deutschland, gabelt bei einer Spritztour eine junge Frau auf, fährt mit ihr flitterwochenhaft nach Wien , zeigt ihr Mauthausen – und wird dort vom Schlag getroffen.

Und das soll eine wahre Geschichte sein, wie Ingold in einer Art Präambel es dem Leser versichert? Oder ist Alias mit seinen Unwahrscheinlichkeiten nicht doch ein moderner Schelmenroman, Voltaires Candide, ins 20. Jahrhundert verschlagen? Dieser Zweifel, oder um es im Vokabular der Postmoderne zu sagen: dieses Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit konstruiert und strukturiert, oder besser dekonstruiert und destrukturiert, den gesamten Roman. Stilistisch schlägt sich das nieder, indem klangvolle Beschreibungen neben nüchternen Tatsachenberichten stehen, die in dunkelsinnige Sätze reiner Poesie münden.

Man kann Ingold einiges zugutehalten. Er betreibt sein Spiel virtuos. Der Roman zeigt, zu welchen Verheerungen Ideologie führt, das heißt dann, wenn Menschen vom Glauben beseelt sind, die Wirklichkeit lückenlos definieren zu können, und die Fiktion dafür in Dienst nehmen. 

Allerdings vergisst Ingold, dass wir nicht mehr im Jahr 1988 sind, in jenem Jahr, als seine Schrift Das Buch im Buch die Praxis und Herkunft dekonstruktiver Literatur erklärte und verteidigte. Diese ganze Theorie wird nun in dem Roman umgesetzt, mit lauter Signalsätzen, die ans Proseminar adressiert scheinen (»Ich! Aber wer mag das gewesen sein?«). Und so ausgefuchst die Spiegelungen und Verschiebungen im Roman auch sind: Sie wirken heute aufgesetzt. Am besten wäre es vielleicht, Ingold vergäße, was er alles weiß. Er könnte einen richtig guten Roman schreiben, nähme er sich nicht vor, dabei auch furchtbar schlau zu sein.