»Willkommen auf der M25«, sagt Nigel Pullen ins Mikrofon, als der Reisebus von der M23 nach links auf die Londoner Ringautobahn einbiegt. »Dies ist der langweiligste und meistgehasste Ort in England , the road to hell , wie Chris Rea so treffend singt. Wir nennen sie auch Londons größten ringförmigen Parkplatz.« Nigel – dunkler Anzug und Firmenkrawatte – will uns die Augen für die verborgenen »faszinierenden Seiten« der M25 öffnen, des 188 Kilometer langen Bandes, das die Verkehrsinsel London wie ein Atoll umschließt. Täglich drängen bis zu 196.000 Autos über die sechs und acht Spuren. Warum sollte man sich freiwillig und ausflugshalber an diesen Höllenort begeben?

»Ist natürlich nicht ernst gemeint«, sagt Geschäftsführer Ian Miller, der sich die »M25 Orbital Coach Tour« für die Passagiere seiner Busgesellschaft ausgedacht hat und die Testfahrt begleitet. »In Zeiten der Krise wollen die Leute ein bisschen aufgeheitert werden«, und 15 Pfund sind ja nicht die Welt, um einen halben Tag lang einmal im Uhrzeigersinn um London herumzugurken – auch wenn nur Asphalt, Schilder, Blech und randständiges Besengestrüpp zu sehen sind.

Die Fahrt geht mit einer Unterbrechung in einer »netten englischen Raststätte« durch Surrey, Buckinghamshire, Hertfordshire, Essex und Kent, Grafschaften, die das graue Band der Beschleunigung oder des Stillstands verbindet und die sich hüten, ihre Schönheiten an der M25 auszustellen. Der Unterschied zum genervten Autofahrer ist, dass die Buspassagiere als Zuschauer etwas erhöht über dem Geschehen sitzen und sich von Nigel am Mikrofon bespaßen lassen.

Im Oktober 1986 hatte Margaret Thatcher den Autobahnring eingeweiht. Eine Minute nach der Eröffnung blieb das erste Auto auf der Strecke liegen. Allerdings, sagt Nigel, und eine gewisse grimmige Freude am Versagen der Autoritäten scheint seinen Vortrag zu leiten, sei dies nur der Beginn zahlreicher Pannen und Pleiten gewesen. Seit 1905 war die Umgehungsstraße geplant worden, damals noch als zweispurige Piste durch eine unbescholtene Landschaft, in der die Londoner Nervenheilanstalten lagen. Manche glauben, dass inzwischen die Insassen dieser Anstalten die Verwaltung der Vorgänge auf und an der M25 übernommen haben.

Hier etwa, im Terminal 5 des Flughafens Heathrow , unter dessen Randbebauung der Bus einen Schlenker fährt, gab es bei der Eröffnung 2008 ein übles Durcheinander. Sechzehn Meilen Gepäckbänder streikten, viertausend Passagiere standen ohne ihre Koffer da. Ein paar Kilometer weiter links wurde auf dem Seitenstreifen ein Mann auf dem Weg nach Dover von einem Messerstecher ermordet. Dort rechts auf einem Quadratkilometer verwüsteten Ackers wird bis zum Sommer ein neues Service Centre entstehen, Tankstelle, Supermarkt und Raststätte, selbstverständlich umweltfreundlich mit Regenwassersammelanlage.

Gern hören wir auch die Geschichten berühmter Staus, wie von dem im Januar 2009, als ein Wintereinbruch die M25 für 17 Stunden lahmlegte und das Rote Kreuz die Eingeschlossenen mit Tee und Decken versorgte. Kamen vermutlich mit dem Hundeschlitten. Kleiner Scherz.

Das Versprechen eines gleichwertigen Schlamassels schwebt unausgesprochen über der Rundreise, erfüllt sich jedoch nicht. Der Bus rollt flüssig und gesittet mit 100 Stundenkilometern im Verkehrsstrom. Keine Baustelle, keine Panne, nicht einmal die kleinste Messerstecherei auf dem Seitenstreifen sorgt für Zerstreuung. Für den angekündigten legendären Neun-Meilen-Feierabendstau am Autobahnkreuz M25 / M26 / A21 kommen wir zu früh. Enttäuschend auch die flotte Durchquerung der Mautstelle hinter der Dartford Bridge, die wie an den Saiten von vier großen Harfen aufgespannt über der Themse liegt. »Sehr ungewöhnlich«, bedauert Nigel.

In Höhe des Flughafens Gatwick schließt sich der Kreis. Manchmal, sagt der Busfahrer, entscheide er sich dort, einfach nach rechts statt nach links auf die M25 abzubiegen. Gegen den Uhrzeigersinn – das muss die Hölle sein.

Die nächsten Termine für die »M25 Orbital Coach Tour«: 22.3. (bereits ausgebucht), 24.4., 9.5. und 11.10. Der Bus der Brighton & Hove Coach Company startet in Brighton. Nähere Informationen unter www.buses.co.uk