Nee, oder? Zunächst sah ich ihn nur aus dem linken Augenwinkel, auf der Passstraße von St. Moritz ins Bergell, im unscheinbaren Straßendorf Maloja. Einen kolossalen Palast mitten in den Bergen. Hatte der sich im Ort vertan? Ich wollte ihn mir ansehen und bin dann doch weitergefahren. Zurück daheim, suchte ich im Internet nach dieser mächtigen Neorenaissancefassade. Sie gehörte zum Maloja Palace , einem Hotel. Komischerweise konnte es keine Sterne vorweisen. Aber allein schon seine großartige Deplatziertheit machte es unwiderstehlich.

Nun, ein ganzes Jahr später, fahre ich auf derselben Straße. Gleißendes Licht liegt über den dicht beschneiten Zweieinhalbtausendern, ein paar Hundert Meter weiter glitzert der Silsersee. Diesmal biege ich kurz vor dem Dorf auf den Weg zum Palasthotel ab. Drei Fahnen flattern im eisigen Wind. »Organic Food« steht auf einer, etwas von Luxussuiten auf einer anderen. Wild tanzen die Schneeflocken. Durch knietiefen Schnee stapfe ich an der Vorderfront entlang. Fünf Stockwerke hoch ragt rechts von mir die Fassade auf. Mittig führt eine Treppe durch einen Wintergarten, der wie ein Brennglas das Sonnenlicht bündelt. Jugendstilgravuren in den Fensterscheiben malen ein Muster auf den Piz Margna. Man tritt in das Hotel Maloja Palace wie in einen Traum.

Leider steht niemand an der Rezeption, um mein Entzücken zu bemerken oder mir Auskunft zu geben. Daheim habe ich mir angelesen, wie der Palast ins Niemandsland kam: Ein belgischer Graf ließ ihn vor 130 Jahren errichten. In nur 15 Monaten entstand ein Prunkhotel mit 300 Zimmern, mit Ess- und Ballsälen, ein »Monte Carlo der Alpen «. Aber was ist davon geblieben?

Eigentlich wollte der Graf sein Gigaprojekt in St. Moritz ansiedeln

Leicht verspannt ob der irritierenden Leere ringsum, lasse ich den Blick durch die hohe, von sechs massiven Säulen getragene Eingangshalle schweifen. Hier hat einst die Crème de la Crème getafelt und getanzt! Eigentlich hatte Graf Camille de Renesse sein Gigaprojekt in St. Moritz ansiedeln wollen. Der ehrgeizige Unternehmer plante, außer den Sommerfrischlern auch Wintergäste anzulocken und damit den Saisonbetrieb um Monate zu verlängern. Für damalige Verhältnisse war das eine revolutionäre Idee. Die St. Moritzer Hoteliersdynastie Badrutt hatte sie allerdings schon etwas eher, und sie verstand es, sich den Konkurrenten vom Leib zu halten. So kam Renesse nach Maloja.

Ob es ihm heute noch in seinem Haus gefiele? Der Teppich ist ein wenig verschlissen, und der große schmucklose Leuchter ist bestenfalls ein Verweis auf den Kronleuchter, der hier mal gehangen haben muss. Dafür ist das Treppenhaus noch immer atemberaubend: viele Meter breit, schmiedeeisern eingefasst, über vier Stockwerke nach oben führend. In einer der Sofasitzecken hocken zwei Paare mit Kind, das Gepäck noch neben sich. Auch sie schauen suchend umher. Irgendwann kommt eine junge Frau in Jeans und Sportjacke, sie verteilt Zimmerschlüssel. Nein, ein Restaurant gebe es nicht im Hotel, auch keine Bar.

Also noch mal tief durchatmen. Die Treppe in die Beletage nehmen. Die Suite ist top! Ich könnte mich Rad schlagend zwischen den beiden Wohnräumen bewegen, so geräumig sind sie. Die sparsame Einrichtung wurde mit Liebe ausgesucht: ein antikes Buffet, ein großer Tisch, ein Schrank, makelloses Parkett. Hinter hohen Bogenfenstern sehe ich den Schneesturm wirbeln.

Ja, das Parkett! Auch bei einem jungen deutsch-italienischen Gästepaar sorgt es für Begeisterung, wie ich später in der Lobby erfahre. Äußerst besorgt hatte Martin Riegger, ein junger Arzt aus Lörrach, vorhin von den hohen Ansprüchen seiner Frau gesprochen. Um nun strahlend zu berichten, dass sie im Zimmer sogar barfuß umherspaziert sei! Zum Abendessen hat mich heute Amedeo Clavarino geladen, Millionär aus Genua, in London lebend und seit 2006 Besitzer des Palace. Aber wohin, da es doch kein Restaurant gibt? Womöglich in einen diskreten Winkel des wundervollen alten Speisesaales, in den ich schon hineingelinst habe – endlos lang, runde Tische, lauschige Sitzgruppen?

Nein, ins Golfhaus, informiert Daniela Dolci, eine schmale Frau, die hier arbeitet. »Es liegt hinter dem Haupthaus. Da gab es früher mal einen Golfplatz.« Doch statt, wie geplant, diesem Dinner strahlend und hochhackig entgegenzuschreiten, schlittere ich aufs Peinvollste hinein. Denn der Weg in den Appendix des Palastes führt nicht innen hindurch, sondern außen herum. »Leider, Signora...«