Die beiden sagen in den ersten Polizeivernehmungen 1993 ähnlich aus. Im Nachhinein lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, ob sie mehrere Wochen oder zehn Tage im Jasmin waren. Kopp sagt, sie müsse vor Weihnachten 1992 dort angekommen sein. Im Kassenbuch, das die Polizei später im Jasmin findet, wird Kopp das erste Mal am 18. Januar 1993 erwähnt. Sie sagt selbst, sie habe damals jedes Zeitgefühl verloren. Manchmal scheint sich ihre Zeit im Jasmin endlos auszudehnen, manchmal scheint sie sich auf wenige Augenblicke zu verkürzen.

Sie sind in jenen Tagen fünf Mädchen im Bordell, keines ist älter als 18. Sie sind zu verschiedenen Zeitpunkten und auf verschiedenen Wegen dorthin gelangt. Eines von ihnen wurde, wie sich später herausstellte, sogar durch einen Polizeibeamten dorthin gebracht. Die jungen Frauen leben in einer Gemeinschaft, und doch bleibt jede für sich, jede versucht, auf ihre Weise zu überleben. Sie sollen Kugler 1000 Mark die Woche zahlen, 150 Mark verdienen sie für einmal Geschlechtsverkehr, das Wochensoll schafft – außer manchmal Trixi – keine von ihnen. Mandy weiß nicht mehr, wie viele Freier sie bedienen musste. "Ich war in einem Trancezustand, nicht wirklich dabei." Kugler habe sie und ihre Familie mit dem Tod bedroht, er werde sie erschießen, wenn sie abhaue. Wer nicht mit ihm schlafen wollte, sei mit einer Peitsche oder einem Gürtel geschlagen worden. Die Wochen im Jasmin sind ein fortwährendes Martyrium: "eine immer wiederkehrende Vergewaltigung", wie Mandy sagt. Die Erinnerungen daran bestimmen ihr Leben bis heute.

Draußen, in der Idylle, ist es dunkel geworden. Kopps fünfjähriger Sohn geistert im Treppenhaus herum, er kann nicht einschlafen. Es ist, als lasse die Geschichte seiner Mutter auch ihm keine Ruhe. Kopps neuer Freund Pierre sitzt neben ihr und hält ihre Hand. Seit zwei Jahren sind sie zusammen, sie malen beide und geben Kunstkurse. Mandy hat sich bemüht, ihre Erlebnisse zu vergessen, 1994 hat sie einen 20 Jahre älteren Mann geheiratet, Kinder bekommen, sich mit Arbeit abgelenkt. Aber bis heute hat sie Flashbacks: Sie durchlebt Szenen aus der Vergangenheit immer wieder, als wären sie real. In der Nacht schreckt sie mehrmals schreiend aus dem Schlaf. Sie macht eine Psychotherapie. Vor ein paar Jahren hatte sie auch noch Unterleibskrebs, und im vergangenen Jahr wurde bei ihr Epilepsie diagnostiziert. "Wir schaffen das schon", sagt Pierre und nimmt ihre Hand. Er spricht oft im Plural. Er hat sich völlig mit Mandys Schicksal identifiziert. Vielleicht geht es nicht anders. Kopp sagt, sie habe es durch seine Zuneigung auf 59 Kilo geschafft. So viel hat sie in den vergangenen 20 Jahren nie gewogen. Sie hatte alles versucht, Fresskuren, zum Mittag ein Viertelpfund Fleisch verzehrt. Es half nichts, 2004 war sie einmal so abgemagert, dass sie in die Klinik musste, um ihre Essstörung behandeln zu lassen. Sie wurde immer leichter, als wolle sie verschwinden. Vielleicht hat sie mit Pierre an ihrer Seite zum ersten Mal das Gefühl, sie habe Gewicht. Wenigstens im Privaten. Seit sie den neuen Gerichtstermin kennt, hat sie abermals vier Kilo verloren.

Immer wieder musste Mandy Kopp in den vergangenen 20 Jahren ihre Erlebnisse erzählen: 1993 kurz nach ihrer Befreiung aus dem Jasmin, 2000, als die Leipziger Polizei den Fall noch einmal aufrollte, 2008 bei der Dresdner Staatsanwaltschaft im Ermittlungsverfahren gegen die Juristen, die sie als ihre Freier erkannt haben wollte, und 2009 vor dem sächsischen Untersuchungsausschuss. An ihrem Leid besteht kein Zweifel. Nun geht es um die Details, darum, wie genau Erinnerungen sein können.

In der Anklageschrift wegen Verleumdung nennen die Staatsanwälte Mandy Kopp und Trixi "Prostituierte". Kopp ist darüber verzweifelt, empfindet es als Herabwürdigung. Es klingt, als sei sie selbst schuld an ihrem Schmerz. Dabei sagte sie schon 1993 in einer Polizeivernehmung: "Wenn mich der Kugler niemals geschlagen und eingeschüchtert hätte, so wäre ich niemals der Prostitution nachgegangen."

Einmal versucht Kopp damals, gemeinsam mit Sabine und einem anderen Mädchen zu fliehen, sie scheitern. Kugler findet sie und bringt sie zurück ins Jasmin. Jetzt kann Mandy Kopp auch darüber sprechen, was danach geschah. Zur Strafe sei sie in eine zweite Wohnung gebracht worden, erzählt Kopp. Dort habe Kugler ihr die Augen verbunden und sie nackt mehreren Männern überlassen. Sie hatte Todesangst. Mehr mag sie dazu nicht sagen. Wie lässt sich so etwas Jahre später beweisen? Wie soll man die Peiniger finden? Es ist aussichtslos. Kopp weiß das. Die schlimmste Drohung von Kugler sei damals "die Schweinemastanlage" gewesen. Kopp erzählt, sie habe dort mitansehen müssen, wie eine andere Frau halb totgequält worden sei. Die Erinnerung an die Schweinemastanlage ist der Grund, warum Kopp bis heute nicht ihren Keller betreten kann. Die gelblich gekachelten Wände des Kühlraums in ihrem Untergeschoss erinnern sie an die Szene von damals.

Mandy Kopp muss mit den Bildern in ihrem Kopf leben, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Sie höhlen das Selbstwertgefühl aus, zersetzen jede Selbstgewissheit. Kopp kann heute nicht mit Sicherheit sagen, ob die Tür des Jasmin wirklich immer abgeschlossen war. Zum Einkaufen verließen die Mädchen das Haus. "Man findet sich mit seinem Schicksal ab, stumpft ab", sagt sie. Im Nachhinein klingt das unglaublich und macht sie angreifbar.

"Man kann sich nicht mehr vorstellen, dass man befreit wird, man ist auch mental im System des Täters gefangen", erklärt Christian Pross, Professor für Psychotraumatologie an der Berliner Charité.

Am 28. Januar 1993 stürmt die Polizei die Wohnung in der Merseburger Straße. Die Mädchen werden befreit und vernommen, sie erzählen damals unterschiedliche Geschichten über Martin Kugler und über die Härte ihres Alltags im Jasmin. Dafür gibt es Gründe: Ein Mädchen, Trixi, ist in dieser Zeit mit Martin Kugler zusammen, eine andere erwartet ein Kind von ihm. Mandys Freundin Sabine, die der Polizei berichtet, Kugler habe sie zu "sexuellen Handlungen" gezwungen und wer nicht mit ihm schlafen wollte, sei mit einer Peitsche oder mit einem Gürtel geschlagen worden – diese Sabine wird ihn später heiraten und mit ihm ein Kind zeugen. Heute schweigt sie. Diese Geschichte ist auch eine Geschichte über die menschliche Seele und darüber, wozu sie in der Lage ist. Wenn man seinen Peiniger nicht besiegen kann, muss man sich mit ihm verbünden. "In der Situation des Ausgeliefertseins entwickelt man als Überlebensstrategie eine menschliche Beziehung zum Täter", sagt auch Christian Pross. Doch die Staatsanwaltschaft glaubt den beiden Frauen heute nicht. In ihren Augen macht auch die Detailtreue der Aussagen sie nun verdächtig. Wie kann es sein, dass einer Zeugin fast 20 Jahre später immer noch neue Einzelheiten einfallen? "Bei Traumatisierten gibt es eine Mischung aus Amnesie und fast fotografisch exaktem Gedächtnis. Der Verlust des Zeitgefühls ist geradezu typisch", sagt Pross. Doch eine Stimme wie seine mag anscheinend kein Richter, kein Staatsanwalt hören – in keinem Verfahren wurden bisher Psychologen oder Sachverständige hinzugezogen.

Kann es sein, dass Mandy Kopp sich täuscht, nicht mehr Herrin ihrer Erinnerungen ist? Ist es denkbar, dass eine schwer Traumatisierte das, was sie erlebt hat, in Menschen hineinprojiziert, die ihr begegnen? Es wäre möglich, aber sie ist mit ihren Aussagen nicht allein.

Wie es bei Opfern von Verbrechen häufiger der Fall ist, verhalten sich Mandy Kopp und die anderen Mädchen nach ihrer Befreiung widersprüchlich. Sie gehen nicht nach Hause, sondern kehren an den Ort ihres Leids zurück, in die Merseburger Straße 115. Sie sitzen auf dem Sofa, räumen die Wohnung auf, geben Interviews. Kopp sagt heute, sie habe sich wie eine Aussätzige gefühlt, keiner Familie mehr zugehörig. Ihre Wirklichkeit hatte sich zu weit von der Normalität entfernt. "Du kannst nicht einfach wieder in dein altes Leben zurück." Zu den Freiern werden die Mädchen damals weder von der Polizei noch später vor Gericht befragt. Sie kennen auch meist keine Namen, nur Pseudonyme. Fotos von möglichen Freiern werden ihnen erst Jahre später vorgelegt.